Zähl Pixel
Handwerk

Der Drechsler, der aus krankem Holz vollendet Schönes macht

An der Drehbank im heimischen Keller meißelt Claus Wilhelm, einst Fernmeldetechniker, aus Stückchen toten Holzes, oft von Pilzbefall gezeichnet, zu formvollendet schönen Handschmeichlern, Kugeln und Gebrauchsgegenständen. Hier arbeitet er an einem Stück Wacholderast. Foto: Lothar Scheschonka

An der Drehbank im heimischen Keller meißelt Claus Wilhelm, einst Fernmeldetechniker, aus Stückchen toten Holzes, oft von Pilzbefall gezeichnet, zu formvollendet schönen Handschmeichlern, Kugeln und Gebrauchsgegenständen. Hier arbeitet er an einem Stück Wacholderast. Foto: Lothar Scheschonka

Für andere ist es Abfall. Allenfalls Brennholz. Ein totes Stück Wacholder, Birne, Buche oder Faulbaum. Wenn Claus Wilhelm es aus seinen Händen entlässt, ist es edel: Glatt. Rund. Schimmernd. Die makellose Schönheit verdankt es - dem Makel innen drin.

Montag, 19.12.2022, 05:00 Uhr

Von Susanne Schwan

„Holz ohne Defekte ist ja langweilig.“ Der 79-Jährige strahlt wie ein kleiner Junge auf Entdeckertour. „Schauen Sie mal hier, diese dunklen Stellen, wunderschön, nicht? Das sind Spuren vom Pilzbefall. Dieser Faulbaum war krank, darum wurde er mal gefällt.“ Splitterig, rau, liegt es in der schwieligen, kräftigen Hand: Dieses zehn Zentimeter kurze, zwei Zentimeter dicke Stückchen sandfarbener Vierkant ist durchzogen von feinen dunkelbraunen Rillen. Wie marmoriert gemasert wirkt es.

In der anderen Hand hält der Rentner ein anderes Stückchen Faulbaum-Ast, durchwabert von dunklen runden Flecken. „Das sind keine Maserungen, das sind Krankheiten gewesen, die dem Strauch oder Baum einst zugesetzt haben. Faszinierend sind auch die Farben im Holz abgesägter Auswüchse, Geschwüren am Stamm.“ Claus Wilhelm, der einmal Fernmeldetechniker war und jahrzehntelang vor allem Elektrotechnik zum Reparieren in die Hände bekam, fährt mit rissiger Haut seines Zeigefingers über die rissige Haut eines Stückchens Faulbaum.

Dann spannt er eines in seine Drehbank ein, wirft den Motor an, ruckelt die Eisenstütze in Position, legt den langen, scharfen Rechteckmeißel daran an und fährt dem Stück Faulbaum damit langsam ins „Fleisch“. Was heißt da „langsam“? Rund 3000 Mal pro Minute rotiert das Holzstückchen um die eigene Achse, während feiner heller Holzstaub aufstiebt, die Drehbank in diffuses Licht hüllt und immer mehr feine gelockte Späne durch die Luft wirbeln. Es duftet wie in einer Schreinerei, würzig, süßlich, waldig.

Weich geschmirgelte, makellos gerundete „Kiesel“ aus einem Stück Totholz

Binnen zwei Minuten verwandelt sich das viereckige Faulbaumstück in einen vollendet gerundeten „Kiesel“ - aber eben nicht aus marmoriertem Stein. Der „Handschmeichler“ wird noch, langsamer drehend, mit Schmirgelpapier bearbeitet und schmiegt sich dann warm und weich in Wilhelms Hand. Er tupft ein bisschen Wasser drauf und verreibt es: „So matt glänzt es dann, wenn ich etwas Lack drauf gesprüht habe.“ Wunderschön schimmern die rotbraunen „Flecken“ des einstigen Pilzbefalls rings um diese große Plinse.

Der Rentner Claus Wilhelm drechselt in seiner heimischen Werkstatt Holzabfälle zu schönen Dingen. So wurden Teile einer am Marschenhaus gefällten Eibe zu der linken großen Kugel gedrechselt und aus "Finnischer Birke" mit ihren Spuren gefrorener Zuckerkristalle die hellgoldene Kugel rechts. Foto: Lothar Scheschonka

Der Rentner Claus Wilhelm drechselt in seiner heimischen Werkstatt Holzabfälle zu schönen Dingen. So wurden Teile einer am Marschenhaus gefällten Eibe zu der linken großen Kugel gedrechselt und aus "Finnischer Birke" mit ihren Spuren gefrorener Zuckerkristalle die hellgoldene Kugel rechts. Foto: Lothar Scheschonka

Wer Claus Wilhelms Hobbydrechsler-Werkstatt an der Grenze zwischen Langen und Bremerhaven betritt, ist schlagartig zurückversetzt in eine Ära ohne computer-gesteuerte Produktionstechnik, als der Lebensalltag der Menschen ohne solides Handwerk aufgeschmissen gewesen wäre. Museales Werkzeug ziert die Wände. 

„Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen, in Wursterheide, heute Nordholz, mein Spielplatz war der Wald und der alte Militärflugplatz“, erzählt er und schubbert mit einer Hand dabei in einer großen Schale voller „Handschmeichler“, Holz rappelt an Holz, ein warmes, tiefes Geräusch.

Er unterbricht und murmelt ohne Luft zu holen „Fichte, Eibe, Amaranth, Linde, Birke, Goldregen, Perückenstrauch, Ahorn, Bermuda-Wacholder, Platane, Kirsche...“ Traumwandlerisch sicher erkennt er jede Plinse auf Anhieb an Farbe und Mustern. Eine schimmert ausgeprägt grünlich - „Essigbaum.“

Vieles davon hat er im eigenen Garten des Hauses, das er 1969 nach der Heirat von den Schwiegereltern übernommen und sich darin über Jahre immer mehr Raum des Kellers für Werkstatt und Lager umgemuddelt hatte. Kreuz und quer in Kartons und Körben, auf Regalbrettern ruhen runde, ovale, drei-, vier-, fünfeckige, kurze, lange, dicke, dünne, krumme oder gerade Stücke aller Hölzer aus allen Ecken der Welt.

In seiner "Bibliothek der Hölzer" hat der Rentner mit seiner Passion für die Natur eine Kartei aus Proben-Täfelchen angelegt: Holzarten aus aller Welt kann er hier auf Anhieb identifizieren. Foto: Lothar Scheschonka

In seiner "Bibliothek der Hölzer" hat der Rentner mit seiner Passion für die Natur eine Kartei aus Proben-Täfelchen angelegt: Holzarten aus aller Welt kann er hier auf Anhieb identifizieren. Foto: Lothar Scheschonka

Was er nicht im Garten hat, erzählt er, also das Meiste, hat er im Laufe der Jahre auf seinen Wanderungen und Spaziergängen zusammengeklaubt. „Freunde bringen mir auch vieles von Reisen mit und manchmal auch Wissenschaftler vom AWI.“ 

Aber er fahndet mit Leidenschaft und Wissbegier auch im Internet, bei traditionellen Holzhändlern - und manche Tischler- und Drechslerfreunde überlassen ihm ihre unbearbeiteten Reste.

Mit seiner „Bibliothek der Hölzer“ kann der Drechsler fast jedes Gehölz identifizieren

Über die Jahre hat Claus Wilhelm eine „Bibliothek der Hölzer“ angelegt: In mehreren Schubfächern stecken sortiert wie in einer Kartei hunderte kleine flache Täfelchen: Proben von Hölzern aller Kontinente, säuberlich beschriftet auch mit dem biologischen Namen: „Peltogyne Paniculata“ steht da zum Beispiel an einem Täfelchen von fast violettem Dunkelrot: „Amaranth“, sagt er. Auch „Bischofsholz“ genannt, wegen der Farbe, im Nordosten Südamerikas verbreitet. Zielsicher klaubt er einen violett schimmernden Kiesel aus der Schale.

Doch der Holzfreund drechselt bei Weitem nicht nur Handschmeichler - aus dem Kabuff nebenan holt er zwei seiner liebsten „Prunkstücke“: In jeder Hand eine rund vier Kilo schwere, Handball-große, wie poliert schimmernde Kugel. Links eine dunkle, changierend zwischen fast Schwarz und Nuss-Braun, übersät mit schwärzlichen Einkerbungen, Schlieren - alten Wunden im alten Eibenholz.

Claus Wilhelm drechselt mit Vorliebe kleine, glatt polierte Handschmeichler, ob aus Kirsche, Eibe, Goldregen, Amaranth oder Wacholder und Faulbaum. Jedes der Stücke kann er sofort erkennen. Foto: Lothar Scheschonka

Claus Wilhelm drechselt mit Vorliebe kleine, glatt polierte Handschmeichler, ob aus Kirsche, Eibe, Goldregen, Amaranth oder Wacholder und Faulbaum. Jedes der Stücke kann er sofort erkennen. Foto: Lothar Scheschonka

Das eine besondere Geschichte mit Wilhelm verknüpft: „Um das Jahr 2000 war das wohl, da lebte noch der frühere Oberbürgermeister Karl Wilms. Der rief mich an und sagte, ‚Claus, wir müssen am Marschenhaus eine kranke Eibe fällen, haste Interesse?‘.“ Der Senior strahlt. „Welche Frage. Ich bin da sofort hin. Ich war ja wie Wilms schon lange im Bauernhausverein Lehe und hab da mit angepackt, ehrenamtlich. Ja, und dann hab ich große Stücke von der Eibe mitnehmen dürfen.“ Die hat er dann gelagert. Jahrelang. „Zum völligen Trocknen, sonst wäre das heute keine Kugel, sondern ein Ei.“ 

Als der Traditionsverein das abgebrannte Marschenhaus im Speckenbütteler Park 1927 originalgetreu wieder aufbaute, hat die alte Eibe vermutlich schon dort gestanden - und nicht auszuschließen ist, dass die schwarzen Kerben Spuren des Brands am Freilichtmuseums sind.

Lieblingstück aus finnischer Birke gedrechselt ist übersät von „Flämmchen“

A propos Flammen: In der Rechten hält der Drechsler sein liebstes Lieblingsstück: Hell wie silbriges Gold schimmert diese Kugel aus „Finnischer Birke“. Und wie von filigraner Feder eingraviert züngeln ringsum schmale goldbraune „Flämmchen“. Entstanden sind diese Muster, so erklärt er, „durch große Kälte und dadurch gefrorene Zuckerkristalle im Stamm.“

Claus Wilhelm

Es ist das Wissen aus fast 50 Jahren des Lesens und Lernens, seit Claus Wilhelm seine Liebe zum Drechsler-Handwerk entdeckt und das mit seiner Passion für Bäume verflochten hat. „Mein Vater war gelernter Gärtner, daher hab ich’s wohl. Und Schiffbauer später auf der Seebeck-Werft.“ 

Ihn selbst zog’s zur Elektrotechnik, lernte in Oldenburg bei der Post nicht nur das Fernmelde-Wesen, sondern auch Grundkenntnisse im Tischlern und der Metallverarbeitung. „Das hat mich geprägt.“ Als Fernmeldetechniker kletterte er zwar nicht auf Bäume, aber doch schwindelerregend hoch auf „seine“ durch ihn betreuten Sendemasten zwischen Bremerhaven, Schiffdorf, Langen, Drangstedt und Nordenham. Er schmunzelt. „Ich war auch jahrelang Ausbilder für Höhenarbeitsplätze.“ Seine Passion, das Holz, hat ihn immer wieder geerdet.

Mit seinen gedrechselten großen und kleinen Kugeln, Kieseln, Dosen, auch kleinen Mäusen und sogar Füller- und Kugelschreiber-Schäften, einzigartige Unikate, ist er auf manchen Kunsthandwerkermärkten, verschenkt aber auch vieles.

„Ich überlege oft lange, was ich woraus drehe. Die vollendetste Form, um diese Vielfalt der Farben und Formen zur Geltung zu bringen, ist die Oberfläche einer Kugel. Mit Elektrotechnik zu hantieren, ist ja nichts selbst Geschaffenes. Ich wollte immer etwas mit den Händen machen, das ich immer wieder anfassen und anschauen und mich an der Schönheit erfreuen kann.“

Weitere Themen

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel

Regen in Niedersachsen und Bremen: Temperaturen bis 20 Grad

Das Wochenende startet am Samstag in Niedersachsen und Bremen mit herbstlichem Wetter. Tagsüber erwartet der Deutsche Wetterdienst (DWD) viele Wolken und anhaltender Regen. Im Süden von Niedersachsen kommt zeitweise in Regenpausen die Sonne raus. Für die Küstenregionen (...).

Zahl gesprengter Geldautomaten geht deutlich zurück

Noch immer werden in Niedersachsen regelmäßig Geldautomaten gesprengt - allerdings mit sinkender Tendenz im Vergleich zu früheren Jahren. Bei den Taten besteht wegen einer veränderten Vorgehensweise oftmals eine größere Gefahr.