Zähl Pixel
Jubiläum

Traumwelt in der Manege - 50 Jahre Circus Roncalli

Seine Welturaufführung hatte der Circus Roncalli 18. Mai 1976 in Bonn.

Seine Welturaufführung hatte der Circus Roncalli 18. Mai 1976 in Bonn. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Artisten, Clowns und ganz viel Nostalgie: Eines der bekanntesten Zirkus-Unternehmen Deutschlands feiert Jubiläum. Gründer Bernhard Paul über den Geruch von Sägemehl und seinen Wunsch-Spielort.

Von Petra Albers, dpa Sonntag, 17.05.2026, 05:05 Uhr

Köln/Bonn. Artisten fliegen durch die Luft, Clowns tröten schräge Melodien, bunte Kostüme entfalten sich zu riesigen Blumen - und über allem liegt ein Duft von Popcorn: Im Circus Roncalli kann das Publikum für zweieinhalb Stunden in eine heile Welt entfliehen. „Dies ist einer der wenigen Orte, wo Kleinkinder und Intellektuelle gemeinsam lachen können“, sagt Direktor Bernhard Paul, der die Zuschauer in Köln begrüßt. Dort, an seinem Stammsitz, gastiert der Zirkus auch während seines 50-jährigen Jubiläums.

Ein paar Tage zuvor sitzt Paul an dem mächtigen dunklen Tisch in seinem mit allerlei Nippes und Kuriositäten ausgestatteten Haus, das sich auf dem Gelände des Zirkus-Winterquartiers in Köln-Mülheim befindet. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur blickt der Mann mit der wilden Mähne zurück auf den 18. Mai 1976, als der Circus Roncalli seine Welturaufführung in Bonn feierte. 

Noch am Premierentag den Kassenwagen gestrichen

„Ich kann mich noch an alles genau erinnern, jedes Detail, die Gesichter der Menschen, den Geruch von Sägemehl“, schwärmt der 78-Jährige. „Es war unwirklich. Ich habe seit meiner Kindheit davon geträumt Zirkus zu machen - und dann ist es tatsächlich passiert.“ Alles sei erst auf den letzten Drücker fertig geworden - am Premierentag habe er noch den Kassenwagen gestrichen. „Ich hatte so viele Gefühle, die haben mich fast erschlagen.“

„Ich wollte immer ein Clown sein“, sagt Paul.

„Ich wollte immer ein Clown sein“, sagt Paul. Foto: picture alliance / dpa

Als kleiner Junge sei er wegen seines Aussehens mit roten Haaren, Sommersprossen und Brille oft gehänselt worden, erzählt er. Ein Lichtblick sei es für ihn immer gewesen, wenn in seiner österreichischen Heimatstadt ein Zirkus Station machte. Die Zirkuskinder gingen für ein paar Tage mit ihm zur Schule. „Sie luden mich zu sich zum Essen ein, und der Vater saß als Clown geschminkt am Tisch. Ich habe mich auf einmal Zuhause gefühlt und wusste: Da gehöre ich eigentlich hin.“

Nach einer Durststrecke gelingt in Köln der Neustart

Nach seinem Grafikdesign-Studium schmeißt Paul seinen Job als Art Director und setzt seinen Kindheitstraum um. Zusammen mit dem Multimedia-Künstler André Heller entwirft er ein neuartiges Konzept aus konventionellen Zirkus-Elementen, Poesie und absurdem Theater. Doch schon kurz nach dem verheißungsvollen Auftakt in Bonn trennen sich die beiden Macher im Streit.

Artisten faszinieren das Publikum mit waghalsigen Kunststücken.

Artisten faszinieren das Publikum mit waghalsigen Kunststücken. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Für Paul beginnt eine längere Durststrecke, bis ihm der Schweizer Kabarettist Emil Steinberger als Geldgeber zu Hilfe kommt. Mit der Premiere des Programms „Reise zum Regenbogen“ gelingt Roncalli 1980 in Köln der Neustart.

Als erster westlicher Zirkus Gastspiel in Moskau

Anders als viele Konkurrenten setzt Paul verstärkt auf Nostalgie und Romantik. Er verziert Zirkuswagen mit goldenen Schnörkeln, überlegt sich ein Lichtkonzept, verpasst den Artisten maßgeschneiderte Kostüme und stellt Orchestermusiker ein. Im Programm gibt es neben Action auch verträumte Elemente: So ist der Schweizer Pantomime Pic mit seiner „Seifenblasen-Poesie“ jahrelang der Star des Zirkus. 

Roncalli wird schnell größer und macht sich auch international einen Namen. 1986 gastiert er als erster westlicher Zirkus in Moskau. Später folgen Stationen in Sevilla, Brüssel, Amsterdam und schließlich New York. Eine Metropole steht noch auf Pauls Wunschliste: „Ich würde gerne mal in Paris spielen.“ 

Zur Ruhe setzen will der umtriebige Zirkusdirektor sich noch lange nicht.

Zur Ruhe setzen will der umtriebige Zirkusdirektor sich noch lange nicht. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Von Anfang an zieht es immer wieder Prominente zu Roncalli - nicht nur als Zuschauer, sondern teils auch in die Manege. Schauspieler Heinz Rühmann etwa singt dort 1984 sein „Lied vom Clown“. 1986 tritt die damalige Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth (CDU) als Clown auf, nachdem sie in der TV-Show „Wetten, dass...?“ eine Wette verloren hat. Ex-FC Bayern-Präsident Uli Hoeneß mimt 2010 im Zirkusrund einen Ritter.

Seit 2018 gibt es bei Roncalli keine Tier-Nummern mehr

Anfangs gehören noch Löwen oder Tiger zum Programm. Doch schon in den 1990er Jahren schafft Roncalli Raubtiere und 2018 auch Pferde und Ponys ab. „Tiere im Zirkus - das war irgendwann aus der Zeit gefallen“, meint Paul. „Es gab dauernd Proteste von Tierschützern, das war einfach nichts mehr.“ 

Die meisten seiner Kollegen dagegen setzen nach wie vor auf Tier-Dressuren. „Tiere gehören zum klassischen Zirkus einfach dazu“, sagt Ralf Huppertz, Vorsitzender des Verbands deutscher Circusunternehmen (VdCU). Das Tierwohl sei gesichert: „Das Veterinäramt kommt auf jeden Platz und kontrolliert.“ Bundesweit gibt es nach Schätzung von Huppertz noch etwa 250 Zirkus-Unternehmen.

Direktor Paul wollte immer ein Clown sein 

Roncalli - der offizielle Name lautet seit einiger Zeit Circus-Theater Roncalli - konzentriert sich seit Abschaffung der Tiere noch stärker auf Artisten und natürlich Clowns. Diese bildeten von Anfang an einen Schwerpunkt - wohl auch, weil der Chef ein besonderes Faible dafür hat: „Ich wollte immer ein Clown sein“, sagt Paul, der früher oft selbst als Clown „Zippo“ auftrat. Der italienische Star-Clown Francesco Caroli spielte bis kurz vor seinem Tod mehrere Jahre bei Roncalli, Weißclown „Gensi“ (Fulgenci Mestres) ist seit mehr als 20 Jahren dabei. 

Aus dem Zirkus ist inzwischen längst ein großes Eventunternehmen mit mehreren Standbeinen geworden, etwa dem Düsseldorfer „Apollo“-Varieté. Roncalli veranstaltet Weihnachtsmärkte unter anderem in Hamburg und Hannover sowie Shows mit anderen Künstlern. 

Zur Ruhe setzen will der umtriebige Paul sich absehbar nicht. „So lange ich klar denken kann und gesund bin, mache ich weiter“, sagt er. Die Nachfolge ist gesichert: Seine drei Kinder Adrian, Vivian und Lili sind bereits mit im Geschäft und sollen irgendwann ganz in die großen Fußstapfen ihres Vaters treten.

Weißclown „Gensi“ (Fulgenci Mestres) ist seit mehr als 20 Jahren einer der Stars bei Roncalli.

Weißclown „Gensi“ (Fulgenci Mestres) ist seit mehr als 20 Jahren einer der Stars bei Roncalli. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Lili Paul-Roncalli und ihre beiden Geschwister sollen später die Nachfolge ihres Vaters antreten.

Lili Paul-Roncalli und ihre beiden Geschwister sollen später die Nachfolge ihres Vaters antreten. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Paul hat den Circus Roncalli vor 50 Jahren gegründet.

Paul hat den Circus Roncalli vor 50 Jahren gegründet. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Auch Prominente traten über die Jahre in der Manege auf, wie Uli Hoeneß im Jahr 2010.

Auch Prominente traten über die Jahre in der Manege auf, wie Uli Hoeneß im Jahr 2010. Foto: picture alliance / dpa

Auch Prominente traten über die Jahre in der Manege auf, wie Rita Süssmuth im Jahr 1986.

Auch Prominente traten über die Jahre in der Manege auf, wie Rita Süssmuth im Jahr 1986. Foto: picture alliance / Horst Ossinger

Vor einigen Jahren hat Roncalli alle Tiere abgeschafft.

Vor einigen Jahren hat Roncalli alle Tiere abgeschafft. Foto: picture alliance / Maurizio Gambarini/dpa

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel