TBei der Obstbau-Familie Augustin haben Frauen viel zu melden
Für die Adventsserie haben Katrin und Dierk Augustin die Tür zum Seminarhaus DenkMal auf ihrem Obsthof in Klein Hove geöffnet. Foto: Richter
Die Tür mit dem goldenen Pferd ist eine der schönsten des Alten Landes. Doch wer dahinter die traditionelle gute Stube erwartet, dürfte überrascht werden. Auf dem Bio-Obsthof Augustin in Klein Hove haben neue Ideen Tradition - und Frauen oft das Sagen.
Das Haus wurde 1712 von einem seiner Vorfahren gebaut. Doch die schöne Tür, durch die wir ins Haus gehen, ist nicht das Original, sondern ein Nachbau, verrät Dierk Augustin: „An die erste erinnere ich mich noch aus meiner Kindheit. Sie lag auf dem Heuboden über einer morschen Stelle, damit man darüber laufen konnte.“ Weil der Holzwurm drin war, wurde die reich verzierte Tür irgendwann entsorgt.
Der 1956 geborene Dierk Augustin sagt, dass die neue Tür zur Hochzeit seiner Eltern eingebaut wurde. Die sorgte auf dem Hof sowieso für große Veränderungen. Seine Mutter hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, einen Wilhelm Augustin aus Harsefeld zu heiraten. Eine Altländerin! Einen Mann von der Geest!
Es war undenkbar. „Meine Oma Emma wollte das nicht“, sagt Dierk Augustin. Der Hof war ihr Erbhof. Die Altländerinnen hatten nämlich schon von jeher das Erbrecht, wenn kein männlicher Erbfolger da war. Das brachte sie zu einem Status, von dem Frauen in anderen Regionen nur träumen konnten: Sie hatten die Hand auf dem Geld. „Als Frauen in den 60er Jahren erlaubt wurde, ein eigenes Konto zu haben, hat meine Oma nur gesagt: Wat schnackt de Lüüd blots?“
Skandal: Altländerin heiratet einen Mann von der Geest
Nun setzte ihre eigene Tochter sich gegen diese starke Frau durch. Die Liebe siegte, für das junge Paar wurde das Haus renoviert. Ein kleiner Raum gleich hinter der Eingangstür, in dem in Altländer Häusern die Truhen mit den wichtigen Dokumenten und Wertsachen standen, die sogenannte Kofferkammer, verschwand, die Diele erhielt ihren heutigen, großzügigen Schnitt. Und die Tür mit dem goldenen Pferd wurde erneuert, von einem der geschickten Drechsler, die es damals noch gab.
Hinter der Tür: Der vordere Teil der Diele mit dem Klavier und einer Mischung aus antiken und neuen Möbeln ist nur einer der Räume des Seminarhauses DenkMal, das jetzt im Erdgeschoss untergebracht ist.
„Im Alten Land hatten die Frauen schon immer viel zu sagen“, erklärt Dierk Augustins Ehefrau Katrin. Sie stammt vom Obsthof Quast in Neuenfelde und kann ihre Familie im Alten Land bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Sie war es, die mit dem typischen Selbstbewusstsein einer Altländerin die Idee durchsetzte, den Hof auf biologischen Anbau umzustellen: „Ich wollte es einfach mal probieren. Die Herbizide haben mich gestört, ich bin schon immer ein Pflanzen-Freak“, sagt sie.
Heute ist die Obstbäuerin auch ausgebildete Heilpflanzenexpertin und gibt ihr Wissen unter anderem bei Kräuterwanderungen weiter.
Nach der Bio-Umstellung gab’s zuerst schlechte Ernten
Die ersten Jahre nach der Bio-Umstellung 1990 waren hart, erinnert sich Dierk Augustin. Die anderen Altländer Obstbauern beobachteten sie mit Argusaugen - und warteten auf das Scheitern. Die ersten Ernten waren tatsächlich schlecht.
Doch dann lief es, und um die Bio-Äpfel noch besser verkaufen zu können, baute Katrin Augustin eine eigene Vermarktung auf, während ihr Mann sich um den Obstbaubetrieb kümmerte. 1998 gründeten sie die Bio-Obst Augustin KG. Inzwischen hatten auch Katrin Augustins Brüder, Heinrich Quast in Neuenfelde und Hartwig Quast in Jork-Borstel, auf Öko-Anbau umgestellt und vermarkteten ihre Ernte über die KG. Heute ist die Firma im Gewerbegebiet Ostfeld ansässig und vermarktet Äpfel und Birnen von zehn Altländer Obsthöfen. Die Geschäftsleitung hat Catharina Augustin, eine der beiden Töchter, mit ihrem Cousin Hinrich Quast übernommen.
Hinter dem Haus mit dem goldenen Pferd gibt es inzwischen eine Photovoltaikanlage auf dem Dach der Sortierhalle, die Strom erzeugt. Geheizt werden alle Gebäude mit Abwärme aus den Kühlhäusern und mit Holzabfällen, die in der Plantage ständig anfallen. Das denkmalgeschützte Haus haben Dierk und Katrin Augustin von Grund auf saniert. Im Jahr 2007 den Giebel, einige Jahre später auch den Rest. Nach dem Tod von Dierks Augustins Vater wollten sie eigentlich nur renovieren, bemerkten aber, dass die Balken der Fundamente völlig vermodert waren.
Bei der großen Flut von 1962 hatte das Haus unter Wasser gestanden. Die Sanierung war extrem aufwendig, wurde aber zur Herzensangelegenheit. Unter Tapeten kamen alte Wandmalereien zum Vorschein, deren schönste Fragmente heute sichtbar sind. Ein Vorfahr hat sie um 1820 anfertigen lassen: Hans Quast, Landesdeputierter im Königreich Hannover. Damals war der Hof einer der größten des Alten Landes.
Wie das Denkmal zum Seminarhaus wurde
„Ich hatte schon lange die Idee, hier Seminare zu veranstalten“, sagt Katrin Augustin. Bei der sensiblen Umgestaltung der Räume in ein Seminarhaus ließen sie sich von einer Hamburger Designerin beraten: Carmen Breuker, die zu einer Freundin wurde und später selbst ins Alte Land zog. Heute betreibt sie in einem Nebengebäude die RosiMilla-Manufaktur, die ein ökologisches Naturprodukt herstellt, das auch mit weiblichem Selbstbewusstsein zu tun hat: Vaginalgleitperlen. Für alle, die wissen wollen, was es damit auf sich hat, gibt es dazu Kurse in Zusammenarbeit mit einer Buxtehuder Frauenärztin im Seminarhaus DenkMal.
So heißt es heute, und Dierk und Katrin Augustin vermieten die Räume an Firmen und Veranstalter. Hier gibt es ebenso Kurse in thailändischer Küche wie über regenerative Landwirtschaft. Auf dem Klavier in der Diele hat schon der Pianist Haiou Zhang ein Konzert gegeben. Meistens spielt Katrin Augustin aber selbst darauf. Und Dierk Augustin freut sich, dass das Haus „weiterlebt und für die nächsten 300 Jahre fit ist“.
Die Adventsserie
Im Dezember öffnet das TAGEBLATT bis Heiligabend 24 Türen, hinter denen sich interessante Menschen und spannende Geschichten aus der Region verbergen. Alle Folgen der Serie gibt es im Internet unter: