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Weltgesundheitstag

Der Klimawandel macht krank - Mehr Schlaganfälle und Herzinfarkte

Starkregen im Winter, Dürre im Sommer, schwere Stürme, Überschwemmungen – schon jetzt wirkt sich der Klimawandel in unseren Breiten aus und hat auch Folgen für unsere Gesundheit, wie Experte Philipp Wesemann erklärt. Foto: dpa/Scheer

Starkregen im Winter, Dürre im Sommer, schwere Stürme, Überschwemmungen – schon jetzt wirkt sich der Klimawandel in unseren Breiten aus und hat auch Folgen für unsere Gesundheit, wie Experte Philipp Wesemann erklärt. Foto: dpa/Scheer

Starkregen, Stürme, Überflutungen oder Hitzewellen – die Zunahme von Extremwetterlagen ist längst auch im Landkreis Stade zu spüren. Und beeinflusst nicht nur die Natur, sondern auch die Gesundheit. Ein Experte gibt Tipps zum Umgang mit den Veränderungen.

Donnerstag, 07.04.2022, 20:45 Uhr

Von Kristin Seelbach

Grundsätzlich wirkt sich der Klimawandel je nach Region in Deutschland unterschiedlich aus. Daten des Bundesumweltamts in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst zeigen, dass für die Küste und den Nordwesten Deutschlands, also die Regionen, in die auch das Cuxland fällt, besonders der Starkregen als Folge des Klimawandels stark zunehmen wird. Auch mit einem Anstieg der durchschnittlichen Temperatur, der Trockenheit im Sommer und der Hitze ist zu rechnen. Das bestätigt Philipp Wesemann, der sich als Projektmanager Klimawandel bei der Essener Stiftung Mercator, und verweist auf die verheerenden Überflutungen infolge von Starkregenfällen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz im vergangenen Jahr. „Solche Katastrophen werden häufiger auftreten, mit schwerwiegenden Auswirkungen auf Gesundheit und Existenzen“, so der Experte. Auch im Cuxland standen Anfang des Jahres Landstriche unter Wasser, wenn auch mit deutlichen geringeren Folgen.

Hitze ist Risikofaktor Nummer eins

Neben dem Wasser sei vor allem aber die zunehmende Hitze im Sommer, die auch in Norddeutschland durch den Klimawandel häufiger auftreten werde, einer der offensichtlichsten Risikofaktoren und könne speziell ältere, kranke und vorbelastete Bürger gefährden, so Wesemann. Mit Folgen wie Durchblutungsstörungen, Schlaganfällen oder Herzinfarkten. Auch mit einer Zunahme von Frühgeburten sei durch Hitzewellen zu rechnen. „Hitzebedingte höhere Ozonwerte in der Luft steigern das Risiko von Asthma und Lungenkrankheiten“, führt Wesemann aus. Insbesondere Menschen mit Vorerkrankungen, die im Freien arbeiten oder Sport treiben, sollten deshalb frühzeitig mit ihrem Hausarzt über Präventionsmaßnahmen sprechen und auf ausreichendes Trinken achten, rät er.

Der Aufenthalt im Schatten und entsprechender Schutz wie Sonnencreme helfe zusätzlich, Sonnenbrand vorzubeugen und damit das Hautkrebsrisiko zu senken. Denn die Zahl der Hautkrebsbehandlungen in Deutschland hat in den vergangenen 20 Jahren fast stetig zugenommen, wie Daten des Statistischen Bundesamts belegen. Im Jahr 2020 sind demnach 81 Prozent mehr Menschen mit Hautkrebs im Krankenhaus stationär behandelt worden als im Jahr 2000. Rund 4000 Menschen starben 2020 an Hautkrebs.

„Darüber hinaus werden wir uns künftig stärker mit Infektionskrankheiten auseinandersetzen müssen, die wir in Mitteleuropa kaum kennen. Erreger und Überträger von Infektionskrankheiten werden sich durch die sich verändernden Umweltbedingungen stärker ausbreiten“, so Wesemann. Konkret heiße das, dass sich etwa krankheitsübertragende Zecken durch wärmere Winter stärker ausbreiten und das Risi- ko von Borreliose-Erkrankungen oder für die Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME, deutlich größer werde. Gerade Forstarbeiter oder Personen, die sich in ihrer Freizeit zum Beispiel bei der Pilzsuche in Zeckenbiotope begeben, seien gefährdet. In Gebieten mit hohem FSME-Risiko wird deshalb eine Impfung bereits empfohlen, aktuell vor allem in Süddeutschland, aber auch bereits im Emsland. Allgemeine Schutzmaßnahmen gegen Zeckenbisse wie das Tragen geschlossener Kleidung, regelmäßiges Absuchen des Körpers auf Zecken sowie die Anwendung von Mitteln zur Abwehr von Insekten auf der Haut und auf der Kleidung empfiehlt das Bundesumweltamt zusätzlich.

Bedrohung von Existenzen

Aber nicht nur die körperliche, auch die psychische Gesundheit werde durch den Klimawandel erheblich beeinflusst. „Zum einen können Verluste von Hab und Gut oder gar Angehörigen durch Extremwetterereignisse zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen. Verlustängste und Angstzustände durch die Bedrohung von Existenzen, etwa in der Landwirtschaft, der Fischerei oder dem Tourismus können die psychische Gesundheit ebenfalls stark beeinträchtigen“, zählt Wesemann auf. Im Norden Deutschlands seien diese Wirtschaftszweige zudem prägend und gleichzeitig anfällig für die Folgen des Klimawandels.

Der Anstieg des Meeresspiegels spiele dabei ebenso eine Rolle wie die Versauerung und Erwärmung des Meerwassers. Beides führe zu veränderten Ökosystemen, unter denen bereits überfischte Fischbestände zusätzlich zu leiden hätten.

Um die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels meistern zu können, müsse das Gesundheitssystem sich intensiv mit den oben genannten Krankheitsformen befassen, aber auch die zeitweise hohe Auslastung von Kliniken und Praxen im Fall von Hitzewellen oder Unwetterkatastrophen bedenken, so Wesemann. Er fordert deshalb eine noch intensivere Erforschung des Klimawandels und dessen gesundheitliche Folgen sowie den Einbau der Ergebnisse in die Ausbildung im Gesundheitswesen. Aber auch Kommunen und Institutionen müssten zum Beispiel in Alten- und Pflegeheimen daran arbeiten, hitzebedingte Gesundheitsrisiken zu minimieren, zum Beispiel durch ausreichend kühle Räume in den Häusern.

„Klimawandel eindämmen und Gesundheit schützen“

Jeder könne sich für eine möglichst klimafreundliche Lebensweise entscheiden und sich klimafreundlich bewegen und ernähren. „Wenn wir den Klimawandel so gut es geht eindämmen, schützen wir unsere Gesundheit und entlasten das Gesundheitssystem.“ Grundsätzlich gelte, dass die Menschheit „so schnell und so ambitioniert wie möglich“ die Treibhausgasemissionen senken müsse, fordert er. Eine Verringerung sei nicht nur gut für das Klima, „sondern eben auch für unsere Gesundheit. Viele Zivilisationskrankheiten, etwa Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, stehen im Zusammenhang mit Risikofaktoren, die durch Klimaschutzmaßnahmen gesenkt werden können. Beispielsweise durch die Reduzierung von Luftschadstoffen durch den Umstieg auf klimafreundliche Mobilität und erneuerbare Energien“, führt er aus. (lit)

 

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