TLieferengpässe nerven Autohändler und Kunden
Der Verkaufsraum von Sternpartner Tesmer in Buxtehude zeigt das Dilemma der Branche: Wo üblicherweise viele Neuwagen stehen, ist das Bild jetzt sehr übersichtlich. Auch bei Mercedes sind die Lieferfristen für Neuwagen lang. Für gängige Type
Eineinhalb Jahre Wartezeit auf den bestellten Neuwagen: Das ist inzwischen keine Seltenheit mehr, berichten Autohändler im Kreis Stade. Auch Gebrauchtwagen und Ersatzteile fehlen. Die Gründe für Lieferengpässe sind erklärbar – aber viele Kunden sind trotzdem genervt.
Von Anping Richter und Wolfgang Stephan
Am 28. Mai kam sie zur Probefahrt, am 12. Juni bestellte sie das Auto: „Der erste Neuwagen in meinem Leben“, berichtet eine TAGEBLATT-Leserin aus dem Kreis Stade. Mitte September sollte der Wagen eigentlich da sein. Jetzt ist Weihnachten vorbei, und er steht immer noch in der Fabrik. Ihren Namen möchte die Frau aus persönlichen Gründen nicht veröffentlichen. Den ihres Autohändlers nennt sie deshalb nicht, weil sie ihn nicht anprangern möchte, sondern weiß, dass er unter einem Problem leidet, das viele in der Branche haben.
Ulrich Tietjen, Obermeister der Kraftfahrzeuginnung im Landkreis Stade, weiß das nur zu gut. Er betreibt selbst Autohäuser in Stade, Buxtehude und Harsefeld und hat in den letzten Wochen und Monaten auch von Kollegen viele solcher Geschichten gehört. Schon im März berichtete er an dieser Stelle über die Lieferprobleme in der Autobranche. „Seitdem hat sich die Lage nicht gebessert, sondern noch deutlich verschlechtert“, sagt er. Lieferketten seien nicht nur gerissen, sondern auch nicht so einfach reparierbar.
Bis zu zwei Jahren Wartezeit bei Mercedes G-Klasse
Ulrich Tietjen, Obermeister der KfZ-Innung im Landkreis Stade.
„Die Lieferzeiten unserer Neuwagen variieren aktuell teils erheblich, auch innerhalb der Baureihen gibt es je nach der Antriebsvariante unterschiedliche Wartezeiten“, sagt Geschäftsführer Klaus Mohrmann. Je nachdem, welches Modell sie geordert haben, müssten die Kunden mit einer Wartezeit von bis zu zwei Jahren rechnen. Das betreffe beispielsweise die G-Klasse. Bei den eher gängigen Modellen liegt Mercedes im Trend der Branche. Wer jetzt eine A-Klasse bestellt, kann mit der Lieferung im dritten Quartal 2022 rechnen. Auch bei Mercedes gibt es Überbrückungskonzepte, wie beispielsweise die Verlängerung von Leasingverträgen. Was früher gerne auch gemacht wurde, ist jetzt kaum möglich: Dem wartenden Kunden ein Ersatzfahrzeug zu geben – weil es die nicht gibt. Mohrmann: „Selbst Vorführmodelle sind rar.“
Viele Chiphersteller verkaufen ihre Produkte anderweitig
Bei Neuwagen sind Lieferzeiten von bis zu eineinhalb Jahren laut Innungs-Obermeister Ulrich Tietjen keine Seltenheit mehr, gerade bei deutschen Marken, die mit vielen Zulieferern arbeiten. Erst bremste die beginnende Corona-Pandemie die Produktion weltweit. Chiphersteller, die sonst die Automobilindustrie belieferten, hatten aber keine Probleme, ihre Produkte woanders loszuwerden: Durch Homeoffice, Homeschooling und die Unterhaltungselektronik war die Anfrage extrem gestiegen. Viele Zulieferer orientierten sich um, der Halbleiter-Mangel trifft die Autobranche nun besonders hart. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes hat Deutschland im zweiten Corona-Jahr im Zeitraum von Juli bis September 2021 insgesamt 17,2 Prozent weniger Autos exportiert als im gleichen Zeitraum des ersten Corona-Jahrs. Die Pkw-Importe gingen noch stärker zurück, und zwar um 29,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.
Kein Verlass auf Liefertermine
Auch Gebrauchtwagen seien kaum noch zu bekommen, sagt Tietjen, und inzwischen fehle es auch an Ersatzteilen. „Früher kam es schon mal vor, dass eine Dichtung nicht lieferbar war, aber dann kam die zwei, drei Tage später. Heute sind es gleich drei Monate“, sagt Tietjen. Viele Neuwagen ständen im Werk auf Halde, bis das fehlende Teil geliefert wird. Er selbst habe inzwischen kaum noch Neuwagen da, es gebe nichts mehr zum Anschauen. Die Umsätze bei Neuwagen lägen bei 10 bis 15 Prozent von dem, was er normalerweise erwarte. Schlimm sei, dass er keine verlässlichen Aussagen zu Lieferterminen bekomme. Ausbaden müssten das besonders die Kunden – und die Verkäufer, die provisionsbasiert arbeiten: „Denen brechen die Gehälter weg.“ Die Fluktuation in den Verkaufsteams sei sehr hoch, viele seien in Kurzarbeit. Nicht, weil Kunden fehlen, sondern weil Ware fehlt. Die ganze Branche sei in Bedrängnis, habe wenig Handlungsspielraum – und erhöht deshalb die Preise.
Die TAGEBLATT-Leserin, die noch immer auf ihren Neuwagen wartet, fährt ihr altes Auto weiter. Dass der TÜV ihr im Oktober mitteilte, dass sie neue Bremsen brauchte, überraschte sie nicht. Deshalb hatte sie sich ja bis September ein neues Auto zulegen wollen. Ihr Autohändler ersparte ihr aus Kulanz, 1000 Euro für neue Bremsen in das alte Auto zu stecken. Aber inzwischen streikt die Batterie – und wann das neue Auto kommt, steht in den Sternen.
Kfz-Innungsmeister Tietjen rechnet übrigens nicht damit, dass sich die Situation sehr bald ändert. Sein Tipp: „Vielleicht müssen wir alle anfangen, nachhaltiger zu werden und unsere Autos wieder zu reparieren, statt immer gleich neu zu kaufen.“
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