TDieses Krankenhaus ging nie in Betrieb
Bis Heiligabend öffnet das TAGEBLATT 24 Türen, die sonst verschlossen sind – und erzählt die spannenden Geschichten dahinter. Hinter dem heutigen Türchen geht es in Wiepenkathen hinunter in ein Relikt aus der Endzeit des Kalten Krieges.
Auf dem Grundstück der Feuerwehrtechnischen Zentrale in Wiepenkathen liegt ein Untergrundkrankenhaus, das seit 1990 während eines Atomkrieges oder nach einem AKW-Unfall den Menschen in der Region Zuflucht bieten sollte. Genutzt wurde es in dieser Funktion aber nie.
Auf 2821 Quadratmetern hätten 226 Patienten und 108 Mitarbeiter einquartiert werden können. 1984 begannen die Bauarbeiten für das unterirdische 7,6-Millionen-Mark-Projekt. Die Übergabe erfolgte 1990. Es gehörte zu einem Netzwerk von Zivilschutzeinrichtungen, die in der Bundesrepublik bis zur Einheit zum Schutz vor den Auswirkungen von atomaren, bakteriellen oder chemischen Kampfstoffen errichtet worden sind. Bis 2005, zur Aufgabe des Schutzraumkonzeptes, flossen Bundesmittel in den Unterhalt. Seither ist es ein musealer Ort.
Küche ist noch funktionsbereit
Das Untergrundkrankenhaus mit fünf Operationssälen ging nie in Betrieb. Ohnehin hätte es einem Vorlauf mehrerer Wochen bedurft, um den Bunker einsatzfähig zu machen. In zwei Tanks wäre Platz für 91.000 Liter Diesel, Vorrat für ein halbes Jahr. Massenhaft Valium sollte bereitgehalten werden, um dem Bunkerkoller vorzubeugen. Wer nach einem Atomschlag über die Schmutz- und Keimschleusen in Höhe des Schlauchturms ins Untergrundkrankenhaus gekommen wäre, hätte sich zunächst einer Strahlenmessung und in Großraumduschen einer Reinigung unterziehen müssen. Kontaminierte Kleidung wäre über Luken entsorgt worden. Nur der Chefarzt hatte ein Einzelzimmer.
Der spartanische Operationssaal im Untergrundkrankenhaus in Wiepenkathen war nur für die besonders schweren Fälle bestimmt. Fünf dieser Operationssäle waren vorgesehen. In den Kisten lagert noch altes Operationsbesteck– inklusive Bedienungs
Die Küche ist funktionsbereit, das Wasser wird über einen 38 Meter tiefen Brunnen gefördert. Ein Teil der Operationsausstattung ist noch erhalten geblieben. Die Leitungen werden regelmäßig gespült, um Legionellen vorzubeugen. Hochbetten sind noch übrig. Vor der Corona-Pandemie übernachteten hier gelegentlich Feuerwehr-Bereitschaften aus anderen Landkreisen und Jugendfeuerwehren, auch Besuchergruppen ließen sich durch den Bunker führen.
Rückbau hätte Millionen verschlungen
In nicht genutzten Räumen lagert das Elbe Klinikum inzwischen alte Akten. Mit der Miete werden die Unterhaltskosten gedeckt. Bundeswehrwolldecken von 1968 und alte Bezugsscheine und Lebensmittelkarten werden für einen großen Blackout aufbewahrt, um die Versorgung der Bevölkerung im Katastrophenfall organisieren zu können.
Mit alten Bezugskarten für Lebensmittel möchte der Landkreis bei einer Katastrophe nach einem Stromausfall die Versorgung sicherstellen. Untergrundkrankenhaus. Foto: Vasel
Die laufende Unterhaltung kostet mehrere Tausend Euro im Jahr, ein Rückbau hätte Millionen verschlungen. Ein Vierteljahr wären Patienten und Beschäftigte nach einem Atomschlag unter der Erde sicher gewesen. Dann hätten auch sie das Untergrundkrankenhaus verlassen – und wären wegen eines Konstruktionsfehlers durch ein Meer von Schiet nach draußen gewatet. Der einzige Zugang erfolgt über eine abschüssige Rampe, direkt daneben liegt der Abfluss für die Fäkalien. Die liefen direkt vor die Bunkertür. Wäre die automatische Pumpe ausgefallen, hätten die Exkremente per Handkurbel nach draußen befördert werden müssen.
Adventsserie: Das TAGEBLATT blickt in der Adventszeit hinter verschlossene Türen. Bis einschließlich 24. Dezember stellt die Redaktion im Dezember 24 Orte und ihre Geschichte vor.
Von der Bundeswehr kamen Tausende alter Wolldecken. Foto: Vasel