„Subtiler Sprachwitz“: Büchner-Preis für Autorin Wunnicke
Wunnicke wird für ihr Werk geehrt. (Archivbild) Foto: Arne Dedert/dpa
Die Akademie für Sprache und Dichtung spricht von der Verblüffungskraft ihres Werkes. Jetzt bekommt die Schriftstellerin eine der renommiertesten Auszeichnungen.
Darmstadt. Ihre Stoffe findet sie meist per Zufall - und verwandelt sie in Romane, die Fakt und Erfindung auf verblüffende Weise vermengen: Die Autorin Christine Wunnicke, 59, erhält in diesem Jahr den mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis.
„Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Georg-Büchner-Preis 2026 Christine Wunnicke für ihr stets überraschendes und souverän konzipiertes Erzählwerk, das an so unterschiedlichen Schauplätzen wie Hollywood, Nagasaki oder Paris angesiedelt ist“, heißt es in der Begründung der Jury.
Akademie spricht von brillanter Kunst
„Die Verblüffungskraft dieses Œuvres, sein unbekümmerter Eigensinn, die unbeirrbare Arbeit eines Vierteljahrhunderts beeindrucken die Leserinnen und Leser, die mit jedem Buch in eine neue faszinierende Auseinandersetzung zwischen Fakt und Erfindung verwickelt werden“, heißt es weiter von der Jury.
Wunnickes brillante Kunst mache im vermeintlich Historischen das Fiktionale sichtbar und ermögliche so einen entlarvenden Blick auf die europäische Wissenschafts- und Kolonialgeschichte. „Wie nur selten vereinen sich in diesen Romanen, getragen von subtilem Sprachwitz und dem Verzicht auf Selbstreferenz, das Unterhaltende und die anspruchsvolle Reflexion auf so großartige wie diskrete Weise.“
Zweimal auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises
Die in München geborene und vielfach ausgezeichnete Autorin studierte Linguistik, Altgermanistik und Psychologie in Berlin und Glasgow. Sie erhielt unter anderem den Wilhelm-Raabe-Preis und stand zweimal auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Zuletzt für ihr Buch „Wachs“ im vergangenen Jahr, das im Frankreich des 18. Jahrhunderts spielt. Es erzählt von zwei sich liebenden Frauen, unter anderem von Marie, die schon im Alter von 13 Jahren Leichen kaufen will, um Anatomin zu werden.
„Komplett belastbare Entscheidung“
„Auf den Tafeln der Wettbüros kursierten viel Namen von Autorinnen, aber Christine Wunnicke stand ganz gewiss nicht im oberen Drittel für den diesjährigen Büchner-Preis“, sagte Hauke Hückstädt, selbst Autor und Leiter des Literaturhauses Frankfurt/Main sowie Vorsitzender des Netzwerks der Literaturhäuser in Deutschland, Österreich und Schweiz. „Es ist eine schöne, eine poetische, eine literarisch-ästhetisch komplett belastbare Entscheidung.“
Wenn es auch eine Verkündigung mit zwei Wermutstropfen sei, so Hückstädt. „Der fantastische Berenberg Verlag, der diese Autorin über Jahre gefördert und groß gemacht hat, kündigte bereits seinen Betriebsschluss, sein Aus an“, sagte Hückstädt. Und dann komme hinzu, dass die Autorin nicht auftritt, sie meide die Bühnen. Büchern wie „Wachs“ tue dies keinen Abbruch. „Wir Lesende würden Christine Wunnicke gerne erleben. Die Chance dazu dürfte mindestens im Herbst in Darmstadt zur Krönung gegeben sein.“
Verleihung in Darmstadt
Die Preisverleihung soll nach Angaben einer Sprecherin der Akademie am 24. Oktober im Staatstheater in Darmstadt stattfinden. Der seit 1951 vergebene Preis zählt zu den wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum.
Die Akademie vergibt die Auszeichnung an Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die in deutscher Sprache schreiben. Die Preisträger müssen „durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten“ und „an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben“, heißt es in der Satzung. Der Preis wird vom Bund, dem Land Hessen und der Stadt Darmstadt finanziert.
Klangvolle Namen bei den Preisträgern
Zu den bisherigen Preisträgern gehören Max Frisch (1958), Günter Grass (1965) und Heinrich Böll (1967) sowie zuletzt Oswald Egger und Ursula Krechel. Namensgeber ist der Dramatiker und Revolutionär Georg Büchner („Woyzeck“). Er wurde 1813 im Großherzogtum Hessen geboren und starb 1837 in Zürich.