Erdbebenkatastrophe

Verzweiflung in Venezuela: Überlebende bangen um die Zukunft

Überlebende fragen sich, wie es nach dem Verlust ihres Zuhauses weitergehen soll.

Überlebende fragen sich, wie es nach dem Verlust ihres Zuhauses weitergehen soll. Foto: Stringer/dpa

Nach den schweren Erdbeben in Caracas haben viele Menschen wie Cerafín Owaldo ihr Zuhause verloren. Sie dürfen nicht mehr an ihr Eigentum heran – und fragen sich, wie es weitergehen soll.

Von Ivanna Laura und Andrea Sosa Cabrios, dpa 26.06.2026, 05:05 Uhr

Caracas. Cerafín Owaldo fleht um nur fünf Minuten. Der 74-Jährige steht vor seinem schwerbeschädigten Wohnhaus in der venezolanischen Hauptstadt Caracas, in dem er seit 40 Jahren lebt - und kann infolge der verheerenden Erdbeben nicht mehr hinein. „Bitte lasst uns wenigstens kurz hochgehen, um ein paar Kleidungsstücke, meine Kreditkarte und die Medikamente für meine Frau zu holen, die an Herzproblemen leidet!“, bittet er die Einsatzkräfte, die dort Trümmer beseitigen. Doch sie verwehren ihm den Zutritt. „Es dauert nur fünf Minuten. Gebt uns doch die Erlaubnis“, sagt der Mann verzweifelt. 

Seit den Erdbeben am Mittwochabend (Ortszeit) übernachtet Owaldo außerhalb seiner Wohnung im Stadtteil Pinto Salinas in einer Notunterkunft. Das Gebäude ist zwar nicht eingestürzt. Die Erschütterungen der Stärke 7,2 und 7,5 haben aber mehrere Wohnungen zerstört und so schwere strukturelle Schäden hinterlassen, dass es vorerst nicht mehr betreten werden darf. Vier Nachbarinnen Owaldos kamen ums Leben. Gemeinsam mit den anderen Hausbewohnern hat er vorerst Zuflucht auf einem nahegelegenen Sportplatz gefunden - und bangt um seine Zukunft.

Viele Wohnhäuser weisen nach den Erdbeben schwere strukturelle Schäden auf.

Viele Wohnhäuser weisen nach den Erdbeben schwere strukturelle Schäden auf. Foto: Ivanna Laura/dpa

So wie Owaldo geht es vielen der Überlebenden. Die Erdbeben haben nach Behördenangaben 250 Wohnhäuser entweder komplett zerstört oder schwer beschädigt, doch der Eindruck drängt sich auf, dass die wahre Zahl deutlich höher liegen dürfte. Zahlreiche Menschen werden noch unter den Trümmern vermisst - womöglich liegen dort Hunderte, vielleicht Tausende begraben, genau wissen wird man das wohl erst in einigen Wochen. Bisher nennt die Regierung eine vorläufige Zahl von 235 Todesopfern und mehr als 4.300 Verletzten. Auch hier ist wegen des Ausmaßes der Katastrophe davon auszugehen, dass es am Ende deutlich mehr sein werden.

„Wie werden die Behörden uns helfen?“

Im Stadtteil San Bernardino schauen José Ángel Ascanio und seine Frau dabei zu, wie die Trümmer eines eingestürzten Gebäudes weggeräumt werden. Es ist das Haus, in dem sie lebten. „Wir sind auf solche Ereignisse nicht vorbereitet. Sie haben zu lange gebraucht, ihnen fehlt die Technik, ihnen fehlen die Maschinen“, sagt er über die Bemühungen der Rettungskräfte. Einige seiner Nachbarn konnten nur noch tot geborgen werden. Mit bloßen Händen - und teils wohl auch unter Lebensgefahr - arbeiten sich die Helfer vor, um verschüttete Menschen aus den Trümmerbergen zu ziehen.

Ascanio hat zwar überlebt.Sein gesamtes Hab und Gut ist jedoch verloren. „Gott sei Dank konnte ich meine Frau und meine Eltern in Sicherheit bringen. Aber jetzt fragt man sich: Wie soll die Hilfe aussehen? Wie werden die Behörden uns helfen?“ Ascanio ist spürbar verzweifelt. „Wir hatten hier gerade erst diese Wohnung gekauft“, erzählt er. „Man versucht, sein Leben zu verbessern - und dann überrascht uns das Schicksal auf diese Weise.“

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