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24-Stunden-Reportage

Fräsen auf der Dauerbaustelle

Pause: Die Maschinisten Fabian Herold und Martin Seidler warten auf die nächsten Lastwagen. Fotos Nowotny

Pause: Die Maschinisten Fabian Herold und Martin Seidler warten auf die nächsten Lastwagen. Fotos Nowotny

Von einem Fließband fallen Asphaltbrocken polternd in den Anhänger des Lastwagens. Die Fräse trägt den Straßenbelag mit lautem Getöse von der Landstraße in Osterjork ab. Noch bis Herbst 2019 wird sich dieses Schauspiel mehrmals auf den drei Abschnitten der Baustelle wiederholen.

Von Annika Nowottny Donnerstag, 12.07.2018, 18:00 Uhr

Die eine Straßenseite der L 140 hat bereits einen neuen Belag erhalten. Nun ist die andere Seite an der Reihe. Zwölf Lastwagen sind im Einsatz und transportieren den Bodenbelag nach Lüneburg. Dann kommen sie wieder. Jeder Laster fährt zwei Touren. Drei Stunden sind sie unterwegs. 500 Meter Straße müssen abtransportiert werden, erklärt Polier Hein Verlaat vom Bauunternehmen Matthäi. Er hat die Zügel in der Hand. „Jakob, du kannst hier eigentlich weggehen, jetzt waren sie alle einmal da“, sagt er zu einem Arbeiter, der am Anfang der Baustelle den Lastern den Weg gewiesen hat.

Mit der Hand zeigt Hein Verlaat auf die zu bearbeitenden Flächen entlang der Straße, die nur noch aus gelbem feinem Sand bestehen. „Die Hausnummer 125 bekommt eine Überfahrt. Ein ganz kurzes Stück. Nur zwei Meter“, delegiert Hein Verlaat die Mitarbeiter. „Hier ist Obstbau, hier brauchen wir auch eine Überfahrt.“ Gesagt, getan: Jetzt geht es erst einmal darum, den Anliegern die Zufahrt zu ihren Grundstücken zu ermöglichen.

Eine große Fuhre Schotter fährt Frank Bredehöft mit seinem Bagger zur ausgefrästen Straße. Der Baggerfahrer lädt den Schotter auf dem gelben Sand ab. Der trockene Staub kriecht in die Nase und legt sich beim Einatmen auf die Zunge. Akkurat drückt Frank Bredehöft mit der Baggerschaufel den Schotter fest, nimmt die oberste Schicht wieder ab und verteilt sie gleichmäßig.

Die Obstbauern, die ihre Höfe an der Straße haben, bekommen alle eine Zufahrt. Immerhin ist Kirschenzeit. Im Vorhinein sorgte die Baustelle für viel Unmut unter den Anwohnern, weil schnell klar wurde, dass ihre Grundstücke über Tage während der Asphaltierungsarbeiten nicht erreichbar sein werden.

Dieser erste Bauabschnitt soll im September abgeschlossen sein. Geplant war Juni/Juli. Dann folgen noch zwei weitere. Bis zum Kreisel Ostfeld wird die Straße samt Seitenstreifen und Gehweg erneuert. Ende August 2019 soll die Landstraße auf der Länge von eineinhalb Kilometern komplett saniert sein – für 4,6 Millionen Euro. Den Großteil der Kosten übernimmt das Land Niedersachsen, etwa 900 000 Euro bezahlt die Gemeinde Jork.

Frank Bredehöft verteilt mit seinem Bagger den Schotter, Piotr Grobecki sorgt mit der Schaufel in der Hand für die Feinarbeit.

Alte Brückenteile, die unter der Straße liegen, sorgten für Verzögerungen bei den Arbeiten, sagt Hein Verlaat. Das seien die kleinen Überraschungen auf dieser Baustelle. „Rom ist auch nicht in einem Tag erbaut worden“, sagt der 62-Jährige und lacht. Der gebürtige Holländer kam 1974 als Soldat nach Seedorf. Er verliebte sich und blieb in Deutschland. „So ging es vielen“, sagt Hein Verlaat, der heute in Elm bei Bremervörde wohnt. Seit 1980 arbeitet er beim Unternehmen Matthäi. „Bald kann ich in Rente gehen“, sagt er und scheint seinen eigenen Worten nicht so recht zu glauben. „Mal schauen.“ Entschieden sei noch nichts.

Nachdem der Straßenbelag abgetragen ist, legen die Arbeiter Drainagen zur Entwässerung, die unterirdisch verlaufen. Anschließend wird ein Vlies verlegt und schließlich Schotter darüber verteilt. Danach folgen drei Schichten Asphalt. Die letzte Asphaltschicht ist die Sahnehaube. Sie wird ganz zum Schluss der Arbeiten im Sommer 2019 über die gesamte Straße verteilt.

Fünf Arbeiter vom Bauunternehmen Matthäi, zwölf Lkw-Fahrer und zwei Maschinisten auf der Fräse sind an diesem Tag im Einsatz. Fabian Herold und Martin Seidler sitzen am Straßenrand und schauen auf ihre Handys. Die Fräsmaschine hat Pause. Die zwölf Lkw sind dort gewesen und auf dem Weg von Lüneburg wieder zurück nach Jork. Drei Stunden sind sie hin und zurück unterwegs. Die beiden Maschinisten aus Potsdam arbeiten auf Montage in Bremen. Im Umkreis von 200 Kilometern wird die Fräse eingesetzt. „Die Pause ist mal eine ganz schöne Abwechslung“, sagt Fabian Herold mit Berliner Dialekt. Normalerweise komme das nicht oft vor in ihrem Job.

Warum sie nicht mehr in der Heimat arbeiten? Die Arbeitskollegen bei ihrer alten Firma seien nicht ihr Fall gewesen. „Alles Ossis. Früher war alles besser und so. Das hört man den ganzen Tag“, sagt Martin Seidler. Das sei in Bremen anders. „Die Kollegen sind alle tipptopp.“ Sonntagabends fahren die Maschinisten nach Bremen, Freitag geht es wieder zurück in die Heimat. Kurz vor elf Uhr: Der nächste Lkw ist in Sicht.

„Das ist doch einer für uns“, sagt Fabian Herold. Die Handys landen in der Hosentasche, die Kopfhörer mit angeschlossenem Mikrofon auf dem Kopf. Die Ruhe an diesem Sommertag in Jork ist vorüber. Fabian Herold springt auf die Fräse und schmeißt das Monstrum an. Martin Seidler steuert an der Fahrzeugseite die Tiefe der Fräse. „Bei der alten Straße kann man nicht vorhersagen, wie tief wir müssen“, sagt er. Wenn ein wenig Asphalt im gelben Sand liegen bleibt, muss nachjustiert werden.

Mit einem lauten Piepen fährt der orangefarbene Laster rückwärts an die Fräse heran. Schon geht es los. Laut polternd fallen die Asphaltbrocken in den Anhänger. Keine fünf Minuten später ist der Laster auch schon voll. Herold hupt, und der Laster fährt davon. Geredet wird hier nicht. Jeder weiß, was er zu tun hat. Jetzt kommen die Lkw wieder zügig nacheinander. Der nächste ist schon in Sicht. Es ist elf Uhr.

Die beiden Potsdamer sind bei der Sache. Fabian Herold schaut abwechselnd links und rechts von der Fräse herunter. Martin Seidler betätigt die Knöpfe, um die Höhe der Fräse einzustellen. Fähige Arbeiter würden überall gesucht, sagt Seidler. Deshalb seien sie auch auf Montage. „Es will ja keiner mehr arbeiten, alle wollen nur noch studieren.“

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die Folgen:

 

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