Archäologen hoffen auf Sensationsfund unter St. Marien
Archäologen bietet sich derzeit in Lübecks Hauptkirche St. Marien eine einmalige Chance. Foto: Christian Charisius/dpa
Bei Arbeiten stoßen Experten auf uralte Fundamente unter Lübecks Hauptkirche. Gibt es darunter Hinweise auf die noch ältere Gründungskirche der Hansestadt?
Lübeck. Jahrhundertchance für Archäologen: Sanierungsarbeiten erlauben einen seltenen Einblick in die Geschichte einer der schönsten Kathedralen Lübecks. Für Lübecks Chef-Archäologen Dirk Rieger ist das ein „absoluter Glücksfall“. Mit dem Fund von Resten einer romanischen Basilika unter dem Boden des Altarraums machte sein Team bereits im vergangenen Jahr einen spektakulären Fund. Doch verbirgt sich darunter noch mehr, etwa Reste der Lübecker Gründungskirche?
St. Marien steht auf dem höchsten Punkt der Altstadtinsel. „Wir erwarten noch Strukturen, die älter sind als die romanische Basilika“, sagt Rieger. Er ist Bereichsleiter Archäologie und Denkmalpflege. Die älteste Kirche der Hansestadt sei bereits Ende des 12. Jahrhunderts schriftlich erwähnt worden. Gefunden worden sei von ihr bis heute aber noch nie etwas. „Der absolute Nukleus der bürgerlichen Selbstbestimmung, die Gründungskirche zum Gründungsviertel sozusagen.“
Nach Angaben der Gemeinde St. Marien gab es bereits um 1160 kurz nach der Entstehung der Stadt eine Marktkirche. Wie sie genau aussah, ist unbekannt. Der Umbau im Stil der gotischen Kathedrale mit dem höchsten Backsteingewölbe der Welt, die wir heute kennen, begann 1251. Die beiden Türme sind 125 Meter hoch.
Zuletzt wurde die Heizungsanlage der Kirche vor mehr als 100 Jahren erneuert. Foto: Christian Charisius/dpa
Grund für die archäologischen Arbeiten ist eine geplante Innenraumsanierung. Nach mehr als 100 Jahren wird die Fußbodenheizung erneuert. „Das ist natürlich eine Chance, die man nur einmal im Leben hat“, sagt Rieger. „Und diese Chance wird sich auch in den nächsten 200, 300 Jahren mit Sicherheit nicht mehr ergeben.“ Die Archäologen sichern zudem Proben, „um für die Zukunft die Grundlagen zu schaffen, dass sich auch noch in 100, 200 Jahren Forschende mit dieser Thematik auseinandersetzen können“. Möglicherweise mit Techniken, die heute noch nicht existieren.
Einblicke in die Geschichte
Derzeit haben Besucher die Chance, die Fundamente der romanischen Basilika aus dem frühen 13. Jahrhundert unter dem Chor von St. Marien oder freigelegte Grüfte zu sehen. Archäologen stießen in rund ein Meter Tiefe auf gut erhaltene Reste einer Backsteinmauer und massive Feldsteinfundamente. Die Backsteine stammten aus der Zeit um 1200, sagt Grabungsleiter André Dubisch.
„Wir haben eine sogenannte Backstein-Chronologie. Damit können wir teilweise auf das Jahrzehnt genau sagen, aus welcher Zeit diese Backsteine kommen“, sagt der Archäologe. Es habe sich um eine Boomphase der Stadt unter dem dänischen König gehandelt. „Es war eine sehr kurze Phase, aber die Kaufleute haben ordentlich Geld in dieser Zeit gemacht.“ Dies habe ihnen ermöglicht, solche großen, hochwertigen Backsteine brennen zu lassen.

Dies sind Fundamente einer romanischen Basilika. Liegen darunter noch Spuren der Lübecker Gründungskirche verborgen? Foto: Christian Charisius/dpa
Rieger erklärt, dass die romanische Kirche nur 20, 30 Jahre an dieser Stelle gestanden habe. „Dann hat man sie wieder abgebrochen und in die Hallenkirche umgebaut.“
Zwar gab es zu Beginn des 13. Jahrhunderts bereits mehrere Pfarrkirchen in Lübeck. St. Marien jedoch ist die Hauptkirche des Bürgertums. „Das ist sozusagen das Machtbild, das Selbstverständnis des Bürgertums, sich gegenüber der Obrigkeit aufzulehnen“, sagt Rieger. Sie sei als Hauptkirche der Hanse im Ostseeraum zur Blaupause geworden. Sie gilt als „Mutterkirche der Backsteingotik“ der Region.

Das Team von Chef-Archäologe Dirk Rieger kann aufgrund einer geplanten Sanierung unter dem Boden nach archäologischen Funden Ausschau halten. Foto: Christian Charisius/dpa
Der mittelalterliche Altstadtkern Lübecks gehört zum Unesco-Welterbe. „Der ganze Boden, alle Bodendenkmale, alles, was sich unter unseren Füßen befindet, ist geschützt“, sagt Grabungsleiter Dubisch.
Sanierungskosten von rund 28 Millionen Euro
Rund 28 Millionen Euro soll die Sanierung kosten und etwa drei Jahre dauern. „Wir brauchen eine neue Fußbodenheizung, eine Kombiheizung, um die Kirche vorsichtig temperieren zu können“, sagt Marien-Pastor Robert Pfeifer. Die Hälfte der Kosten trage der Bund. „Die andere Hälfte haben wir selbst zusammengetragen mit Hilfe vieler Institutionen und Fördereinrichtungen in Lübeck und der einzelnen Menschen, die in Lübeck leben.“ Noch fehlten aber mehr als zwei Millionen Euro, die über Bürgschaften bereitgestellt würden.
Die Ausgrabungen begleitet Pfeifer mit Freude. „Es wird ein Stück Lübecker Stadtgeschichte sichtbar gemacht und wieder hervorgeholt“, sagt der Pastor. „Was uns alle wirklich ins Staunen versetzt, weil wir bis an die frühesten Phasen der Gründungsgeschichte dieser Stadt zurückgehen.“

Die Kosten der Sanierung beziffert Pastor Robert Pfeifer mit 28 Millionen Euro. Foto: Christian Charisius/dpa
Immer wieder stoßen die Archäologen bei ihrer Arbeit im Innenraum der Kirche auf Grüfte. „Hier haben sich die reichen Hanse-Kaufleute bestatten lassen, so nah wie möglich am Altar“, sagt Grabungsleiter Dubisch. Darin hat sein Team Freskenmalereien und Inschriften aus dem 17. Jahrhundert und die Grabplatte eines früheren Lübecker Bürgermeisters entdeckt.
Die bisherigen Funde im Altarraum sollen für Besucher in einer Form sichtbar bleiben. Chef-Archäologe Rieger nennt den 3D-Druck als eines von mehreren denkbaren Beispielen. Möglich seien archäologische Fenster, die einen Einblick in den Boden geben könnten. Die Entscheidung sei noch nicht gefallen.

Noch laufen die Arbeiten. Foto: Christian Charisius/dpa
Ende 2026, Anfang 2027 wollen die Archäologen noch einmal in der Kirche graben. „Dann wird der gesamte Chorbereich auf das historische Niveau herabgesetzt“, sagt Grabungsleiter Dubisch. „Die Chance nutzen wir dann.“ Ziel sei die Entdeckung der ältesten Kirche des heutigen Lübecks.
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