TWinzling unter den Vögeln bricht Streckenrekord von 444 Kilometern
Das Wintergoldhähnchen ist ein Zwerg unter den Vögeln. Foto: Paulin
Das Goldhähnchen ist ein wenig beachteter Winzling und wiegt nur fünf Gramm. Dabei leistet er Erstaunliches und baut Nester, die mehr als das Doppelte wiegen.
Landkreis. Große Vögel können faszinieren. Zum Beispiel Seeadler mit bis zu 2,40 Metern oder Weißstörche mit zwei Metern Flügelspannweite. Wir freuen uns, wenn wir ihren majestätischen Flug beobachten können. Das Leben kleiner Vögel spielt sich meistens im Verborgenen ab. Sie haben es oft schwer, unser Interesse zu wecken.
Paradebeispiele für wenig beachtete Winzlinge sind Goldhähnchen. Bei uns gibt es zwei eng miteinander verwandte Arten: das Sommergoldhähnchen und das Wintergoldhähnchen. Letzteres ist etwas kleiner, bleibt im Winter bei uns - deshalb der Name - und soll hier Thema sein.
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Lediglich etwa 5,5 Gramm wiegt ein Wintergoldhähnchen; morgens nach dem Aufwachen manchmal nur die Winzigkeit von 4,8 Gramm. Das entspricht dem Gewicht der meisten Kolibris. Die helle, wispernde Stimme wird von uns oft kaum wahrgenommen. Das liegt auch daran, dass sich Wintergoldhähnchen meistens in den oberen Bereichen von Nadelbäumen wohlfühlen. Es lohnt sich, in diese Miniwelt des Wintergoldhähnchens einzutauchen.
Sein Nest ist ein Gesamtkunstwerk
Hier läuft das Leben auf kleinster Ebene ab. Zum Beispiel der Nestbau: Ein Nest wiegt etwa 13 Gramm. Aber es ist ein Kunstwerk auf höchstem Niveau. Immer wieder werden Spinnweben gesucht und in Moosblättchen eingewebt. Auch seidige Tierhaare, Samenfäden, Härchen aus Eulengewöllen, im Nest wird vieles miteinander verwoben. Dadurch erhält das Nest große Elastizität und Festigkeit zugleich. Besonders allerkleinste Federn finden im Nest ihren Platz. Ornithologen zählten nach: Bis zu 2000 Federchen können verbaut sein. Diese architektonische Meisterleistung fällt nicht vom Zweig, pendelt im Sturm und kann bis zu zwölf Junge beherbergen.
Dennoch scheint es sonderbar, dass Goldhähnchen für ihre Verhältnisse sehr viel fressen. Sie benötigen jeden Tag mehr als ihr eigenes Körpergewicht. Doch kleine Tiere haben eine vergleichsweise große Oberfläche und kühlen schnell aus. Diesen Nachteil können sie nur ausgleichen, indem sie fast den ganzen Tag nach Nahrung suchen und fressen.
Wintergoldhähnchen suchen sich kleinste Insekten
Solch ein Vogelzwerg mit fünf Gramm gefiedertem Leben kann eine normal große Fliege oder Mücke kaum bewältigen. Wintergoldhähnchen suchen nach den allerkleinsten Insekten. Das sind kleinste Tierchen wie Springschwänze, die wir mit dem bloßen Auge kaum erkennen können. Kleinste Spinnen, Milben, Miniraupen oder Blattläuse sind auch beliebt. All das finden die Wintergoldhähnchen in der Rinde oder zwischen Fichtennadeln.
Erstaunlich ist, dass Wintergoldhähnchen problemlos durch den kalten Winter kommen. Sie finden immer etwas; mal ein Insektenei, mal eine Milbe, mal eine Zwergzikade. Bei starkem Schneefall suchen sie ihre Nahrung auch unter der Schneedecke. Nur wenn Eisregen alles Leben mit einer Barriere überzieht und den Weg zur Nahrung versperrt, wird es kritisch und der Tod ist nah.
Erstaunlich: Teile der Wintergoldhähnchen-Bestände wandern. Es zieht sie im Winter in den warmen Süden. Ihr Verhalten während des Zuges ist noch unbekannt. Dabei leisten die Vögelchen Unglaubliches: Ein aufgefundener Ring belegt die Entfernung von Bornholm nach Algerien. Das ergibt 2400 Kilometer. Die bisher bekannte Höchstleistung dieses Vogelzwergs von der Masse einer halben Blaumeise lag bei 444 Kilometern in 28 Stunden.
Buch und Serie
Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.
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