Nagelsmanns Neuer-Wende: Kein Ja, aber vor allem kein Nein
Bundestrainer Julian Nagelsmann gibt die Richtung vor - auch beim Kader. (Archivbild) Foto: Arne Dedert/dpa
Noch im März schien klar: Oliver Baumann wird bei der WM im DFB-Tor stehen. Kommt plötzlich alles anders? Ein 40-Jähriger soll Deutschland wohl in Amerika doch noch einmal zum Erfolg führen.
Mainz. Julian Nagelsmann blieb standhaft - und das über eine Stunde lang. Auge in Auge mit Moderator Jochen Breyer ließ sich der Bundestrainer bei seinem Auftritt im ZDF-„Sportstudio“ auch auf die x-te Nachfrage kein Ja zum womöglich auf den letzten Drücker erwogenen Comeback von Deutschlands Rekordtorwart Manuel Neuer bei der Fußball-Weltmeisterschaft entlocken.
Ein klares Nein kam Nagelsmann aber eben auch nicht über die Lippen. Und das war noch bemerkenswerter. Denn Neuers Rücktritt nach dem gegen Spanien geplatzten Titeltraum bei der Heim-EM 2024 schien lange in Stein gemeißelt zu sein - beim Bundestrainer und beim 40-jährigen Torwart.
„Es wird immer zuerst der Spieler kontaktiert. Das hat noch nicht stattgefunden“, sagte Nagelsmann. Und diese Aussage war nicht nur bezogen auf Neuer und den bisher eigentlich als Nummer eins fixen Hoffenheimer Oliver Baumann. Nagelsmann sprach vielmehr von „62 Telefonaten“ mit vielen Ab- und Zusagen, die er persönlich mit den WM-Kandidaten führen werde.
Auf der Torwart-Position bahnt sich dabei vier Wochen vor dem Auftaktspiel der Nationalmannschaft in Houston gegen Curaçao eine spektakuläre Rolle rückwärts an. Der TV-Sender Sky vermeldete Neuers Rückkehr bereits als fix, sofern in den kommenden Tagen nichts Außergewöhnliches passiere und sich der Weltmeister von 2014 beim 5:1 gegen den 1. FC Köln nicht schwerer an der Wade verletzt habe.
„Die haben es halt mal herausposaunt“
Nagelsmann konterte im ZDF-Studio auf dem Mainzer Lerchenberg: „Das Schwierige ist, immer jedes Detail zu kennen. Das kennen die nicht. Die haben es halt mal herausposaunt und gucken, was passiert.“

Comeback im DFB-Team? Nach dem enttäuschenden EM-Aus gegen Spanien zog Manuel Neuer das Nationaltrikot eigentlich nach 124 Länderspielen aus. (Archivbild) Foto: Tom Weller/dpa
Neuer selbst schloss nach der Übergabe der Meisterschale in München eine Kehrtwende im Sky-Interview auch nicht aus. „Für mich ist das heute kein Thema“, sagte er zu einem Länderspiel-Comeback und einer fünften WM-Teilnahme. Seit 2010 war er bei allen großen Turnieren Deutschlands Nummer eins. „Ich bin da total entspannt“, sagte der sicher mehr wissende Neuer.
Ob Torwart-Kollege Baumann auch noch entspannt ist? Der 35-Jährige hatte in allen sechs WM-Qualifikationsspielen jede Minute im DFB-Tor gestanden. Und er durfte sich auch bei den Länderspielen im März noch nach dem erneuten Verletzungspech von Marc-André ter Stegen als WM-Keeper fühlen.
Baumann hat „keine andere Info“
Baumann klammerte sich nach der verpassten Champions-League-Qualifikation mit der TSG Hoffenheim in diversen Interviews an die bisherigen Verhältnisse. „Das war mein Stand oder ist mein Stand. Ich habe keine andere Info“, sagte er in der ARD. Er werde sehr selbstbewusst in die Turniervorbereitung und dann auch in die WM gehen. Bei Sky verwies Baumann noch auf frühere Gespräche mit Nagelsmann: „Er hat mir das Vertrauen ausgesprochen. Punkt.“

Oliver Baumann (r) durfte sich bislang als Julian Nagelsmanns WM-Torwart fühlen. (Archivbild) Foto: Federico Gambarini/dpa
Nagelsmann wurde mit Baumanns Aussagen konfrontiert und sagte: „Ich bin bis heute sehr fein mit der Kommunikation mit meinen Spielern.“ Kommunikatives Geschick wird er mehr denn je benötigen müssen in einer Torwart-Debatte, die Risiken und Zündstoff birgt, wie mit den neuerlichen Wadenproblemen bei Neuer offenbar wurde.
Wie schlimm ist Neuers Wadenblessur?
„Ich habe etwas gemerkt. Deshalb wollte ich kein Risiko eingehen, auch wegen nächster Woche“, sagte Neuer zu seiner Auswechslung nach einer Stunde auch mit Blick auf das DFB-Pokalfinale gegen Stuttgart. Schon zweimal musste der Bayern-Kapitän aber in diesem Jahr wegen Wadenverletzungen pausieren.

Gegen Köln musste Manuel Neuer (r) angeschlagen raus. Jonas Urbig ging für ihn ins Tor. Wie steht es um die Wade? Foto: Sven Hoppe/dpa
Eierte Nagelsmann wegen Neuers Wade in der Torwart-Causa herum? Der Bundestrainer hatte ohnehin das Problem, dass er den „Sportstudio“-Besuch zugesagt hatte, bevor er die Kader-Bekanntgabe um neun Tage nach hinten verschoben hatte. Er wollte bei verletzten Wackelkandidaten wie dem Dortmunder Felix Nmecha abwarten. „Jeden Tag, den wir gewinnen an Eindrücken, führt hoffentlich dazu, dass dann dieses Puzzle mit 26 Teilen maximal gut ausfällt“, begründete Nagelsmann die Verschiebung.
„Der beste Torwart der Geschichte“
Die maximalen Hoffnungen ruhen im Tor nun womöglich noch einmal auf einem 40-Jährigen. Für Neuer spricht einiges: die Turniererfahrung, die immer noch spürbare Aura, Weltklasseleistungen in der Champions League wie etwa in Madrid. Aber es gibt auch Patzer - und der Körper streikt im Alter häufiger.
„Wir haben mit Olli einen Supertorwart“, sagte Leon Goretzka. Das würden wohl alle Nationalspieler unterschreiben. Bayern-Kollege Neuer sei für ihn aber halt „der beste Torwart der Geschichte“, erklärte Goretzka. DFB-Kapitän Joshua Kimmich sagte das wortgleich.
Geschichte ist freilich vergänglich. Zwölf Jahre liegt Neuers WM-Triumph in Brasilien zurück, als er das Torwartspiel ganz neu definierte. Danach folgten zwei WM-Vorrunden-Flops in Russland 2018 und Katar 2022 mit ihm im Tor.
Kane will Neuer nicht bei der WM begegnen
DFB-Präsident Bernd Neuendorf hielt sich als Gast bei der Meisterfeier des FC Bayern auf dem Münchner Nockherberg lieber vornehm zurück in der brisanten Torwart-Debatte. „Der Bundestrainer entscheidet das selbstständig. Er hat die Verantwortung für den sportlichen Bereich“, sagte der 64-Jährige.
Bayern-Torjäger Harry Kane jedenfalls möchte Vereinskollege Neuer im Sommer nicht bei der WM in den USA treffen. „Ich hoffe nicht“, sagte Englands Kapitän lachend: „Ich hoffe, er macht im Sommer Pause und erholt sich gut. Aus englischer Sicht ist es mir lieber, er bleibt zu Hause.“