Zähl Pixel
Archiv

24-Stunden-Reportage: Die Lizenz zum Kassieren

Ronald Badack kennt keine Gnade: 35 Euro kostet das Parken auf dem Behindertenparkplatz. Foto: Berlin

Ronald Badack kennt keine Gnade: 35 Euro kostet das Parken auf dem Behindertenparkplatz. Foto: Berlin

Ronald Badack (69) sitzt auf einer Bank auf dem Elbdeich auf Krautsand und hat seine Pappenheimer im Blick. Er trägt kurze Jeans, ein weißes T-Shirt, Turnschuhe, Sonnenbrille und eine Kamera am Gürtel. Badack ist kein Tourist. Er hat die Lizenz zum Abkassieren.

Von Daniel Berlin Freitag, 13.07.2018, 19:00 Uhr

Im Behördendeutsch heißt das, was Badack macht, Überwachung des ruhenden Verkehrs. Badack kontrolliert, ob Autofahrer und Wohnmobilisten auf der Urlaubsinsel brav ihre Parkgebühren bezahlen. 50 Cent kostet eine Stunde für Autos, drei Euro ein ganzer Tag. Das sollte jeder übrig haben. Zahlt aber nicht jeder. Während eines Flohmarktes an einem Sonntag schrieb Badack einmal 62 Autos in fünf Stunden auf. Damals brauchte er zwei Blöcke und schmeckte die Blaupause zwischen Daumen und Zeigefinger.

Heute ist es ruhig. Um 11 Uhr beginnt seine Schicht. Dreieinhalb Stunden wird Badack unterwegs sein. Der 69-Jährige wohnt in Freiburg und kommt zum Kassieren nach Krautsand. Als Angestellter bei der Gemeinde Drochtersen verdient sich der gelernte Feinmechaniker und ehemalige Kraftfahrer ein paar Euro zur Rente dazu. Seine Ausrüstung: ein Stift, Schlüssel für die Parkautomaten, Kleingeld, die Strafzettel, eine Kamera zum Dokumentieren jeder Verkehrssünde „und meine Wenigkeit“, sagt er.

Badack meint, er habe geahnt, dass auf dem Autoparkplatz ein Wohnmobil steht. Warum, weiß er nicht. Der Camper gehört nicht auf die Wiese, sondern auf den extra ausgewiesenen Stellplatz. „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil“, sagt Badack mit Berliner Dialekt. Vor gut 16 Jahren kam er nach Niedersachsen. Er wuchs in Charlottenburg auf, lebte im Wedding, kutschierte Bier und hat seinen Spitznamen „Sammy“ einer gleichnamigen Kneipe auf seinem alten Kiez zu verdanken.

Um sechs Minuten nach elf schreibt Badack den ersten Strafzettel. 15 Euro notiert er auf dem Überweisungsträger. Er fotografiert den Camper so, dass Auto, Kennzeichen und Standort zu erkennen sind und klemmt den Strafzettel hinter den Scheibenwischer. Er dreht seine erste Runde auf dem Parkplatz und schaut in jedes Auto. „Alle bezahlt“, sagt er. „Gut für mich.“

Fingerspitzengefühl gehöre zu seinem Job, sagt Badack. Eine halbe Stunde Parken ist frei. An den Automaten können Autofahrer diese Freitickets ziehen. Sie müssen nur auf den Knopf drücken. Einige sind dafür zu bequem. Die Kennzeichen der vermeintlich Säumigen schreibt Badack auf einen separaten Zettel. Nach einer halben Stunde schaut er noch mal nach. Manchmal auch nach 33 Minuten. „Wir sind hier schließlich nicht in Hamburg“, sagt Badack, der Kulante.

Im 19-Millionen-Euro-Haushalt der Gemeinde Drochtersen sind die Strafen für Falschparker eine verschwindend geringe Summe. Im Jahr 2017 nahm die Kommune knapp 34 000 Euro ein. In den vergangenen Jahren waren es immer zwischen 30 000 und 40 000 Euro. Die Einnahmen sind wetterabhängig. Bürgermeister Mike Eckhoff sagt, dass die Gemeinde auf Krautsand Kosten habe. Badack und sein Kollege kosten Geld, die Gemeinde ist für die Wartung und Unterhaltung der Automaten, für die Müllentsorgung und für die Stromversorgung zuständig. Sie muss Pacht für den Parkplatz zahlen. Unterm Strich ein Nullsummenspiel.

Die Sonne brennt auf Badacks Unterarmen. „Ich habe mich heute nicht eingeschmiert“, fällt ihm dabei ein. Der 69-Jährige ist in der Gegend bekannt wie ein bunter Hund. Seit Jahren besitzt er eine Dauerkarte für die Spiele des Fußball-Regionalligisten SV Drochtersen/Assel im Kehdinger Stadion. Dort arbeitet er ehrenamtlich als Ordner. Gern setzt er sich auf sein Motorrad, eine 38 Jahre alte BMW R 65. „Ich muss immer in Bewegung sein, bin immer unterwegs“, sagt Badack, der ein wenig aussieht wie ein Rocker mit seinen langen grauen Haaren, die er zum Zopf gebunden hat, und mit der schmalen Sonnenbrille. Bei Bekannten drückt Badack dennoch kein Auge zu. „Sonst tanzen die mir auf der Nase herum“, sagt er. Wer falsch parkt, bekommt ein Ticket.

Natürlich wird Badack mal angepöbelt. Aber das sei selten, sagt er. Seinem Kollegen sei mal Prügel angedroht worden. Aber Beleidigungen gingen ins eine Ohr rein und aus dem anderen raus. Er sagt dann sachlich, was die Leute falsch gemacht haben, diskutiert nicht weiter und geht.

Nach seiner Runde auf dem Parkplatz schlendert Badack zum Wohnmobilstellplatz rüber. Ein wenig suchen muss er, wenn er die kleinen Zettel finden will. Einige Touristen heften die Parkscheine in eine Ecke an der Beifahrerseite. Zwischen den Campern sitzen Urlauber. Sie lesen, rauchen oder genießen den Schatten neben ihrem fahrbaren Bungalow. Badack schnackt mit den meisten. Er streichelt einen aufgeregten Terrier und geht weiter. „Alle bezahlt“, sagt er. Badack schaut noch kurz in den Sicherungskasten für die Stromversorgung und legt einen Schalter um. Er kontrolliert, ob in den Parkscheinautomaten noch genügend Papier ist. Manchmal muss er nach Feierabend das Kleingeld zur Kreissparkasse bringen.

Dann geht er wieder auf seinen Deich, auf seine Bank. Wenn sie besetzt ist, setzt er sich manchmal dazu und plaudert mit den Leuten. Diesmal beobachtet er, wie ein Volkswagen den Behindertenparkplatz ansteuert und dort anhält. Ein junger Mann steigt aus. Eine Frau und ein Mädchen mit Taschen steigen aus. Sie gehen in Richtung Strand. Sie sehen aus wie Badegäste. Badack wartet noch zwei Minuten. „Nicht gleich hingehen“, sagt er. Fingerspitzengefühl. Um zwanzig vor zwölf steigt er langsam die Stufen vom Deich herunter und nähert sich dem Wagen. Hinter der Windschutzscheibe liegt kein Ausweis. Badack zückt seine Kamera und fotografiert das Auto. Er schreibt noch den Strafzettel, da läuft der Besitzer schon auf ihn zu und ist erstaunt, dass Badack schon da ist. Dass der Mann „nur ein Brötchen holen wollte“, interessiert Badack nicht. „Dafür habe ich kein Verständnis“, sagt Badack später. Keine 20 Meter weiter hätte der Mann eine halbe Stunde umsonst parken können. Jetzt kostet ihn das Brötchen 35 Euro extra. Er bedankt sich und fährt weg.

Badack kann sich nicht beklagen. Er ist an der frischen Luft. Die Leute sind freundlich. Nur selten teilt ihn die Gemeinde woanders ein, als auf Krautsand. Vor zwei Jahren schrieb Badack die Falschparker rund um das Kehdinger Stadion auf. Mönchengladbach war zum DFB-Pokal zu Gast, und ganz Schlaue parkten vor dem Feuerwehrhaus. In fünf Wochen kommen die Bayern aus München. Für einen Drochtersen/Assel-Fan wie Badack eigentlich ein Festtag. Aber er wird erst mal „draußen“ sein und kontrollieren. Zur zweiten Halbzeit legt er dann die Strafzettel zur Seite.

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die Folgen:

24-Stunden-Reportage: Die Lizenz zum Kassieren

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.