Deutschrap als Filmstoff: Wieso Rapper-Dokus beliebt sind
Die Doku „Babo - Die Haftbefehl-Story“ über Haftbefehl wurde bei Netflix zum Streaming-Hit. (Archivbild) Foto: Hannes P. Albert/dpa
Erst Haftbefehl, dann Shirin David und Xatar, jetzt OG Keemo: Dokus über Rapper bei Streamingdiensten und Sendern scheinen sich gerade zu häufen. Dahinter steckt nicht nur der Erfolg des Genres.
Berlin. Haftbefehl, Shirin David und Xatar haben etwas gemeinsam: Sie alle gehören zu dem Kreis der Rapper, die eine eigene Dokumentation bekommen haben. Nun hat das ZDF den Rapper OG Keemo und den Produzenten Funkvater Frank in einer aktuellen Doku-Serie begleitet. Solche Porträts – besonders über Figuren im Deutschrap – scheinen sich zu häufen. Woran liegt das?
Klar ist: Hip-Hop und Rap sind längst keine Nische mehr. Songs aus dem Genre stehen regelmäßig weit oben in Charts und Streaminglisten, Stars wie Shirin David („Bauch Beine Po“) prägen die Popkultur.
Rap-Kultur „so ausdifferenziert und kommerzialisiert wie nie zuvor“
Soziologin Heidi Süß, die zu Rap und Männlichkeit forscht, sieht eine Erklärung in der langen medialen Geschichte des Genres. Es gebe viele Dokumentationen über Rapperinnen und Rapper, aber auch über den Rap und die Geschichte des Hip-Hop.
„Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Hip-Hop und Rap immer schon eine Medienkultur war. In den 80er Jahren ist Hip-Hop „über den großen Teich geschwappt“, es kamen zum Beispiel Filme wie Wild Style und Beat Street. Das heißt: Filme und Dokus über Hip-Hop haben eine lange Geschichte“, sagt Forscherin Süß.
Der Fokus auf einzelne Künstler hänge auch damit zusammen, dass Rap in Deutschland seit Jahrzehnten gewachsen sei und „aktuell so groß, ausdifferenziert und kommerzialisiert ist wie nie zuvor“. Zudem arbeiteten inzwischen Filmschaffende an solchen Projekten, die selbst mit Hip-Hop und Rap groß geworden seien.
Wie Sender, Streamer und Rapper profitieren
Von solchen Formaten profitierten nicht nur Filmschaffende, sondern auch Sender, Streamingdienste und die Künstler selbst, sagt Süß. Die Netflix-Doku über Haftbefehl („069“) wurde zum Streaming-Hit. Die ARD sprach nach der Veröffentlichung der Serie über den verstorbenen Rapper Xatar („Tach Tach“) von einem der erfolgreichsten Doku-Starts in der Geschichte der Mediathek.

Rapper Xatar starb 2025, die ARD widmete ihm nun eine Doku. (Archivbild) Foto: Georg Wendt/dpa
Für Sender und Plattformen liegt der Reiz laut Süß darin, mit bekannten Rappern junge Zielgruppen zu erreichen. Die Künstler selbst könnten sich mit Dokus neue Märkte erschließen. „Es gibt wahnsinnig viel Konkurrenz in der Rapszene, der Markt ist riesig. Da muss man die Produktpalette erweitern“, sagt die Wissenschaftlerin.
Stars wie Shirin David, Haftbefehl und Capital Bra haben Eistee-Marken auf den Markt gebracht, andere investierten in Shisha-Tabak. Mit Dokus erschließe man sich noch einmal ein anderes Publikum, so Süß. Oft gehe es auch um Eigenwerbung: Im Umfeld vieler Dokus entstehe gerade ein neues Album oder Projekt.
Dokus auch eine „Folge des Erfolgs“
Rap-Dokus sind damit Teil eines größeren Musters in der Popkultur: Stars inszenieren sich nicht mehr nur über ihre Musik oder Bühne, sondern auch über filmische Erzählungen – etwa in Dokus oder Biopics.
Barbara Hornberger, Popmusik-Expertin an der Bergischen Universität Wuppertal, hält solche Formate für vergleichsweise risikoarm. „Man kann mit relativ wenig ökonomischem Risiko ein relativ großes Publikum erreichen. Das Risiko ist gering, weil man auf eine Zielgruppe zugreifen oder adressieren kann, die es bereits gibt – nämlich die Fans von dieser Person, die an dieser Geschichte schon interessiert sind.“
Die Forscherin sieht solche Produktionen als eine „Folge des Erfolgs“: „Wenn ein solcher „Brand“ funktioniert, dann funktioniert das meistens einige Jahre, auch mit den Nachahmerprodukten.“ Dokus und Biopics bedienten zudem das Bedürfnis des Publikums, Distanz zu Stars zu verringern.
Viel Identifikation
Auch Süß sieht darin einen Teil des Erfolgs. Viele Rap-Biografien hätten ein „breites und vor allem emotionales Identifikationspotenzial“. Es gehe um Liebe und Tod, Kriminalität und Drogenexzesse, aber auch um zentrale gesellschaftliche Themen wie Migrations- oder Rassismuserfahrung.

Haftbefehl gilt als einer der größten Stars der Deutschrap-Szene. (Archivbild) Foto: Hannes P. Albert/dpa
Hinzu komme ein hoher Unterhaltungswert. Die Produktionen gäben Einblicke auf die „Hinterbühne“ und vermittelten eine gewisse Nähe, sagt sie. Zugleich könnten sie Menschen ansprechen, die sich in solchen Geschichten wiedererkennen. „Rapper wie Haftbefehl repräsentieren auch etwas, was unsere Gesellschaft kennzeichnet: Superdiversität.“ Viele soziale Gruppierungen fühlten sich gesellschaftlich anerkannt, wenn solche Biografien so präsent erzählt werden.
Wieso Dokus auch einen Widerspruch zeigen
Doch wie authentisch sind solche Formate? Süß sieht eine Parallele zwischen Rap und Dokumentation: Beide hätten den Anspruch, nah an der Realität zu sein. Eine Doku könne auch der Versuch sein, ein festgelegtes Image aufzubrechen. Denn um Stars wie Shirin David und Haftbefehl sei ein recht eindimensionales Bild entstanden: „Der hypermaskuline Gangsta-Rapper mit den Schimpfwörtern oder die blonde Plastik-Barbie mit dem YouTube-Hintergrund. Es kann also auch eine berechtigte Motivation sein, dieses Image aufzubrechen und zu versuchen, mehr Facetten von sich zu zeigen.“

Bei Netflix läuft die Doku „Barbara - Becoming Shirin David“ über das Leben von Shirin David. (Archivbild) Foto: Peter Kneffel/dpa
Für Süß zeigen viele dieser Produktionen aber auch einen Widerspruch. Einerseits erzähle man von sich in der Rap-Kultur zu Recht als Opfer der äußeren Umstände, einer rassistischen oder neoliberalen Struktur. Andererseits bestätige man gleichzeitig die Logiken, die man eigentlich kritisiert.
„Ich finde, das zeigen diese Dokus sehr demonstrativ und in all ihrer Traurigkeit. Wie der Einzelne sich zum Unternehmer seiner Selbst entwickeln muss in diesem System und daran zugrunde geht, weil er vereinsamt und feststellen muss: Er ist eigentlich nur ein Produkt und es geht hier nur um ökonomische Verwertbarkeit und nicht um den Menschen.“