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Phänomene der Natur

Blüten ruhen eng gefaltet in den Knospen

Eine gut geschützte Kastanienknospe . Foto: Paulin

Eine gut geschützte Kastanienknospe . Foto: Paulin

Noch ruhen viele Knospen. In ihnen befinden sich verborgen und eng gefaltet Blätter und Blüten. Wovor sich die Knospen jetzt schützen müssen, erklärt der promovierte Biologe und TAGEBLATT-Kolumnist Wolfgang Kurtze.

Dienstag, 22.02.2022, 09:30 Uhr

Sie können nur schwer erfrieren, denn sie haben die Wassermengen stark reduziert. Zusätzlich erschweren eingelagerte Stoffe die Bildung von Wasserkristallen. Doch die sich entwickelnde Pracht möchten wir möglichst frühzeitig sehen. Deshalb schneiden wir zum Beispiel Forsythienzweige, stellen sie in eine Vase und warten, dass sich die Blüten zeigen.

Wenn es schneit, sich Eis bildet, wenn es bitterkalt ist, dann scheint durch die Knospenschuppen wie bei einem Wintermantel in der Knospe alles gut geschützt zu sein. Aber zu viel Schutz wird den noch nicht entfalteten Blättchen und Blüten nicht durch die Verpackung geboten. Denn in der Knospe ist es fast genauso kalt wie an der Luft. Viel wichtiger ist der Schutz vor Verdunstung und Wasserverlust. Wenn nach Dauerfrost in warmen Tagen das Wasser in der Pflanze emporsteigt, dann soll es nicht sofort an die Außenwelt abgegeben werden. Erst wenn sich die gefalteten Blättchen allmählich ausbreiten, dann werden die Knospenschuppen abgestoßen. Das Wasser darf nun fließen, hoher Druck entsteht. Die Zellen werden durch das Wasser mit hoher Geschwindigkeit aufgebläht. Der Druck in einer Pflanze ist vor dem Aufsprengen der Knospen gewaltig. Das ist gut zu erkennen, wenn Birken im Vorfrühling beschnitten werden. Dann rinnen die angestauten Wassermengen aus dem Holz.

Dieser Vogel kann besonders gut Knospen öffnen

Ebenso wichtig ist der Schutz der Knospe vor Tierfraß. Deshalb sind die Knospenschuppen hart, gummiartig, manchmal mit Haaren versehen oder sogar mit Harz verklebt. Dennoch fressen manche Vögel Knospen für ihr Leben gern. Der Dompfaff kann besonders gut Knospen öffnen. Er hat zum Aufknacken eine scharfe Schnabelkante, mit deren Hilfe er sie aufbricht und abschält. Die Schuppen lässt er fallen, den eiweißreichen Inhalt frisst er. Rasend schnell schafft er das: 20 Knospen vermag er in der Minute zu fressen.

Wir hier im Norden müssen uns mit dem Aufbrechen der Blütenknospen etwas mehr gedulden als die Menschen im Süden Deutschlands. Der Vorfrühling (Blüte der Schneeglöckchen) schreitet von Süd nach Nord etwa 20 Kilometer pro Tag voran. Im Vollfrühling (Beginn der Apfelblüte) geht es mit etwa 40 Kilometern pro Tag deutlich schneller.

Die Serie

Was kreucht und fleucht denn da in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge.

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