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Bleibende Unsicherheit: Lagebild der jüdischen Gemeinden

Einige Juden zeigen ihre Kippa nicht mehr in der Öffentlichkeit. (Archivbild)

Einige Juden zeigen ihre Kippa nicht mehr in der Öffentlichkeit. (Archivbild) Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Eine neue Umfrage des Zentralrats der Juden in Deutschland zeigt die Stimmung seit dem Hamas-Angriff auf Israel 2023. Präsident Schuster nennt die Lage in Deutschland unhaltbar.

Von dpa Freitag, 01.05.2026, 05:35 Uhr

Berlin. Polizeistreifen vor der Synagoge, Anfeindungen, Hass: Auch zweieinhalb Jahre nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel erleben viele Juden in Deutschland ihre Lage als bedrückend. In einer Umfrage des Zentralrats der Juden erklärten 68 Prozent von 102 jüdischen Gemeinden, es sei für sie unsicherer als vor dem 7. Oktober 2023. Der Wert ist seit 2024 von damals 82 Prozent etwas gesunken, aber immer noch sehr hoch.

Zentralratspräsident Josef Schuster sprach von einer „neuen Normalität“. Es sei „eine Lage, in der Jüdische Gemeinden permanent geschützt werden müssen und der Antisemitismus als Teil des öffentlichen Raums eine Normalisierung erfahren hat“, sagte Schuster zu der Umfrage. Selbst wenn in Graffitis in Berlin zu Mord an Juden aufgerufen werde, folge kein Sturm der Entrüstung. „Diese Zustände sind unhaltbar“, sagte Schuster.

Das dritte „Lagebild“

Statistiken weisen seit dem Hamas-Überfall auf Israel auch in Deutschland einen starken Anstieg registrierter antisemitischer Vorfälle aus. Für 2024 erfasste der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus Rias 8.627 solcher Fälle, 77 Prozent mehr als 2023. Davon wurden 5.857 Fälle als „israelbezogener Antisemitismus“ eingestuft.

Vor diesem Hintergrund erstellte der Zentralrat nun schon zum dritten Mal ein „Lagebild“ der jüdischen Gemeinden. Befragt wurden Führungspersonen. Die vorherigen Umfragen nach demselben Muster stammen von Ende 2023 und Oktober 2024. Die jüngsten Daten wurden im März 2026 erhoben. 

Iran-Krieg verschlechtert die Lage

Dabei berichtete bundesweit fast jede zweite jüdische Gemeinde - nämlich 46 der 102 - von antisemitischen Vorfällen in den vorangegangenen zwölf Monaten. Davon ging es den Angaben zufolge bei 49 Prozent um Sachbeschädigungen oder Schmierereien an Gebäuden. Daneben gab es Beleidigungen, Anfeindungen, Drohanrufe oder Protestaktionen im Umfeld der Gemeinden. Das Bild war 2024 ähnlich.

Der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas im Oktober 2025 hat die Lage aus Sicht von 61 Prozent der Gemeinden in Deutschland nicht verändert. 18 Prozent berichteten von einer Verbesserung, 13 Prozent von einer Verschlechterung. Der Krieg Israels und der USA gegen den Iran seit Februar brachte jedoch nach Einschätzung von 62 Prozent der Gemeinden in Deutschland eine Verschlechterung ihrer Lage. 

Klage über fehlende Solidarität

Neun von zehn Gemeinden äußerten sich zufrieden über ihre Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden in Deutschland - nur geringfügig weniger als 2023 und 2024. Trotzdem sehen 33 Prozent der Gemeinden immer noch Defizite bei ihren Sicherheitsmaßnahmen. 

Jüdische Gemeinden müssen permanent von der Polizei geschützt werden. (Archivbild)

Jüdische Gemeinden müssen permanent von der Polizei geschützt werden. (Archivbild) Foto: Arne Dedert/dpa

Unterstützung aus der Zivilgesellschaft nehmen nur noch 35 Prozent der befragten Gemeinden wahr - im Vergleich zu 62 Prozent Ende 2023 und 39 Prozent 2024. Zudem melden jetzt 45 Prozent eine Verschlechterung der Beziehungen zu Moscheegemeinden und anderen muslimischen Institutionen.

„Trage Davidstern nicht mehr offen“

In den allermeisten Gemeinden läuft das religiöse und soziale Leben bis auf punktuelle Einschränkungen weiter: Das sagten 95 Prozent der Befragten. In der Öffentlichkeit zeigen viele Juden jedoch nicht mehr ihre Identität. „Ich trage aus Sicherheitsgründen meinen Davidstern nicht mehr offen“, sagte ein namentlich nicht genannter Umfrageteilnehmer nach Angaben des Zentralrats. 

Und ein anderer: „Dinge, die früher selbstverständlich waren - das offene Tragen religiöser Symbole, der unbeschwerte Weg zur Synagoge - sind heute oft begleitet von Vorsicht und einem bewussteren Abwägen. Gleichzeitig hat die Belastung auf emotionaler Ebene stark zugenommen.“ Der 7. Oktober habe tiefe Spuren hinterlassen – auch durch das Gefühl, „dass antisemitische Haltungen wieder sichtbarer und lauter geworden sind“.

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