Zähl Pixel
24-Stunden-Reportage

TMit dem Spülwagen auf Kanal-Tour in Buxtehude

Spülwagenfahrer Mathias Heinrich steuert den Ausleger, an dem der Saugschlauch hängt, per Joystick in den Kanalschacht. Die Fernbedienung hat er bequem an seinem Gurt befestigt.

Spülwagenfahrer Mathias Heinrich steuert den Ausleger, an dem der Saugschlauch hängt, per Joystick in den Kanalschacht. Die Fernbedienung hat er bequem an seinem Gurt befestigt.

Ohne ihn und seine Kollegen läuft nichts: Spülwagenfahrer Mathias Heinrich von der Stadtentwässerung sorgt für freien Abfluss in den Schmutzwasserkanälen von Buxtehude und Apensen – und macht dort manchmal auch interessante Funde.

Von Anping Richter Mittwoch, 11.08.2021, 10:00 Uhr

Der Gullydeckel sieht schwer aus. Mathias Heinrich hebt ihn trotzdem erstaunlich schnell und mühelos heraus. „Der wiegt schon 40 Kilo, aber ich mache das aus den Beinen heraus“, erklärt er. Schachthaken ansetzen, hochhebeln, über die Kante kippen – alles in einer einzigen Bewegung. Der 45-Jährige hat mal Tischler gelernt, ist jetzt aber seit vielen Jahren Teil des siebenköpfigen Teams der Stadtentwässerung, das sich um den Betrieb der Kanäle und Pumpen kümmert.

Mathias Heinrich fährt einen der zwei Spülwagen – den neueren, Baujahr 2018. Er hat 500 000 Euro gekostet. Aber das ist er auch wert, denn ohne das regelmäßige Freispülen der Schmutzwasserkanäle würde buchstäblich nichts laufen: Hier müssen 2,8 Millionen Kubikmeter Schmutzwasser von 40 000 Buxtehudern und 10 000 Apensern durch. Das Schmutzwasser – eine Mischung aus Duschwasser, Küchenabfluss und Toilettenspülung – fließt weiter Richtung Hamburg und landet in der Kläranlage der Hamburger Stadtentwässerung, erklären Dr. Harald Stechmann, Abteilungsleiter der Stadtentwässerung, die zu den Städtischen Betrieben Buxtehude (SBB) gehört, und Betriebshofleiter Torsten Meyn.

Faulgas wird aufbereitet

Das Wasser wird mechanisch und biologisch geklärt, bevor es in die Elbe fließt. Der Schlamm, der zurückbleibt, darf zunächst in zehn großen silbernen Eiern in Ruhe vor sich hin faulen: in den Faultürmen am Köhlbrandhöft, die von der A 7 aus gut zu sehen sind. Das Faulgas wird zum Teil aufbereitet und als Bio-Methan ins öffentliche Gasnetz eingespeist, zum Teil wird über Dampf und Abwärme auch Strom und Wärme erzeugt. Auch Buxtehuder Faulgase heizen und beleuchten Hamburger Wohnungen.

Kuriositätenkabinett: Die Stadtentwässerung hat einen ganzen Vitrinenschrank voller seltsamer Kanal-Funde .

Kuriositätenkabinett: Die Stadtentwässerung hat einen ganzen Vitrinenschrank voller seltsamer Kanal-Funde .

Durch den nun offenen Kanalschacht an der Altländer Straße wirft Mathias Heinrich einen Blick auf diese Energiequelle. Nur ein Hauch von Kloakengeruch ist wahrnehmbar. Alles fließt, aber: „Da ist zu viel Fett drin, das sehe ich am Wasserstand.“ Fett wird oft weggeschüttet, in Haushalten, aber auch Restaurants und Kantinen. In der Leitung wird es fest, lagert sich ab und verstopft nach und nach die Rohre. „Das wächst dann zu“, erklärt Mathias Heinrich.

Kreislaufsystem

Mit der Fernbedienung, die am Gurt an seiner Hüfte hängt, manövriert er den Ausleger des Spülwagens geschickt über den Kanalschacht und versenkt den dicken, schwarzen Saugschlauch darin. Mit demselben Wasser, das dort unten jetzt abgesaugt wird, wird später auch gespült – ein Kreislaufsystem. Dafür hat der Tank drei Kammern: Das abgesaugte Wasser wandert erst in die Schlammkammer, wo gröbere Abfälle abgesiebt werden, dann weiter in die Absetzkammer. Dort setzt sich feinerer Schlamm ab. Die dritte Kammer ist die Spülkammer. Hier wird das vorgereinigte Wasser wieder mit einer Hochdruckpumpe in den dünneren Spülschlauch gedrückt, der ebenfalls am Ausleger hängt und den Mathias Heinrich jetzt versenkt. Das Wasser schießt durch die Düse am Ende des Schlauchs. Er ist 240 Meter lang, um auch tief in den Eingeweiden der Kanalisation spülen zu können.

Blick in den Kanalschacht an der Altländer Straße, in dem der Saugschlauch hängt.

Blick in den Kanalschacht an der Altländer Straße, in dem der Saugschlauch hängt.

Aus dem Schacht fischt Mathias Heinrich den ersten Fund des Tages: verzwirbelte Feuchttücher. Die sind ein echtes Problem, denn anders als Toilettenpapier lösen sie sich nicht auf, sondern verzopfen miteinander zu festen, langen Vlies-Zöpfen, die Kanäle verstopfen und Pumpen blockieren können. Die Kanalarbeiter machen immer wieder auch kuriose Funde – vom Quietscheentchen bis zu den dritten Zähnen.

Unterirdisches Bauwerk von 279 Kilometern Länge

Aber hier ist noch alles im grünen Bereich, befindet Heinrich. Die Stelle werde vier Mal im Jahr angefahren, weil hier viele Fettablagerungen anfallen. Die Schmutzwasserkanäle sind ein unterirdisches Bauwerk von 279 Kilometern Länge, gespült werden müssen 176 davon – die, die im Gefälle verlegt sind. Der Rest sind Druckrohrleitungen.

Wenn mal eine Pumpe blockiert oder ein Kanalrohr verstopft, kommt der Spülwagen auch nachts: Eine Besatzung ist an sieben Tagen in der Woche 24 Stunden in Rufbereitschaft. Im Schnitt gibt es etwa 180 bis 200 Störmeldungen pro Jahr.

Auch an den 245 Pumpstationen ist das Team im Einsatz. 18 davon sind Hauptpumpstationen und eine davon, die in der Poststraße, steuert Mathias Heinrich jetzt an. In einem unscheinbaren Backsteinhäuschen in zweiter Reihe öffnet sich eine Tür in Buxtehudes Untergrund: Eine Betonwendeltreppe führt gute zehn Meter tief bis zum sogenannten Pumpensumpf, ein Betonbecken, auf dessen Grund eine trübe Wasserfläche zu erkennen ist. Das Becken dient der Sicherheit – falls mal etwas überläuft, zum Beispiel, weil Pumpen ausfallen. Falls es vollläuft, gibt es noch einen Überlauf in Richtung Dammhausen.

Hinter der Tür eines kleinen Backsteinbaus geht es in den Untergrund: Mathias Heinrich bei einer Routinekontrolle in der Pumpstation an der Poststraße, an deren Grund ein Überlaufbecken liegt.Fotos: Richter

Hinter der Tür eines kleinen Backsteinbaus geht es in den Untergrund: Mathias Heinrich bei einer Routinekontrolle in der Pumpstation an der Poststraße, an deren Grund ein Überlaufbecken liegt.Fotos: Richter

Mathias Heinrich bleibt eine Etage über dem Becken auf einer Brücke stehen. Von dort kann er durch eine Klappe einen Blick in die Kontrollkammer werfen – alles okay. Auch an den Pumpen hier in der Station hat er öfter zu tun. Das Förderrad, das das Abwasser hochpumpt, ist störanfällig. Feuchttücher und andere Festbestandteile verfangen sich und blockieren es. Alles wird elektronisch überwacht, so dass eine Blockade an die Netzleitstelle gemeldet wird. Dann muss die Bereitschaft kommen – immer zu dritt, denn in der Pumpstation ist es nicht erlaubt, allein zu arbeiten. Genau das sind Mathias Heinrichs Lieblingseinsätze: „Ich mag das, die Anspannung und die Abwechslung.“

Die 24-Stunden-Reportage

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:

Weitere Themen

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.