Zähl Pixel
Nach Rauswurf durch Anbieter

Strompreise explodieren: Kunden im Kreis Cuxhaven können aufatmen

Ein Stecker wird in eine Steckdose gesteckt. Nach der Pleite eines Billiganbieters sind die Strompreise explodiert. Foto: Sina Schuldt/dpa

Ein Stecker wird in eine Steckdose gesteckt. Nach der Pleite eines Billiganbieters sind die Strompreise explodiert. Foto: Sina Schuldt/dpa

Bundesweit müssen Betroffene nach Kündigung des Billig-Versorgers teils horrende Preise zahlen, doch im Cuxland sieht es anders aus. Entwarnung für die Stromkunden im Nachbarkreis, doch auch die hat ihren Preis - und zwar für alle EWE-Kunden.

Freitag, 28.01.2022, 19:31 Uhr

Von Mark Schröder

Seit mehr als einem Monat wird vielen Cuxländern der Strom vom Energieriesen EWE geliefert, obwohl sie nie einen Vertrag mit dem Oldenburger Unternehmen abgeschlossen haben. Der Grund: Allen Betroffenen wurde von ihrem bisherigen Stromanbieter von einem auf den anderen Tag gekündigt. Drohen den Kunden nun ähnliche Wucherpreise bei ihrem Grundversorger EWE, wie es bei anderen Anbietern bundesweit zu beobachten ist? 

Noch immer warten die Verbraucher aus dem Cuxland, die sich seit Wochen in der sogenannten Ersatzversorgung bei EWE befinden, auf ein Schreiben des Unternehmens, in dem über die Vertragsdetails – vor allem aber über die Preise – informiert wird. Derweil machen Meldungen die Runde, wonach manche Versorger ihre neuen Kunden mit horrenden Preisen regelrecht abstrafen. Beispiel Pforzheim: Hier verlangten die Stadtwerke zur Jahreswende 1,07 Euro pro Kilowattstunde (kWh) Strom von Neukunden in der Ersatzversorgung, während die Bestandskunden nur 32 Cent/kWh bezahlen. Allein die Verbraucherzentrale NRW will nun drei Grundversorger wegen hoher Neukundentarife verklagen.

Grund- und Ersatzversorgung zum gleichen Preis

Anlass für die Einführung dieser Neukundentarife im Strom- und Gasbereich war die Liefereinstellung durch Energiediscounter wie Stromio oder Gas.de. Deren Geschäftsmodell beruhte auf der Annahme, Energie kurzfristig billig einkaufen zu können. Als das nicht gelang, wurde den Strom- und Gaskunden kurzerhand gekündigt, woraufhin diese in die Ersatzversorgung durch den örtlichen Grundversorger fielen.

Die wichtigsten Nachrichten aus der Region via TAGEBLATT Telegram

morgens, mittags und abends kostenlos aufs Smartphone erhalten

Viele Verbraucher im Landkreis Cuxhaven dürften sich fragen, welche (Nach-)Forderungen der EWE in den kommenden Wochen wohl ins Haus flattern. Schließlich beziehen sie – wie im Fall der ehemaligen Stromio-Kunden – bereits seit dem 21. Dezember des Vorjahres den Strom aus Oldenburg, ohne bislang auch nur einen Cent dafür bezahlt zu haben. Laut EWE-Sprecher Dietmar Bücker sind insgesamt „rund 70.000 Kunden durch Insolvenzen oder Lieferstopps anderer Anbieter unerwartet in die EWE-Ersatzversorgung gekommen“. Eine detaillierte Angabe, wie viele davon aus dem Landkreis Cuxhaven stammen, sei allerdings nicht möglich.

Die gute Nachricht für alle Betroffenen übermittelt der Unternehmenssprecher wie folgt: „Die Versorgung erfolgt zu den derzeit aktuellen Grund- und Ersatzversorgungstarifen, die preislich identisch sind.“ EWE unterscheidet also nicht zwischen Neu- und Bestandskunden. Für alle Neukunden bedeutet das: Sie zahlen für den Strom sogar einen vergleichsweise günstigen Brutto-Preis von derzeit 26,26 Cent/kWh zuzüglich eines monatlichen Grundpreises von 14,97 Euro.

EWE: Preise könnten sich ändern

Was für Neukunden ein Grund zur Freude ist, dürfte vielen Bestandskunden von EWE allerdings die Laune verderben. Zu Wochenbeginn hatte der Konzern angekündigt, die Preise im ersten Halbjahr 2022 für alle Kunden anzuheben. Als Begründung dafür wurde die kurzfristige Versorgung der „ungeplanten Kundenströme“ angeführt, für die man den Strom zu den derzeit hohen Preisen am Markt einkaufen müsse, so Oliver Bolay, Geschäftsführer der EWE Vertrieb GmbH. Verträge mit Preisgarantie seien von der Erhöhung bis zum Laufzeitende aber nicht betroffen.

Auch in der Telefon-Hotline von EWE geht man mit Neukunden offenbar freundlich und geduldig um, wie ein Testanruf zeigt. Der Brief mit den Vertragsdetails werde in Kürze von EWE Vertrieb an alle Betroffenen verschickt, sagt der Mitarbeiter. „Das dauert einfach, weil so viele Kunden derzeit wechseln müssen“, erklärt er. Sobald der Brief ins Haus flattere, sollten die Kunden den dort festgesetzten Abschlag genau anschauen, „damit man monatlich nicht zu viel oder zu wenig bezahlt“. Der Abschlag sei nämlich keineswegs „in Stein gemeißelt“ und könne kurzfristig geändert werden, so der Mitarbeiter in der Hotline.

Nach drei Monaten in der Ersatzversorgung wechsele man als Neukunde automatisch in die Grundversorgung – „zu denselben Konditionen wie vorher“, betont der EWE-Mitarbeiter. Aber auch er verschweigt nicht, dass sich die Preise demnächst ändern werden: „Es wird definitiv nach oben gehen.“ Spätestens dann werde EWE aber wieder Stromtarife anbieten, aus denen der Kunde auswählen könne. „Im Moment haben auch wir keine Tarife, es wird alles neu kalkuliert.“ (yvo)

3 Fragen an ... Tiana Schönbohm, Verbraucherzentrale Niedersachsen

So würde ich das nicht sagen. Der Weg, den EWE gegangen ist, war aus unserer Sicht der rechtlich einzig zulässige. Höhere Preise für Neukunden wären schlichtweg rechtswidrig. Wir halten es auch für falsch, Kundengruppen gegeneinander auszuspielen. Im Übrigen hat man als Grundversorger die Versorgungspflicht, und dieses Risiko haben die Unternehmen auch immer schon in ihre Preise einkalkuliert. Kunden, die meinen, nach der jetzt angekündigten Preiserhöhung zu viel zu zahlen, können schließlich auch zu einem günstigeren Anbieter wechseln.

Viele Verbraucher, denen von ihrem alten Lieferanten gekündigt wurde, werden sich wohl eher hüten, erneut zu einem günstigeren Anbieter zu wechseln. Ist die Vorsicht aus Ihrer Sicht berechtigt? 

Wir raten immer noch dazu, sich für einen günstigen Anbieter zu entscheiden. Allerdings sehen wir auch, dass das zurzeit nicht einfach ist, weil es kaum Angebote gibt. Wir würden deshalb aber nicht gleich den Wettbewerb auf dem Energiemarkt für gescheitert erklären und Kunden vom Wechsel abraten. Man sollte im Vorfeld jedoch gründlich recherchieren und sich über den neuen Anbieter informieren.

Was müsste die Politik nun tun, um Strom langfristig bezahlbar zu halten? Es wird ja bereits diskutiert, ob der Energiemarkt doch wieder stärker reguliert werden muss. Auf jeden Fall müsste die Bundesnetzagentur mehr Befugnisse erhalten, um dem Geschäftsgebaren von Billiganbietern schneller einen Riegel vorschieben zu können. Außerdem erwarten wir von der Politik kurzfristig Abhilfe in der jetzigen Situation. Verbraucher, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können, müssen vom Staat unterstützt werden.

Pro & Contra zur freien Strom-Anbieterwahl

Geiz ist geil: Der treue Kunde ist der Dumme

Von Christian Döscher

Die „Geiz ist geil“-Mentalität hat sich in unserer Gesellschaft in vielen Bereichen breitgemacht. Auch bei Strom und Gas. Bei einigen ging es nur noch darum, den billigsten Preis zu ergattern. Jetzt bekommen sie dafür die Quittung, der eine oder andere „Billigheimer“ ist pleite – und kündigt einfach seinen Kunden. EWE muss diese jetzt aufnehmen. Das ist auch völlig richtig. Bestraft werden jetzt aber diejenigen, die in der Vergangenheit – so wie ich – treu bei ihrem lokalen Anbieter geblieben sind. Der beschäftigt Menschen von hier, Bekannte, Freunde. Das Geld bleibt in der Region. Die treuen Bestandskunden zahlen also die Zeche für die Neukunden, die Tarife steigen bald für alle. Der Treue ist der Dumme. Ob die Preise wohl gesenkt werden, wenn die Neukunden bald wieder zum nächsten Billigsten abwandern?

Gleiche Preise für alle sind die richtige Antwort

Von Mark Schröder

Grundversorger wird man nicht über Nacht. Die Unternehmen, die in ihrem Netzgebiet vor Ort die meisten Kunden mit Strom oder Gas beliefern, sind nicht nur dazu verpflichtet, im Notfall als Versorger einzuspringen. Sie sollten für den Fall der Fälle auch vorsorgen und entsprechende Rücklagen bilden, um die Ersatzversorgung zu einem bezahlbaren Preis anbieten zu können. Dass die Verbraucherzentrale nun gegen schwarze Schafe vorgeht, die die Not ihrer Neukunden gnadenlos ausnutzen, ist nicht nur wichtig, sondern lenkt den Blick auch auf die wahren Schuldigen. Und das sind nicht diejenigen Kunden, die dem oft wiederholten Rat der Experten – übrigens auch der Verbraucherzentrale – zu einem Anbieterwechsel gefolgt und letztlich Abzockern wie Stromio aufgesessen sind.

Weitere Themen

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel

Regen in Niedersachsen und Bremen: Temperaturen bis 20 Grad

Das Wochenende startet am Samstag in Niedersachsen und Bremen mit herbstlichem Wetter. Tagsüber erwartet der Deutsche Wetterdienst (DWD) viele Wolken und anhaltender Regen. Im Süden von Niedersachsen kommt zeitweise in Regenpausen die Sonne raus. Für die Küstenregionen (...).

Zahl gesprengter Geldautomaten geht deutlich zurück

Noch immer werden in Niedersachsen regelmäßig Geldautomaten gesprengt - allerdings mit sinkender Tendenz im Vergleich zu früheren Jahren. Bei den Taten besteht wegen einer veränderten Vorgehensweise oftmals eine größere Gefahr.