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Landtag

Fehlende Lehrer, Unterrichtsausfall, Corona: Schulstreit in Niedersachsen entbrannt

Eine Schülerin hebt im Unterricht den Finger. Foto: Daniel Karmann/dpa

Eine Schülerin hebt im Unterricht den Finger. Foto: Daniel Karmann/dpa

Die Grünen im Landtag sind mit der Schulpolitik in Niedersachsen nicht einverstanden. Was aber würden sie besser machen als Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD)? Der poltert über seinen Sprecher zurück: „Überraschendes Ausmaß an Unkenntnis.“

Montag, 07.02.2022, 15:30 Uhr

Von Lars Laue

„Der Kultusminister hat sich in den vergangenen Jahren zu sehr mit Schönreden begnügt. Mit seiner Ausrede, Schuld am Lehrkräftemangel sei die überraschend häufige Elternzeit von Lehrkräften, lassen wir den Minister nicht durchkommen“: Julia Willie Hamburg, Fraktionsvorsitzende und schulpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, rechnet ab mit der Politik von Kultusminister Grant Hendrik Tonne, der vergangene Woche schlechte Nachrichten im Gepäck hatte.

Tatsächlich ist die Unterrichtsversorgung an Niedersachsens Schulen in diesem Schuljahr so niedrig wie zuletzt vor 19 Jahren. „Ich bin nicht glücklich mit diesem Wert, er ist unbefriedigend“, räumte der SPD-Politiker ein. Der Minister führte den Rückgang auf Sondereffekte durch die Pandemie, einen hohen Teilzeit- und Elternzeitanteil bei den Lehrern, gestiegene Schülerzahlen sowie die wachsende Bedeutung von Inklusion und Ganztagsbetreuung zurück.

Niedersachsen: Unterrichtsversorgung so schlecht wie zuletzt vor 19 Jahren

 „Der Lehrkräftemangel trifft besonders die Schulen hart, die eigentlich dringend zusätzliches Personal bräuchten. Gerade Haupt-, Gesamt- und Oberschulen haben die schlechteste Unterrichtsversorgung und gleichzeitig die Schülerinnen und Schüler, die am meisten unter den Folgen der Corona-Pandemie leiden“, stellt die Oppositionspolitikerin Hamburg fest und fügt hinzu: „Wir alle wussten, dass sich die Situation an unseren Schulen drastisch verschärfen wird.“

Der Kultusminister streue der Öffentlichkeit „Sand in die Augen“. Es seien erstens zu wenig Lehrer für Grund-, Haupt- und Realschulen ausgebildet worden, zweitens habe auch die Rückkehr zum Abitur nach Klasse 13 einen Lehrermangel produziert und drittens berücksichtige Tonnes Lehrkräfteprognose nicht, dass es zusätzliche Bedarfe durch politische Vorhaben wie etwa den Rechtsanspruch auf Ganztag geben werde, listet Hamburg auf und räumt ein: „Der Kultusminister kann natürlich keine Lehrkräfte backen. Binnen eines halben Jahres bekommen wir Niedersachsens Schulen nicht wieder flott.“

Grünen-Vorschlag: Verwaltungskräfte sollen Schulleitungen entlasten

Wenn Lehrkräfte fehlten und kurzfristig nicht verfügbar seien, „müssen wir anderes Personal einstellen“, schlägt die Grüne Bildungsexpertin Hamburg vor und meint damit, Verwaltungskräfte zur Entlastung der Schulleitungen sowie Sozialarbeiter und pädagogische oder therapeutische Fachkräfte zu beschäftigen.

Das Kultusministerium weist die Vorwürfe entschieden zurück: „Die Kritik an der Unterrichtsversorgung offenbart ein überraschendes Ausmaß an Unkenntnis. Frau Hamburg müsste wissen, dass der aktuelle Wert nicht ansatzweise mit dem Jahr 2002 vergleichbar ist. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen“, poltert Ministeriumssprecher Sebastian Schumacher. Vor 20 Jahren habe es keinerlei Berücksichtigung von Stunden für Ganztag oder Inklusion gegeben. Diese seien jetzt aber „zentrale Bausteine“ bei der Berechnung der Unterrichtsversorgung.

Kritik an fehlenden Corona-Schutzmaßnahmen in Schulen

Falsch sei auch der Bezug zur Umstellung des Abiturs von acht auf neun Jahren. Hierfür habe das Land sehr wohl entsprechende Vorsorge getroffen und ausreichend Lehrkräfte eingestellt. „Diese Art und Weise von faktenferner Kritik hat nichts mit seriöser Opposition zu tun“, findet Schumacher.

Tonnes Kurs, die Schulen trotz Omikron so lange wie möglich geöffnet zu lassen, unterstützen die Grünen zwar, beklagen aber, dass in vielen Schulen nach wie vor Lüftungsanlagen fehlten. Noch immer konzentriere sich die Corona-Vorsorge auf Masken- und Testpflicht und regelmäßiges Lüften. „Das alles ist wichtig, aber nach zwei Jahren bitterer Pandemieerfahrung doch erkennbar zu wenig. Omikron ist voll in den Schulen angekommen und wir merken, dass Lüften nach 20 Minuten Unterricht und in den Pausen an Grenzen stößt. In meinem Umfeld gibt es kaum eine Familie, deren Kinder nicht bereits in Quarantäne waren“, betont Hamburg und sagt: „Mich fragen immer wieder Leute, warum in Schulen nicht derselbe Standard möglich ist wie in vielen Kneipen.“ (mar)

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