Zähl Pixel
Adventsserie

TStader Pfadfinder: Wo das Halstuch cooler ist als das Handy

Lasse Kluge (18 Jahre, links) und Finn Krüger (19) engagieren sich als Gruppenleiter bei den Stader Pfadfindern, Stamm Hasko. Finn ist außerdem der Stammesführer und Lasse sein Stellvertreter. Fotos: Silvia Dammer

Lasse Kluge (18 Jahre, links) und Finn Krüger (19) engagieren sich als Gruppenleiter bei den Stader Pfadfindern, Stamm Hasko. Finn ist außerdem der Stammesführer und Lasse sein Stellvertreter. Fotos: Silvia Dammer

Am Handy daddeln oder Held in virtuellen Spielewelten sein: Für nicht wenige Teenager gehört das zum Alltag. Doch es gibt auch jene, die sich der virtuellen Welt entziehen und lieber Zelte aufbauen und durchs Unterholz streifen. Was motiviert sie dazu?

Von Silvia Dammer Donnerstag, 08.12.2022, 14:00 Uhr

Antiquiert ist das, belächeln es die einen. Bereichernd ist es, entgegnen die Belächelten. Finn Krüger kennt die Klischees über Pfadfinder: Ein Geheimbund mit codierter Sprache, wo die Ortsgruppen „Stämme“ heißen, die Kleingruppen „Sippen“. Ein altmodischer Jugendkosmos aus ewigem Lagerfeuer und jeden Tag einer guten Tat. „Das ist Quatsch“, sagt der 19-Jährige, der schon seit mehr als zehn Jahren regelmäßig das T-Shirt gegen die „Kluft“ aus blauem Hemd und Halstuch tauscht.

„Klar, es gibt Sippen, Stämme und auch Meuten, Lagerleben in Zelten. Aber bei uns geht es eher darum, die Natur zu erleben, Gemeinschaft zu leben, füreinander da zu sein. Pfadfinder zu sein, heißt nicht unbedingt nur Wege durch unbekannte Lande zu suchen, sondern den Prozess des Erwachsenwerdens gemeinsam als Gruppe zu gestalten.“ Die Kluft sei weniger eine Uniform als die Möglichkeit, Unterschiede in der Herkunft zu verdecken. „So wie auch unterschiedliche Glaubensrichtungen bei uns keine Rolle spielen.“

Sie verkaufen keine Kekse

Kekse verkaufende Jugendliche – diese Bilder stammen wohl eher aus der amerikanischen Pfadfinderschaft. Finn ist Gruppenleiter und der Stammesführer der Stader Pfadfindergruppe Hasko, einem Verein im Bund deutscher Pfadfinder, der sein Domizil in dem alten Backsteinhaus im Streuheidenweg 1 hat.

In den Räumen hinter der blau-gelb gestrichenen Holztür treffen sich einmal wöchentlich Wölflinge, Sipplinge, Ranger und Rover der Pfadfindergruppe zu gemeinsamen Gruppenstunden und um Unternehmungen vorzubereiten. Bei 90 Mitgliedern des Stammes ist da jeden Tag Leben in der Bude. Die meiste Zeit sind die Pfadfinder jedoch draußen in der Natur. Die Kluft, das Halstuch, Rucksack, Jurten und Kothen (Zelte) und Wanderschuhe sind dabei unverzichtbare Utensilien. Und klar: Rituale, Zeichen und eigenes Vokabular gehören auch zu dieser Welt. Da sind der Gruß „Gut Pfad“, die Begrüßung mit der linken Hand oder die feierliche Zeremonie zur Verleihung des Halstuches mit dem Pfadfinderversprechen.

Wer Ranger, Rover und Wölflinge sind

„Wölflinge sind unsere Jüngsten von sechs bis elf Jahren. Sie bilden eine Meute“, erklärt Lasse Kluge (18), der stellvertretende Stammesführer und Gruppenleiter der Sippe „Elcano“. Der 8-jährige Tjarde Hinrichs ist ein Wölfling in der Stader Meute „Akila“. Es war sein größter Wunsch, wie seine beiden Geschwister, ein Pfadfinder zu sein. Es macht ihm Spaß, mit den anderen Wölflingen in den Gruppenstunden zu basteln und beim Stammeslager im Rüstjer Forst dabei zu sein. „Das war sehr cool, Zurück in die Zukunft zu spielen und den Fluxkompensator des DeLorean zu reparieren.“

In der Sipplingsstufe sind die eigentlichen Pfadfinder, Jugendliche von elf bis 15 Jahren. Ranger (Mädchen) und Rover (Jungen) sind die Erwachsenen im Bund, junge Leute von 16 bis 25 Jahren, die als Gruppenleiter und in der Stammesführung aktiv sind. Gut zu erkennen am blau-gelben Halstuch und den blau-gelb-roten Ranger-Rover-Abzeichen. Tjardes Schwester Elin (14) trägt das gelbe Halstuch der Sipplinge. Sie ist seit vier Jahren dabei und gehört zur Sippe „Elcano“, einer der beiden Sippen im Stamm Hasko. „Ich hab wie meine beiden Brüder das Pfadfinder-Gen von unseren Eltern“, scherzt sie. Das Lagern, das gemeinsame Kochen und die Gespräche in der Gruppe, sich im Bundeslager mit Jugendlichen aus aller Welt zu treffen, ist für sie das Besondere am Pfadfinderleben. Unvergessen bleiben ihr die Erlebnisse im diesjährigen Bundeslager des Bundes deutscher Pfadfinder in Oberbayern mit 5000 Pfadfinderinnen und Pfadfindern aus ganz Europa, Israel, Chile und Nigeria. Und davon ganz sicher auch die 70 Kilometer Wanderung von Landsberg zum Lager in Königsdorf.

Erwachsene sind selten dabei

Erwachsene trifft man im Streuheidenweg selten. Höchstens dann, wenn sie ihre Kinder zu den Gruppentreffen bringen, so wie Elke Hinrichs ihren jüngsten Sohn Tjarde. Die Mutter von drei Kindern ist sicher, dass die Pfadfinderzeit ihren Kindern eine gute Orientierung für ihr Erwachsensenwerden gibt: „Sie erleben viel, vor allem das hilfreiche Miteinander verschiedener Altersgruppen. Ich finde es sehr gut, dass sie dabei von Jugendlichen und nicht wie anderswo von Erwachsenen betreut werden. Das ist ein ganz anderer, unbeschwerterer Umgang, der ihnen durch die Pubertät und Jugendzeit hilft.“

Die Pfadfinderbewegung geht auf den Engländer Robert Stephenson Smyth Baden Powell zurück, der 1907 mit 20 Jungen auf eine Insel im Ärmelkanal gefahren war, um ihnen beizubringen, sich in der freien Natur zurechtzufinden. Erziehung durch Erleben oder einfacher Learning by Doing ist die Grundlage des Konzeptes. In Deutschland orientiert sich die Bewegung mehr an der Reformpädagogik von Ernest Thomson Seton, um sich vom militärischen Stil der ursprünglichen Bewegung abzugrenzen.

Mehr über den Stader Pfadfinderstamm gibt es im Internet.

www.stamm-hasko.de

Die Adventsserie

Im Dezember öffnet das TAGEBLATT bis Heiligabend 24 Türen, hinter denen sich interessante Menschen und spannende Geschichten aus der Region verbergen. Alle Folgen der Serie gibt es im Internet unter:

www.tageblatt.de/adventsserie

Elin (14 Jahre, hinten) und Tjarde Hinrichs (8): Pfadfinder zu sein ist eine Hinrichssche Familientradition. Auch die Eltern waren schon dabei.

Elin (14 Jahre, hinten) und Tjarde Hinrichs (8): Pfadfinder zu sein ist eine Hinrichssche Familientradition. Auch die Eltern waren schon dabei.

Weitere Themen

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel