Unterrichtsversorgung so schlecht wie zuletzt vor 19 Jahren
Eine Lehrerin schreibt in einer Schule an die Tafel. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild
Die Unterrichtsversorgung ist auf den niedrigsten Wert seit 2002 gesunken und hat sich für Kinder und Jugendliche im Vergleich zum vergangenen Schuljahr deutlich verschlechtert. Ursache ist die Corona-Pandemie - aber nicht nur.
Die Unterrichtsversorgung an Niedersachsens Schulen ist in diesem Schuljahr so niedrig wie zuletzt vor 19 Jahren. Das Verhältnis von Schülern und Lehrerstunden lag zum Stichtag am 16. September 2021 bei lediglich 97,4 Prozent des Solls. "Ich bin natürlich nicht glücklich mit diesem Wert, er ist unbefriedigend", räumte Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) am Mittwoch ein.
Die Statistik gibt wieder, ob an den jeweiligen Schulen für die errechnete Zahl an Unterrichtsstunden auch genügend Lehrerinnen und Lehrer vorhanden sind. Werte von über 100 Prozent ergeben sich, wenn über das Pflichtangebot hinaus Lehrer für weitere Angebote oder etwa Vertretungsstunden zur Verfügung stehen. Die Statistik erfasst nicht, ob wegen Krankheitsfällen Unterricht ausfällt.
Das sind die Gründe
Tonne führte den Rückgang auf Sondereffekte durch die Pandemie, einen hohen Teilzeit- und Elternzeitanteil bei den Lehrern, gestiegene Schülerzahlen sowie die wachsende Bedeutung von Inklusion und Ganztagsbetreuung zurück. Viele Lehrkräfte stünden perspektivisch aber wieder in Vollzeit zur Verfügung.
Am höchsten ist die Unterrichtsversorgung laut Ministerium in diesem Schuljahr bei den Grundschulen (100,1 Prozent), gefolgt von Gymnasien (99,3 Prozent) und Realschulen (96,4 Prozent). Dahinter folgen Gesamtschulen (95,9 Prozent), Oberschulen (94,6 Prozent) sowie Hauptschulen (93 Prozent) - Schlusslicht sind die Förderschulen (90,8 Prozent). Im Vergleich zum vergangenen Schuljahr sank die Versorgung bei allen Schulformen - am stärksten bei den Gesamtschulen (3 Prozentpunkte).
Gleichzeitig ging die Zahl der Quereinsteiger zurück. Von 961 neu eingestellten Lehrern zum zweiten Halbjahr kamen nur 29 aus anderen Berufen - das entspricht einer Quote von 3 Prozent (Vorjahr: 6 Prozent). Vor drei Jahren lag die Quote sogar noch bei 9 Prozent. Das Land will hier gegensteuern und das Einstellungsverfahren für Quereinsteiger beschleunigen.
Laut Ministerium wurden für das zweite Schulhalbjahr, das am Mittwoch begann, 1200 Lehrerstellen ausgeschrieben, somit liege die tatsächliche Besetzungsquote bei rund 80 Prozent. Es seien 300 Stellen mehr nachbesetzt worden, als durch Pensionierungen frei wurden. Der Kultusminister verwies zudem auf ein Aktionsprogramm, mit dem Millionen für weitere Vollzeitkräfte zur Verfügung stehen würden. Damit könnten insbesondere Studierende, Pensionäre oder Quereinsteiger noch kurzfristig zusätzlich eingestellt werden.
Außerdem sollen Lehrer zur Verbesserung der Unterrichtssituation verstärkt auf die Flächenprämie hingewiesen werden, die in benachteiligten Regionen und Schulformen gezahlt wird.
Krankheitsfälle fließen nicht in Statistik ein
Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte sagte zu den vorgelegten Zahlen: "Dass so wenig ausgeschriebene Stellen an den Ober-, Real-, Haupt-, Gesamt- und Förderschulen nicht besetzt werden konnten, hat verschiedene Gründe, die auch frühere Landesregierungen zu verantworten haben. Eine Möglichkeit, die Misere jetzt zu beheben, ist die Anhebung der Besoldung aller Lehrkräfte auf mindestens A13." Andere Bundesländer hätten schon längst diese Besoldungsfrage gelöst - für Bewerberinnen und Bewerber aus anderen Bundesländern sei eine Stelle an nicht-gymnasialen Schulformen in Niedersachsen somit nicht mehr attraktiv genug.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geht davon aus, dass der Wert der Unterrichtsversorgung noch geringer ist, weil Krankheitsfälle nicht in die Statistik mit eingingen. "Von den mit Vertretungsreserve ungefähr notwendigen 107 Prozent liegt Niedersachsen meilenweit entfernt", stellte der kommissarische GEW-Landesvorsitzende Holger Westphal fest. Ihm zufolge fehlen in Niedersachsen 7000 Lehrkräfte.
FDP und Grüne üben Kritik
Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Julia Willie Hamburg, sagte der dpa, das Kultusministerium habe zu wenig Vorsorge betrieben. "Das rächt sich jetzt fatalerweise." Es fehlten vor allem Grund- Haupt- und Realschullehrinnen und -lehrer.
Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Björn Försterling, kritisierte: "Wir haben die schlechteste Unterrichtsversorgung seit zwanzig Jahren. Das ist ein desolater Zustand. Minister Tonne selbst hat im Sommer noch davon gesprochen, in diesem Schuljahr einen Wert von 99 Prozent zu erreichen. Jetzt liegt er bei nur 97,4 Prozent. Der Minister kennt die Realität an den Schulen nicht." (dpa/lni)