TJeden Morgen geht das Buxtehuder Obst auf Reisen
Auf dem Hof von Obstbauer Christoph Brunckhorst (links) und seiner Frau Bettina kümmert Bartek Zarzyck sich um die Belieferung der Marktstände. Fotos: Weselmann
Die einen stehen morgens um 7 Uhr auf, andere sitzen dann am Frühstückstisch – auf dem Obsthof Brunckhorst im Buxtehuder Westmoor ist um diese Zeit dagegen schon reger Betrieb. Denn: Nach der Ernte ist vor dem Verkauf.
Der erste Wagen für den Markt in Neugraben ist schon vor zwei Stunden vom Hof gerollt. Und auch Lukas Ledermann sitzt bereits startklar hinterm Steuer. Noch eine kurze Absprache mit Bettina Brunckhorst, die organisatorisch die Fäden in den Händen hält, dann geht es für ihn los gen Blankenese und Wedel. Knapp eine Stunde Fahrt hat der Student vor sich, dann steht das Obst aus Buxtehude auf der anderen Elbseite bereit für den Verkauf. Den Nebenjob macht er schon die vierte Saison, für ihn ist der Weg durch den Elbtunnel Routine. „Jetzt rollt der Verkehr noch, auf dem Rückweg ist das schon anders“, sagt er gelassen und winkt zum Abschied.
Über den Hof geht es in die aus Holz gebaute Halle. Hier werden Stiege für Stiege Kirschen und Erdbeeren, Heidelbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren übereinander auf Paletten gepackt. Dazu kommen Kisten mit Äpfeln und Saftflaschen. Stapelweise fruchtige Versuchung, fertig für den Transport. Im Hintergrund rollen Kirschen über ein blaues Band. Eine Mitarbeiterin macht hier mit geübtem Blick die letzte Qualitätskontrolle, bevor es zu je fünf Kilogramm auf die Verkaufsstiege geht. Platzwunden an der Außenhaut etwa sind Ausschlusskriterium. Wieder und wieder kommt eine neue Kirsch-Ladung von Bartek Zarzycki. Der kümmert sich federführend um die Belieferung der Marktstände und ist stets mittendrin im Geschehen.
Sechs Grad im Kurzkühllager
Gemeinsam mit zwei weiteren Mitarbeitern trägt er das Obst aus dem Kurzkühllager. Das hat frische sechs Grad. Aber auch in der Halle hängt früh am Morgen keine Hitze. Hitzig ist nur das Gezwitscher der Schwalben-Kinder, die am Dach in ihren Nestern hocken. Während der fruchtige Gaumenschmaus drinnen aufs Verladen wartet, schwirren draußen in der Morgensonne die Schwalben-Eltern umher, damit Insekt für Insekt in den Kinder-Schnäbeln landet.
Nicht nur in der Luft ist morgendlicher Einsatz gefragt, auch am Boden herrscht ein ständiges Hin und Her. Die Packer haben alle Hände voll zu tun, und Obstbauer Christoph Brunckhorst bewegt mit dem Gabelstapler Paletten von da nach dort, um den nächsten Lieferwagen zu füllen. Der soll zum Verkaufsstand direkt am Erdbeerfeld in Pippensen fahren. Im Anschluss werden dann noch die Stände in der Buxtehuder Bahnhofstraße und am Westmoor bestückt.
Bartek Zarzycki sorgt dafür, dass alles läuft. Viele Worte braucht es bei der Arbeit nicht. Aber wenn, dann sind sie polnisch. Bartek Zarzycki spricht aber auch deutsch. Nicht zuletzt wegen der Verständigung ist er für Obstbauer Brunckhorst und seine Frau Bettina ein wichtiges Bindeglied in der Kette der Arbeitsabläufe.
Bis nach Hannover geht das Obst aus Buxtehude
Vor rund 15 Jahren übernahm Christoph Brunckhorst den landwirtschaftlichen Betrieb von seinen Eltern. Seit 1988 hatten die bereits einen Stand auf dem Markt in Altkloster. Und auch heute noch gehört der Obsthof zu den Beschickern auf dem Schafmarktplatz. Im Laufe der Zeit sind weitere Stände hinzugekommen. Bis nach Hannover geht das Obst aus Buxtehude. „Das hat sich so langsam entwickelt“, erzählt Christoph Brunckhorst.
Die Hauptanbaufläche gehört vielfältigen Apfelsorten. Der Hof hat außerdem Birnen, Zwetschen, Kirschen, Johannisbeeren und Erdbeeren aus eigener Ernte. Auch der Obstbauer lässt sich die Früchte seiner Arbeit schmecken. „Ich bin eigentlich den ganzen Tag schon satt vom Kirschen essen“, erzählt Christoph Brunck-horst und lacht. „Vom Baum pflücken und direkt in den Mund – das ist das Beste.“ Heidelbeeren, Himbeeren und Stachelbeeren bezieht Brunckhorst derweil von ausgewählten Obstbauern in unmittelbarer Nähe. „Jetzt ist der Stand am buntesten, denn es gibt alles, was der Sommer hier in Deutschland an Obst zu bieten hat“, berichtet Christoph Brunckhorst.
Diese bunte Früchtepracht soll Leszek Zwolak jetzt auch nach Pippensen bringen. Dazu hat er noch einen riesigen Stapel leerer Stiegen für die Kollegen auf dem Erdbeerfeld im Gepäck. Wissend um die empfindliche Obstware umschifft er jede ihm bekannte Unebenheit auf dem Schotterweg zur Straße.
Nachdem er das Obst nach Pippensen gefahren hat, hilft Leszek Zwolak auch beim Aufbau.
Sie verstehen sich trotz unterschiedlicher Sprachen
Hinten im Wagen schwanken die leeren Stiegen wie Papierbötchen in kabbeligem Elbwasser von einer Seite zur anderen. Die ganze Strecke vom Westmoor bis nach Pippensen halten sie durch. Aber die Juckelei durch das Erdbeerfeld bringt ihren Stapel schließlich kurz vor dem Ziel doch zu Fall. Die davon sauber getrennten vollen Obststiegen im vorderen Teil des Lieferwagens sind derweil unberührt. Das leere Kistenchaos haben Leszek und ein weiterer Helfer vom Feld schnell wieder zu ordentlichen Stapeln auf eine Schubkarre geschichtet.
Nachschub für die Pflücker, die sich seit dem Morgengrauen von Reihe zu Reihe arbeiten. Im Gegenzug wandern Schalen frisch gepflückter Erdbeeren in den Wagen. Jetzt sind es nur noch ein paar Hundert Meter Weg bis zum Marktstand an der Moisburger Landstraße. Dort wartet Juliane Bitsch auf Leszek Zwolak. Stiege für Stiege tragen die beiden aus dem Bauch des Transporters unter das Dach des Marktstandes. Sie verstehen sich, irgendwie. Er redet auf Polnisch, sie auf Deutsch, und beide lachen einander an.
Leere Stiege am Zaun heißt: Es wird Nachschub gebraucht
„Aus einer Laune heraus“ ist Juliane Bitsch vor fünf Jahren zum Obstverkauf gekommen.
Das Obst ist gerade drapiert, der Lieferwagen kaum abgefahren, da hat Juliane Bitsch um 8 Uhr schon die ersten Kunden versorgt. Renate und Günther Schulz kommen extra aus Heidenau nach Pippensen. Sie wollen Marmelade kochen. „Das sind die besten Erdbeeren hier“, sagt Günther Schulz und lädt mit seiner Frau gleich zwei Stiegen ins Auto. Es ist Erdbeerwetter. Gut, dass Juliane Bitsch an der Quelle sitzt. Denn wenn die Erdbeeren während ihrer Schicht am Stand knapp werden, hängt sie einfach eine leere Stiege an den Zaun zum Feld. Dann wissen Brunckhorsts Pflücker, dass es Nachschub braucht.
Die 24-Stunden-Reportage
Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:
Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT
Teil 2: In der Rettungsleitstelle
Teil 4: In der Intensivstation
Teil 7: Krafttraining beim BSV
Teil 8: Packen des Verkaufswagens
Teil 9: Der Spül- und Saugwagen
Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit
Teil 11: 1000 Essen in der Küche
Teil 12: Im Oste-Sperrwerk
Teil 13: Beim Mittagstisch
Teil 14: Auf der Greundiek
Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei
Teil 16: Beim Minigolf
Teil 17: Die DJ’s von der Elbe
Teil 18: Im SUP-Club Stade
Teil 19: Beim Strandwächter
Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund
Teil 21: Am Lühe-Anleger
Teil 22: Katzen fangen
Teil 23: Kneipen-Kehraus
Teil 24: Der letzte Zug