TDiese Schadpilze verbergen sich im Giftschrank des Esteburg-Labors
Bis Heiligabend öffnet das TAGEBLATT 24 Türen, die sonst verschlossen sind – und erzählt die spannenden Geschichten dahinter. Heute wird es „faul“ und eklig im High-Tech-Diagnostiklabor des Obstbauzentrums Esteburg in Moorende.
Dort lagern in einem Kühlschrank mehr als 1000 Pilzstämme in Reagenzgläsern und in Petrischalen. Die Schadpilze tragen schaurige Namen wie „Schwarze Sommerfäule“ oder „Grauschimmelfäule“. Diktatoren oder Terroristen brauchen allerdings an dieser Stelle gar nicht erst weiterlesen. „Biologische Kriegsführung ist mit diesen Pilzen nicht möglich, sie kommen alle natürlich im Alten Land vor“, betont der Pflanzenschutzexperte des Obstbauzentrums Esteburg, Professor Dr. Roland Weber.
Seine umfangreiche Pilzstammsammlung dient der Wissenschaft und dem Obstbau – nicht nur an der Niederelbe, sondern weltweit. Es handelt sich um lebende Referenzstämme. So können die Wissenschaftler die Ausbreitung, die Bekämpfung und die Entwicklung von Schaderregern untersuchen – im Austausch. Und die Resistenzbildung kann im Labor über Jahre nachvollzogen werden. Das kann helfen, Schadpilze mit (neu entwickelten) chemischen oder biologischen Wirkstoffen (Fungiziden) auf den Obstplantagen an der Niederelbe gezielt in die ewigen Jagdgründe zu schicken und so die Ernte und Existenz der 500 Familienbetriebe zu sichern. Forscher und Berater an der Esteburg sind im engen Austausch – untereinander und mit der Praxis. Doch Pilze stehen nicht grundsätzlich auf der dunklen Seite, es gibt auch gute, nützlichen Pilze, mit denen Bäume geimpft werden könnten, um sie vor schädlichen zu schützen.
Der Entdecker des Flummi-Pilzes
Viele Obstbauern sagen im Spaß, dass Dr. Weber die Pilze erst ins Alte Land gebracht habe. „Ich bin lediglich ihr Entdecker“, sagt der Leiter der Abteilung Pflanzenschutz und Diagnostik. Insbesondere durch den Klimawandel und globale Warenströme treten immer neue Schadpilze auf, wie die Schwarze Sommerfäule oder die Gummifäule.
Die kann Äpfel in Flummis verwandeln. Diesen Schadpilz hat der Molekularbiologe 2011/2012 erstmals im Alten Land nachgewiesen. Seinen Flummi-Pilz bewahrt Weber auch in dem Kühlschrank auf. Von Gummifäule befallene Apfel-Flummis aus dem Langzeitlagerhaus „riechen wie englischer Cidre“. Mehr als ihren „Duft“ schätzt der Biologe allerdings nicht an seiner Entdeckung.
Weil befallene Äpfel „nach dem Aufprallen ein, zwei, drei Mal hüpfen“, nannte Weber die Lagerkrankheit einprägend „Gummifäule“. Der Vergleich – Forscher können sich „ihre“ Pilze dank der Stammsammlungen gegenseitig zuschicken – ergab, dass der Pilz eine halbe Weltreise hinter sich hatte: Wissenschaftler kennen ihn unter dem Namen phacidiopycnis washingtonensis – entdeckt 2003 in den USA. In Europa war der Schadpilz gänzlich unbekannt.
Sammlung hilf zukünftigen Forschern
Erst im Lager zeigt dieser Pilze sein wahres Gesicht: Der Apfel färbt sich pechschwarz und schaurigfaszinierende Fruchtkörper und Sporen bilden sich. Integrierter oder Bio-Anbau, die Gummifäule macht keinen Unterschied. Gemeinsam wurde an der „Esteburg“ eine Bekämpfungsstrategie entwickelt: Jetzt werden die Äpfel vor dem Einlagern einer Heißwassertauchbehandlung unterzogen. Bei 51,7 Grad tritt der Pilz die Reise ins Jenseits an.
Professor Dr. Roland Weber hat die Tür seines Kühlschranks für seine Stammpilz-Sammlung in seinem High-Tech-Diagnostiklabor im Obstbauzentrum „Esteburg“ in Moorende geöffnet. Foto: Vasel
Die Sammlung wird auch zukünftigen Forschergenerationen helfen, die Wissenschaft entwickele immer neue Methoden: „Wir bringen Pilze zum Sprechen.“
Die Serie
Das TAGEBLATT blickt in der Adventszeit hinter verschlossene Türen. Bis einschließlich 24. Dezember stellt die Redaktion im Dezember 24 Orte und ihre Geschichte vor.