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24-Stunden-Reportage

TDen Ratten auf der Spur

Immer mehr Menschen entwickelten Phobien vor Ratten und Insekten – im Gespräch brächen manche Kunden sogar in Tränen aus, sagt Schädlingsbekämpfer Thomas Neuke. Er findet Ratten faszinierend. Foto:Archiv/Bernd von Jutrczenka

Immer mehr Menschen entwickelten Phobien vor Ratten und Insekten – im Gespräch brächen manche Kunden sogar in Tränen aus, sagt Schädlingsbekämpfer Thomas Neuke. Er findet Ratten faszinierend. Foto:Archiv/Bernd von Jutrczenka

Immer mehr Ratten laufen durch Deutschland. Der Klimawandel sorgt bei den Nagern und anderen Plagegeistern für reichlich Nachwuchs. Das TAGEBLATT hat Schädlingsbekämpfer Jens Thomas Neuke aus Drochtersen bei der Ratten-Kontrolle begleitet.

Donnerstag, 12.08.2021, 10:00 Uhr

Ein unauffälliger dunkelgrauer Van rollt auf den Parkplatz am Stader Innenstadtrand. Auf großflächige knallige Werbung auf seinen Firmenfahrzeugen verzichtet Jens Thomas Neuke: „Unsere Kunden aus der Gastronomie würden das nicht so gerne sehen“, sagt der 56-Jährige. Zu groß ist die Sorge, wegen Ratten oder Ungeziefer ins Gerede zu kommen. „Meine Tochter ist auch schon mal angesprochen worden: Ich hab Deinen Vater da vor dem Laden gesehen – kann man da überhaupt noch essen gehen?“ Seine Tochter habe geantwortet: Gerade weil ihr Vater da sei, könne man dort hingehen.

Da ist was dran: Früher seien Kammerjäger schließlich immer bei akutem Befall auf Ratten- und Schabenjagd gegangen. In seinem Betrieb bestehe die Arbeit aber heute zu 80 Prozent aus Monitoring. Das heißt, dauerhafte regelmäßige Befallskontrollen und Bekämpfung nach Bedarf und Plan. Unternehmen, Krankenhäuser, öffentliche Einrichtungen, Hausverwaltungen und Betreuungseinrichtungen sowie Privatleute gehören zu Neukes Kundschaft im Elbe-Weser-Raum. Heute überprüft er für mehrere Firmen ein knapp 5000-Quadratmeter-Areal am Stader Innenstadtrand – Dauerkunden, seit Jahren, auf seinem T-Shirt prangt als rotes Firmen-Logo die Aufschrift „Pest Control Neuke“.

Schädlingsbekämpfer Jens Thomas Neuke kontrolliert die Köderstation. Fotos: Knappe

Schädlingsbekämpfer Jens Thomas Neuke kontrolliert die Köderstation. Fotos: Knappe

Gerade hat er einen weißen Eimer aus dem Van gehievt, gefüllt mit gut verpackten tödlichen Leckerlis für Ratten, als das Handy klingelt. „Ja, ich, komm‘ vorbei, vielleicht noch heute.“ Eine Kita hat sich gemeldet – Ameisenalarm. Die Tiere seien aber nur lästig, nicht gefährlich, sagt Neuke. Es gebe jedoch immer mehr Leute, die richtige Phobien gegenüber vielen Tieren entwickelten. „Wir haben inzwischen extrem viel mit Ameisen zu tun, das ist sehr dominant geworden.“

Holzameisen retten Menschenleben

Die Bekämpfung sei eigentlich nicht so schwierig – „aber die Leute rufen natürlich erst an, wenn sie alle Hausmittelchen ausprobiert haben“. Er habe schon einmal einen Fall gehabt, da hätten Holzameisen vermutlich sogar vielen Menschen das Leben gerettet: Sie hatten sich am tragenden Balken einer Kirchen-Empore angesiedelt. „Sie gehen aber ja nur an vorgeschädigtes Holz – und dieser Balken war schon total hin“, erzählt Neuke. Nur weil der Schädlingsbekämpfer gerufen wurde, war der Balken entdeckt worden.

Neuke stellt den Köder-Eimer ab. 25 Ratten-Köderstationen müssen auf dem Gelände in Stade kontrolliert und gegebenenfalls befüllt werden: Hier gibt es viele Menschen, Gastronomie, viel Müll und ein Gewässer, das den Ratten das lebenswichtige Trinkwasser sichert. Neben zwei Müllcontainern unten an einer Gebäudeecke liegt die erste angekettete grüne Mehrkammern-Köderstation. Mit einem Spezialschlüssel öffnet Neuke die Station und tippt mit seinen behandschuhten Fingern auf eine rötlichbraune Masse: Davon ist gefressen worden, es waren also Ratten da. Herausschleppen und im Gelände verteilen könnten die Ratten es nicht: „Es hat eine eiscremeartige Konsistenz – sie müssen es in der Station fressen.“

Das cremeartige Gift-Leckerli ist angefressen: Ratten waren da.

Das cremeartige Gift-Leckerli ist angefressen: Ratten waren da.

Das Gift gehört zur neuen Wirkstoffgeneration, nur Profis dürfen damit laut der Gefahrstoff-Verordnung Wirbeltiere töten. Das Gift wirkt auf die Blutgerinnung und lässt die Tiere innerlich verbluten – aber nicht sofort, sondern stark zeitverzögert: Sonst würden die intelligenten Nager den Tod ihrer Artgenossen mit dem Köder in Verbindung bringen und nicht mehr davon fressen. „Ratten haben Vorkoster, wie früher Könige: Das älteste und schwächste Tier ist immer der Vorkoster – passiert dem nichts, geht auch der Rest ans Futter“, erzählt Neuke. Eine einzige Ratte kann es im Laufe eines guten Jahres auf eine Nachkommenschaft von mehr als 1000 Tieren bringen.

Kadaver verbreitet üblen Verwesungsgeruch

Die verendeten Ratten sieht der Schädlingsbekämpfer selten. Unangenehm kann es für Kunden werden, wenn die Ratte in einem Zwischenboden oder unter Dielen verendet ist. Der Kadaver verbreitet üblen Verwesungsgeruch und zieht Horden von Fliegen an. „Aber man überlegt es sich natürlich, ob man alles aufreißt – weil man nicht weiß, ob man das tote Tier wirklich dort findet, wo man es vermutet“, sagt Neuke. Seine Erfahrung: „Privatleute sitzen das meistens aus“. Je nach Temperatur dauere es zwei, drei Wochen, bis der Spuk vorbei sei.

Den Ratten auf der Spur

Ekel? Neuke, der nicht nur als Schädlingsbekämpfer, sondern auch als Tatortreiniger arbeitet, schüttelt den Kopf. „Man sieht immer nur seine Arbeit.“ Ratten seien „unheimlich faszinierende Tiere“, findet Thomas Neuke sogar. Er hat Freude am Beruf – „und fast jeder freut sich, wenn wir kommen“. Manchmal sei der Leidensdruck durch unerwünschte Mitbewohner so groß, dass Kunden im Gespräch in Tränen ausbrächen.

Ausgangsanalyse der Situation

Jens Thomas Neuke stammt aus Thüringen, er war früher Bergbautechnologe und in Stade zunächst in der Bausanierung tätig, bevor er sich vor 17 Jahren mit seinem Betrieb selbstständig machte. Inzwischen beschäftigt seine Firma sechs Menschen. Was Neuke in seinem Job besonders reizt, egal, ob es um Ratten oder Insektenplagen geht, ist vor allem die Ausgangsanalyse der Situation: Welche begünstigenden Faktoren führen jeweils zum Befall, wo sind Eingänge und verborgene Futterstellen – manchmal werde es kniffelig, wenn alle Ursachen, die die Plage begünstigen, nicht auf Anhieb zu ermitteln seien. Häufig wird ein Rattenbefall auch durch Gebäudeschäden oder Leckagen an Wasserrohren und Kanalisationsanlagen begünstigt.

Den Ratten auf der Spur

Neuke beäugt kritisch die Müllcontainer: Sperrmüll steht hier, alte Sessel bilden eine regelrechte Brücke zum Container. „Ideal als Aufstiegshilfe für Ratten“, kommentiert er. Die Gummilippen des Altpapiercontainers sind kaputt und teils weggebrochen. Wäre das auch beim gelben Container für Recycling-Abfälle der Fall, würde Neuke das dokumentieren und den Auftraggeber oder Hausmeister informieren: Beschädigte Containerlippen sind offene Türen für Ratten. „Eine Ratte braucht nur ein Einschlupfloch von einer Daumengröße – wenn der Kopf durchpasst, geht der Rest auch durch“. Immerhin stehen hier feste Container. „Gelbe Säcke sind ein Graus“, sagt Neuke. Wenn im Spätsommer/ Herbst das Nahrungsangebot zurückgehe, würden die gelben Säcke wieder von Mäusen und Ratten zerfetzt.

Nicht in allen Rattenköderstationen befindet sich Gift

Nicht in allen grünen Rattenköderstationen befindet sich zwangsweise Gift: Da, wo nichts gefressen wurde, werde ein nichtgiftiger Köder ausgelegt, um so wenig Gift wie möglich im Spiel zu haben, erläutert Neuke. Erst wenn der nichtgiftige Köder wieder angefressen wird, werde erneut Gift eingesetzt.

Mit seinem weißen Ködereimer schlendert Neuke zur nächsten Köderstation, die am oberen Böschungsrand eines Wasserlaufs liegt. Wieder klingelt sein Handy. Diesmal ist es ein besorgter Stader Bäcker, im Betrieb wurde eine Motte gesichtet. „Schicken Sie mir ein Foto“, bittet Neuke – dann kann er eventuell schon sehen, ob es sich um einen harmlosen Falter oder eine Lebensmittelmotte handelt – erst dann gibt es Handlungsbedarf.

Erfolg nach zwei Monaten

Bei der Bekämpfung von Ratten dauere es im Durchschnitt etwa zwei Monate, bis sich ein Erfolg einstelle, sagt Neuke. Aber: Vogelfüttern wird immer beliebter und Vogelfutter lockt Ratten an – sogar auf Balkone – und erschwert deren Bekämpfung. „Ich sage dann: ,Bitte räumen Sie Ihr Vogelfutter weg‘.“ Manche Kunden wollten aber auf die Vogelfütterung partout nicht verzichten.

In seinem Bus hat Neuke alles, was er braucht. Er ist übrigens auch Tatortreiniger .

In seinem Bus hat Neuke alles, was er braucht. Er ist übrigens auch Tatortreiniger .

Für einen Kunden, der zwar die Vogelfütterung zunächst eingestellt habe, aber um Lösungsvorschläge gebeten habe, habe er eine rattensichere Vogelfutterstelle mit Plattform konzipiert, berichtet Neuke. In seltenen Fällen, wenn Kunden fleißig weiter Vogelfutter verteilten, habe er die Bekämpfung auch schon abgebrochen, sagt Neuke. Manchmal gewinnen eben auch die Ratten.

Die 24-Stunden-Reportage

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:

 Alle bereits erschienenen Teile unter: www.tageblatt.de/24stunden

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