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Brennpunkt

Viele Verbrechen – In Hamburg-St. Georg formiert sich Widerstand

Angesichts der zunehmenden Kriminalität in Hamburg-St.-Georg versuchen die Einwohner und Einrichtungen des Stadtteils sich selbst zu helfen. (Archivbild)

Angesichts der zunehmenden Kriminalität in Hamburg-St.-Georg versuchen die Einwohner und Einrichtungen des Stadtteils sich selbst zu helfen. (Archivbild) Foto: Bodo Marks/dpa

Der Hamburger Hauptbahnhof gilt als sozialer Brennpunkt. Polizei und Behörden reagieren mit mehr Streifen und Kontrollen. Verlagert sich die Drogenkriminalität nun in den Stadtteil St. Georg?

Von dpa Donnerstag, 13.02.2025, 13:35 Uhr

Hamburg. Eine Hamburger Bürgerinitiative beklagt die Verlagerung der Rauschgiftkriminalität aus dem Umfeld des Hauptbahnhofs in die angrenzenden Wohngebiete im Stadtteil St. Georg. „Seit anderthalb Jahren ist es so schlimm wie noch nie“, sagte Initiativen-Gründer Tobias Stempien. Durch die verstärkten Kontrollen von Polizei und Sicherheitsdiensten am Hauptbahnhof hielten sich die Süchtigen verstärkt in dem Wohngebiet auf.

„Wir spüren jeden Tag ein Defizit an Sicherheit“, sagte Mitgründer Stefan Wiedemeyer. Die Bewohner des Viertels stellten ein zunehmend aggressives Verhalten auf der Straße fest. An der Außenalster rüsteten sie ihre Wohnungen auf, eine Kita habe ihr Gelände in St. Georg mit Nato-Draht gesichert.

Initiative fordert Politik zum Handeln auf

Nach Beobachtung der Initiative nehmen die Süchtigen Heroin, Crack - eine rauchbare Form von Kokain - und auch Fentanyl. Das synthetische Opioid ist ein extrem potentes Schmerzmittel, das immer häufiger als Droge missbraucht wird und in den USA schon zu Zehntausenden Todesfällen geführt hat. Besonders der Mix dieser Drogen mache die Konsumenten aggressiv. Die Beschaffungskriminalität nehme zu, vor allem Fahrrad- und Ladendiebstähle. Die Einwohner von St. Georg empfänden Angst, Ekel und Hilflosigkeit.

Seit dem 7. Januar können sie ihre Erlebnisse auf der Plattform der Initiative berichten. Wiedemeyer und Stempien fordern, dass sich die Politik zusammensetzt und ein Lösungskonzept erarbeitet. Für Hamburgs Polizei finden die beiden lobende Worte: „Die Polizei macht wirklich einen tollen Job“, betont Stempien.

Kriminalitätsschwerpunkt St. Georg

St. Georg gilt als Kriminalitätsschwerpunkt. Nach Angaben des Senats nahm die Gewaltkriminalität im ersten Halbjahr 2024 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 33 Prozent zu. Die Zahl der Schusswaffendelikte stieg von sechs auf zehn, die Zahl der Messertaten von 68 auf 82, also um 20,6 Prozent.

Als wesentliche Ursache des Anstiegs nennt der Senat die erhöhte Polizeipräsenz in der Innenstadt unter anderem im Rahmen der „Allianz sicherer Hauptbahnhof“, wodurch mehr Taten zur Anzeige kämen.

  • Weniger Straftaten in Hamburg insgesamt

Die Zahl der Straftaten in Hamburg ist nach Angaben der Polizei im vergangenen Jahr um 4 Prozent gesunken. Es seien 224.913 Delikte erfasst worden, 9.328 weniger als im Jahr 2023, sagte Innensenator Andy Grote bei der Vorstellung der neuen polizeilichen Kriminalstatistik. Die Gewaltkriminalität nahm um 604 Fälle oder 7,2 Prozent zu. Von den 8.998 Taten wurden 77 Prozent in den beiden Stadtteilen St. Pauli und St. Georg verübt. Zur Gewaltkriminalität zählen Mord und Totschlag, gefährliche und schwere Körperverletzung sowie Vergewaltigungen.

Polizeipräsident Falk Schnabel erklärte den Anstieg vor allem mit der verstärkten Polizeipräsenz am Hauptbahnhof. Dadurch seien vielen Taten in das „Hellfeld“ geholt worden. Wenn etwa Beamte vor der Drogenhilfe-Einrichtung Drob Inn einen Mann mit einer Platzwunde entdeckten und dieser angebe, er sei geschlagen worden, müsse von Amts wegen ein Verfahren eingeleitet werden. Es würden vermehrt Taten innerhalb der Drogen- und Trinkerszene angezeigt.

Schnabel kündigte an, dass die Polizei nun mehr Präsenz im übrigen Stadtteil zeigen werde.

Fast jede vierte Straftat kommt nur bei Kontrollen zur Anzeige

Die Zahl der Straftaten je 100.000 Einwohner betrug im vergangenen Jahr 11.750 und ist damit deutlich niedriger als im Vorjahr (12.380). Fast jede vierte erfasste Straftat ist allerdings ein sogenanntes Kontrolldelikt, kommt also wie etwa das Schwarzfahren nur bei Kontrollen zur Anzeige. Auch die Statistik zur Drogenkriminalität kann sich auf diese Weise verändern. Schnabel erwähnte die weitgehende Legalisierung des Cannabis-Besitzes. Allein dadurch sei die Zahl der Rauschgiftdelikte um rund ein Drittel - 5.709 Taten - gesunken.

Gewaltkriminalität am Hauptbahnhof um 25 Prozent gesunken

Bundesinnenministerin Nancy Faeser und Innensenator Andy Grote (beide SPD) trafen sich am Mittwoch mit Vertretern der „Allianz sicherer Hauptbahnhof“, zu der die Bundes- und Landespolizei sowie die Sicherheitsdienste von Deutscher Bahn und Hochbahn gehören.

Die sogenannten Quattro-Streifen der vier Beteiligten zeigten Wirkung, teilte der Senat anschließend mit. Faeser erklärte, dass die Zahl der Gewaltdelikte um rund 25 Prozent zurückgegangen sei. Die Bundespolizei zählte demnach im vergangenen Jahr 546 Gewaltdelikte, nach 720 im Jahr 2023.

Die Bundespolizei ist allerdings nur für den Bahnhof zuständig, nicht für den Stadtteil. Am Donnerstag wollen Grote und Polizeipräsident Falk Schnabel die Kriminalstatistik der Hamburger Polizei für 2024 vorstellen.

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