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Pflanzenkunst

Botanik trifft Handwerk: Die neue Sehnsucht nach Naturkunst

Susan Krieger bedruckt vor allem Tischwäsche und Geschirrhandtücher.

Susan Krieger bedruckt vor allem Tischwäsche und Geschirrhandtücher. Foto: Patrick Pleul/dpa

Vom meditativen Siebdruck bis zu filigranen Linolschnitten: Eine neue Generation von Künstlerinnen entdeckt die Natur neu - und trifft den Nerv vieler Menschen in unsicheren Zeiten.

Von Anja Sokolow, dpa Sonntag, 29.03.2026, 05:06 Uhr

Criewen/Wedemark. Wenn sie mit Hund Fritz ihre Spaziergänge unternimmt, beginnt für Susan Krieger die tägliche Suche nach dem Besonderen. Mit geübtem Blick tastet sie die Wegränder ab, hebt eine filigrane Gräserrispe auf, dreht eine Wilde Möhre im Gegenlicht zwischen den Fingern. „Ein Sträußchen Wiesenblumen habe ich schon immer mit nach Hause genommen“, sagt sie später. Doch heute ist daraus weit mehr geworden: ein Kunsthandwerk, das den Pflanzen aus der Uckermark ein zweites Leben schenkt.

Krieger ist Textildesignerin und Gründerin von Blausieb, einem Atelier, in dem sie mit einer alten Technik neu erzählt: Siebdruck, aber nicht mit Folien oder digitalen Zwischenschritten – sondern mit echten Pflanzen. „Ich habe beim Experimentieren mit Schülern gemerkt, dass das hervorragend funktioniert“, sagt Krieger, die zwischenzeitlich an einer Schule unterrichtete. Aus den feinen Strukturen von Wiesenkerbel, Leinkraut oder den Samenständen der Sichelmöhre entstehen klare, poetische Drucke, die den Stoff nicht nur verzieren, sondern eine Landschaft erzählen. Susan Krieger bedruckt vor allem Tischwäsche und Geschirrhandtücher aus Leinen oder auch Kissen aus Samt. Gelegentlich kommen Sondereditionen wie T-Shirts oder Täschchen hinzu. 

Um neue Muster zu entwickeln, greift Krieger auf ihre große Pflanzensammlung zurück: „Ich habe einen Fundus an getrockneten Pflanzen, aus dem ich das ganze Jahr schöpfen kann.“ In ihren Mappen liegen etwa Hagebuttenblätter, Hirtentäschel, Wiesenkerbel oder auch Wilde Möhre und Sichelmöhre. „Das Bewusstsein dafür, dass etwas schön ist, ist ein aktiver Prozess“, sagt sie. „Das Besondere muss man sehen wollen.“ 

Oft übersehene Pflanzen rücken in den Mittelpunkt 

Ihre Arbeitsweise steht in einer wachsenden Tradition naturverbundener Kunst, zu der auch Johanna Jung gehört, die im Wendland Linolschnitte herstellt. Sie findet ihre Motive dort, wo sie mit ihrer Familie und Haustieren lebt. „Es war für mich nie eine Frage, was ich abbilde. Die Natur interessiert mich brennend“, sagt Jung. Besonders faszinierten sie Pflanzen, die viele achtlos übersehen oder einfach wegzupfen: Giersch, Wildkräuter, unscheinbare Blüten. 

Aber auch wilde Tiere bringt sie auf die Leinwände, momentan seien Gänse besonders beliebt bei ihren Kunden. „Was mir oft widergespiegelt wird, ist, dass meine Videos und meine Kunst viele Menschen beruhigen“, so Jung. Der aktuelle Druck mit Gänsemotiv strahle neben der Ruhe auch Freiheit aus, nach der sich viele Leute sehnen, so die gelernte Buchbinderin und Autodidaktin. Im hektischen Alltag kurz aufatmen können – ein Bedürfnis unserer Zeit, das Susan Krieger ebenso in ihren Pflanzendrucken bedient.

In der Gläsernen Manufaktur wird das Handwerk anschaulich 

Während Jung über Instagram und ihren Online-Shop ein großes Publikum erreicht, setzt Krieger auch auf regionale Präsenz. Seit einem Jahr arbeitet sie in der Gläsernen Manufaktur direkt neben der Verwaltung des Nationalparks Unteres Odertal. Dort bietet sie Workshops an, verkauft ihre Textilien sowie Produkte regionaler Hersteller. Für Nationalparkleiter Dirk Treichel ist dies eine „Win-Win-Situation“, von der beide Seiten profitierten. „Die Produkte von Susan Krieger passen hervorragend zum Nationalpark“, so Treichel. 

Die meisten Besucher der Manufaktur sind Urlauber aus der Region, die die Gegend erkunden wollen. „Es ist ein sehr saisonales Geschäft. Ab Mai geht es wieder richtig los“, sagt Krieger. 

Im Atelier zeigt sie auch, wie ihre Drucke entstehen: „Fluten“ nennt sie den Moment, in dem Farbe ohne Druck auf das Sieb aufgetragen wird. Dann legt sie die Schablone auf ein zu bedruckendes Geschirrhandtuch und streicht mit einer Rakel die Farbe über die Schablone: Dreimal hoch, dreimal runter – ein ruhiger, fast meditativer Rhythmus, während die Farbe durch das Polyestergewebe der Schablone auf den Stoff wandert. Danach presst sie das Handtuch einige Minuten bei 150 Grad und fixiert somit die Farbe. 

Verein Botanischer Kunst mit starkem Zulauf

Auch die gebürtige Irin Audrey Reilly hat sich botanischer Kunst verschrieben und findet die Motive ebenfalls direkt vor ihrer Haustür. Die in Wedemark in Niedersachsen lebende Malerin hat 2022 den Verein Botanischer Kunst gegründet, der schnell von einer Handvoll auf 75 Mitglieder wuchs. 

Reilly beobachtet, dass naturverbundene Kunst aus der Nische herauswächst. Als sie in den 1980er Jahren nach Deutschland kam, sei Kunst vor allem abstrakt und konzeptionell gewesen, realistische Kunst sei verpönt gewesen. „Erst in den 1990ern änderte sich das – und seit einigen Jahren wächst das Interesse rasant“, so Reilly. 

Pflanzenblindheit als Phänomen

Reilly zufolge hat die Beschäftigung mit der Natur einen willkommenen Nebeneffekt: Man beginnt, immer neue Pflanzen und feine Strukturen an ihnen wahrzunehmen. Eine Entwicklung, die der sogenannten Pflanzenblindheit entgegenwirkt – dem Phänomen, dass Menschen Pflanzen im Alltag kaum beachten, sie als bloßen Hintergrund wahrnehmen und ihre Bedeutung unterschätzen.

Warum Naturmotive heute eine solche Anziehungskraft haben, formuliert Reilly klar: „In dieser schrecklichen Welt, die wir jetzt haben, ist es sehr beruhigend, sich mit der Natur zu beschäftigen.“ Viele Menschen suchten auch in ihren Workshops „ein paar Stunden Ruhe“. Botanische Kunst werde zum Rückzugsraum – ähnlich wie Kriegers meditative Drucktechnik oder Jungs ruhige Naturvideos. Gleichzeitig sieht Reilly eine gesellschaftliche Dimension: mehr Bewusstsein für Umwelt und Biodiversität.

Ihre Motive findet die Kunsthandwerkerin in der Uckermark.

Ihre Motive findet die Kunsthandwerkerin in der Uckermark. Foto: Patrick Pleul/dpa

Künstlerinnen wie Susan Krieger stellen Formen und Strukturen von Pflanzen in den Mittelpunkt.

Künstlerinnen wie Susan Krieger stellen Formen und Strukturen von Pflanzen in den Mittelpunkt. Foto: Patrick Pleul/dpa

Die fertigen Produkte gehen liebevoll verpackt in den Versand.

Die fertigen Produkte gehen liebevoll verpackt in den Versand. Foto: Patrick Pleul/dpa

Das eigentliche Bedrucken eines Tuchs benötigt nur wenige Schritte.

Das eigentliche Bedrucken eines Tuchs benötigt nur wenige Schritte. Foto: Patrick Pleul/dpa

Mit einer Rakel verteilt Krieger die Farbe gleichmäßig auf dem Stoff.

Mit einer Rakel verteilt Krieger die Farbe gleichmäßig auf dem Stoff. Foto: Patrick Pleul/dpa

Ihre Produkte verkauft Susan Krieger auch in der Gläsernen Manufaktur.

Ihre Produkte verkauft Susan Krieger auch in der Gläsernen Manufaktur. Foto: Patrick Pleul/dpa

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