Kimmichs spätes WM-Novum und ein alter Positionsstreit
Der Kapitän ist mit dem Radl da: Joshua Kimmich auf dem Weg zum Training in Winston-Salem. Foto: Jan Woitas/dpa
113 Länderspiele hat Joshua Kimmich in zehn DFB-Jahren für Deutschland bestritten. Partie 114 wird für den Kapitän trotzdem zu einer Premiere. Das große WM-Thema ist aber mal wieder, wo er spielt.
Foxborough. Acht Jahre musste Joshua Kimmich auf diesen Tag warten. Auf dieses persönliche WM-Novum. 31 Jahre alt musste der Kapitän werden, um nach zehn Jahren als Fußball-Nationalspieler in seinem 114. Länderspiel für Deutschland am Montag (22.30 Uhr/ZDF und MagentaTV) gegen Paraguay bei seiner dritten Weltmeisterschaft erstmals ein K.-o.-Spiel bestreiten zu können.
So schön diese Situation für Kimmich ist, unbeschwert geht der Bayern-Profi nicht in diese Premiere. Der Rucksack der WM-Desaster von 2018 und 2022 scheint in Amerika immer noch auf den Schultern des Bayern-Profis zu lasten. In der Gruppenphase agierte der Kapitän nicht so souverän und prägend, wie man es von ihm im Nationaltrikot gewohnt ist. Locker wirkt Kimmich nicht.
Joshua Kimmich gegen Ecuador in Aktion, die Leichtigkeit fehlt ihm noch bei der WM. Foto: Federico Gambarini/dpa
Pünktlich zur entscheidenden Turnierphase ploppt dazu wieder der ewige Positionsstreit auf, wo Kimmich am wirkungsvollsten für die Nationalelf ist. Rechts hinten? Oder doch wie beim FC Bayern im Mittelfeld? Zumal nach dem 1:2 gegen Ecuador die Zweifel lauter werden an der Besetzung der Doppel-Sechs mit den Turnierneulingen Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha.
Kimmich spielt da, wo ihn Nagelsmann hinstellt
Kimmich selbst reagierte nach der sportlich verschmerzbaren Niederlage nur noch genervt auf das Thema, das sowohl ihn als auch Bundestrainer Julian Nagelsmann immer wieder einholt. „Das ist einzig und allein die Entscheidung des Trainers. Und da, wo er das Gefühl hat, dass ich am besten weiterhelfen kann, wird er mich aufstellen. Und da spiele ich dann auch“, sagte Kimmich. Ende der Durchsage. Aber auch Ende der Debatte bei der WM?

Der Bundestrainer und sein Kapitän sind ständig im intensiven Austausch. Foto: Federico Gambarini/dpa
Nagelsmann hat zumindest für die erste K.-o.-Runde ein Schlusswort gesprochen. Pavlovic und Nmecha sollen auch im vierten WM-Spiel im Mittelfeld beginnen. „Ich will auf Felix und Pavlo nicht verzichten.“
Auch Sportdirektor Rudi Völler wurde am Wochenende in Winston-Salem zum Dauerthema befragt. Und der 66-Jährige sagte zur ewigen Streitfrage: „Die Diskussion, die gab es schon immer. Weltklasse ist er auf der rechten Verteidigerposition, Weltklasse im zentralen Mittelfeld ist er auch.“ Völlers Ausweg lautete: „Am Ende entscheidet das Julian mit seinem Trainerteam.“

Sachte, sachte: Rudi Völler ist bemüht, der Positionsdebatte um Joshua Kimmich zu beruhigen. Foto: Federico Gambarini/dpa
Im Mittelfeld ist Kimmich mit dem Vereinskollegen Pavlovic top eingespielt. Der 22 Jahre alte Pavlovic offenbart in Amerika aber ungewohnte Mängel. Wie Kimmich mit dem dynamischen Dortmunder Nmecha harmonieren würde, dafür fehlen Erfahrungswerte. Nagelsmann beruft sich bei Kimmichs Positionierung auf die Heim-EM 2024: „Da war Jo ein Top-Rechtsverteidiger und in allen statistischen Werten mit Abstand der Beste auf der Position.“
Kimmich spielt quasi ein Hybrid-Rolle. In Ballbesitz wird er zum Spielmacher. „Da spielt er im Grunde die gleiche Position wie bei Bayern München, da kippt er auch immer nach rechts hinten“, erklärte Nagelsmann.
Kimmich geht es in Amerika nicht in erster Linie um seine Positionierung auf dem Platz, sondern um eine Korrektur seiner bislang verkorksten WM-Vita. Und dafür muss gegen den Gruppendritten Paraguay aus seiner Sicht insbesondere eine Sache unbedingt verbessert werden: „Wir dürfen nicht in jedem Spiel ein, zwei Gegentore bekommen und müssen die Ballverluste minimieren.“
So sieht Völler den Kapitän
In der K.o.-Phase soll auch wieder der ballsichere, defensiv zuverlässige und im Vorwärtsgang mit Torvorlagen glänzende Kimmich zu sehen sein. „Klar, auch er hätte gerne einen Tick besser gespielt in dem einen Spiel jetzt gegen Ecuador“, sagte Völler. Das war aber schon sein Maximum an Kritik. „Wir kennen alle Jo, der natürlich auch sehr verbissen ist. Aber er ist in jeder Hinsicht ein absoluter Top-Kapitän, ein Fahnenträger, wie ich gerne sage. Wir sind alle total zufrieden mit ihm, wie er sein Amt als Kapitän ausübt und wie er spielt.“
Mit Blick auf ein mögliches Achtelfinale gegen die weltmeisterlichen Franzosen könnte die Positionsdebatte freilich neuerlich Schwung aufnehmen. Kimmichs Tempodefizite fielen schon gegen die Elfenbeinküste in Laufduellen mit dem Leipziger Yan Diomande auf. „Er ist ein anderer Außenverteidiger als Nene Brown, der eine enorme Geschwindigkeit hat“, merkte auch Völler an: „Aber er hat eine große Erfahrung und kann clever mit diesen Situationen umgehen.“
Ein Geheimplan für Frankreich
Trotzdem schwirrt schon eine Idee durchs DFB-Quartier. Um die Turbo-Offensive Frankreichs mit Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé, Désiré Doué und Bayern-Star Michael Olise zu stoppen, könnte Nagelsmann das System ändern. Dreierkette statt Viererkette in der Abwehr - und Kimmich doch vor ins Mittelfeld. Denn nach dem Ecuador-Spiel sagte Nagelsmann auch diesen Satz: „Im Fußball kann man nichts ausschließen, aber ein Wechsel ist akut nicht geplant.“ Akut heißt Paraguay - Kimmichs erstes K.o.-Spiel bei einer WM.