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24-Stunden-Reportage: Zwischen zahmen Rindern und Stinktieren

Tierpfleger Sebastian Müller hat das schottische Hochlandrind Lars mit der Hand aufgezogen. Fotos: Nowottny

Tierpfleger Sebastian Müller hat das schottische Hochlandrind Lars mit der Hand aufgezogen. Fotos: Nowottny

Auch wenn ihm die flauschigen Stinktiere zu Füßen liegen und Lars, das schottische Hochlandrind, ihm auf Schritt und Tritt durch den ganzen Park folgt: Tierpfleger Basti hat einen Knochenjob. Im Wildpark Schwarze Berge durften wir ihn eine Stunde bei seiner Arbeit begleiten.

Von Annika Nowottny Montag, 16.07.2018, 19:30 Uhr

Kirschen, Auberginen, Karotten liegen in grünen Kisten gestapelt im Regal. Haferflocken und Messbecher im anderen. Es sieht aus wie in einer Großküche. Wenn da nicht die tote Ratte und die Kiste mit hundert toten Küken wäre. Männliche sogenannte Eintagsküken, die dem Schredder zum Opfer gefallen wären, weil eben nur die Hennen Eier legen. „Wir verwerten sie noch sinnvoll“, sagt Tierpfleger Sebastian Müller. Sterben würden sie ohnehin, und die Tiere im Wildpark bräuchten das Fleisch. Das erkläre er auch immer wieder bei der öffentlichen Fütterung den Besuchern. Dort höre er regelmäßig ein mitleidiges „ohhhhhh“, wenn er die Küken verfüttere.

Sebastian Müller stellt sich als Basti vor. Ein Medienprofi, der nicht das erste Mal vor der Kamera steht und mit einem Pressevertreter spricht. Seinen Job hat er schon oft Menschen erklärt. Sei es bei öffentlichen Fütterungen oder eben für Reportagen wie diese hier. Jeder Satz sitzt, er strahlt in die Kamera und kuschelt im richtigen Moment mit den Tieren.

Der 31-Jährige bereitet das Essen für die Stinktiere vor. Die Lebensmittel bekommt der Wildpark größtenteils vom Großhandel. „Alles was die Tafel nicht nimmt, bekommen wir“, sagt Basti. Lebensmittel, die sonst weggeschmissen werden würden. Gemüse und Obst scheidet er in Stücke. Er greift beherzt in die Kükenkiste. Eine Handvoll und ein wenig Gulasch aus Rinderherzen gibt er in den Eimer. Eine bis anderthalb Stunden pro Tag verbringen die Tierpfleger mit dem Zubereiten von Nahrung. Die meisten Tiere hat Basti bereits am Vormittag gefüttert. Nur die Stinktiere und die schottischen Hochlandrinder fehlen noch.

„Das ist mein Traumberuf“, sagt Basti. Obwohl er gerne mehr Zeit mit den Tieren arbeiten und trainieren würde. 85 Prozent seiner Arbeitszeit verbringe er damit, den Park sauber zu halten, mit Gärtnerarbeiten und Reparaturen. „Die Gäste machen mehr Dreck als die Tiere“, sagt Basti.

Tierpfleger ist ein Knochenjob. Immer wieder bewürben sich Menschen, die ans Kuscheln mit Tieren und ein wenig Ausmisten dächten. „Die haben dann erst mal Muskelkater, wenn sie hier ihr Praktikum machen“, sagt Basti. Nicht jeder sei für den Job geeignet. Er merke schnell, wer mit anpacken kann und wer nicht. Wie auf das Stichwort kommt Sebastian Lube-Stähr in die tierische Großküche. Er kommt aus der Musikbranche, erzählt er und macht nun eine Umschulung zum Tierpfleger. Er habe die Arbeit unterschätzt. „Fitnessstudio brauche ich jetzt nicht mehr“, sagt er und lacht.

Die Stellen als Tierpfleger sind rar gesät. „Man muss schon in Kauf nehmen, nach München oder Berlin zu gehen“, sagt Basti. Er selbst habe zuerst eine Ausbildung zum Klempner gemacht, obwohl er wusste, dass er Tierpfleger werden wollte. Um eine Ausbildung zu haben, falls es mit dem Tierpfleger nicht klappt, begründet er diesen Weg. „Leute, die handwerkliche Berufe gelernt haben, werden gern genommen“, sagt er, während er sich bei strömendem Regen in den Minitransporter setzt und Richtung schottische Hochlandrinder fährt.

Er öffnet das Gatter und lockt ein junges Rind aus dem Gehege heraus. Einfach so, ohne Halfter. „Das ist Lars. Mit ihm gehe ich manchmal im Park spazieren“, sagt Basti mit einem Grinsen im Gesicht. Lars wurde im September geboren, kurze Zeit später verstarb seine Mutter. „Ich habe ihn aufgezogen“, sagt er. Nun verlange das Hochlandrind etwas mehr Aufmerksamkeit als die anderen Rinder. Die großen braunen Augen blitzen durch den langen zotteligen Pony und schauen Ziehpapa Basti an. Der tut wie ihm befohlen: knuddelt, streichelt und kratzt das noch junge Rind.

Ausgiebige Streicheleinheiten, ein paar extra Karotten und einen kurzen Spaziergang später gibt es auch für den Rest der Herde das Mittagessen. Jedes der langhaarigen Rinder hat seinen eigenen Platz am Futtertrog. Basti schmeißt jedem Rind eine ordentliche Schaufel Hafer vor die Nase. Bulli, der Bulle, ist der Hahn im Korb – neben Lars, der allerdings kastriert ist.

8000 Menschen kommen am Wochenende bei schönem Wetter in den Wildpark. Problematisch ist an solch gut besuchten Tagen vor allem das Nahrungsangebot für die Tiere. „Die Besucher bringen Möhren oder ähnliches mit“, sagt Basti. Obwohl nur das tierparkeigene Futter erlaubt ist. Das Gemüse sei in großen Mengen schädlich für einige Tiere. Die Rindermägen „kippen um“, wenn sie zu viele der kurzkettigen Kohlenhydrate aus dem Gemüse verdauen. Die Pansen müssten gefordert werden durch langkettige Kohlenhydrate, die in Heu beispielsweise vorkommen.

Besucher, die sich nicht an die Fütterungsgebote halten, werden darauf hingewiesen. „Und wenn sie dreimal ermahnt werden müssen, darf ich sie des Parks verweisen“, sagt Basti. Das komme selten vor. Er habe eine gewisse Menschenkenntnis entwickelt, glaubt der Tierpfleger. Manche Menschen verfolge er nach der ersten Ermahnung und erwische sie bei einem weiteren Verstoß.

Mehlwürmer sind die Leibspeise der Stinktiere.

Mit dem Laster geht es weiter zu Sancho, Pancho und Falsch, den Stinktieren. Falsch ist der Albino. Etwas diskriminierend ist der Name ja schon für das kleine flauschige Wollknäuel, das aufgeregt an der Wand des Geheges hin und her läuft und dem die schwarze Färbung im Fell fehlt.

Die hören das Auto und wissen genau, was jetzt passiert“, sagt Basti. Er holt den weißen Eimer mit dem frischen Futter von der Ladefläche. Doch um an eines der Küken zu kommen, müssen die Stinktiere erst einen Ast hochlaufen. „Das ist die richtige Arbeitshöhe“, sagt Basti. Er drückt den Schwanz und den Nacken von Pancho zu Boden, als das Stinktier oben angekommen ist. „Dann kann er mich nicht mehr anstinken“, sagt Basti. Diese Übung sei wichtig für Untersuchungen und Tierarztbesuche. „Das hält sich ansonsten mehrere Tage in den Klamotten“, sagt Basti, der die Erfahrung am eigenen Leib zu spüren bekam. „Die Kollegen haben meinen Spint nach draußen befördert.“

Die Stunde ist um. Basti kippt den Eimer im Gehege aus. Normalerweise schaffe er mehr in einer Stunde. „Wir haben zu viel gequatscht.“

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die Folgen:

 

24-Stunden-Reportage: Zwischen zahmen Rindern und Stinktieren

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