AbonnierenAbo
Zähl Pixel
Tiere, Pflanzen, Lebensräume

Leopoldina-Papier: Viel Nachbesserungsbedarf im Naturschutz

Der Nationalpark Kellerwald-Edersee wird als Positivbeispiel genannt.

Der Nationalpark Kellerwald-Edersee wird als Positivbeispiel genannt. Foto: Uwe Zucchi/dpa

Schutzgebiete sollen die Natur bewahren. In Deutschland gibt es zahlreiche von ihnen. Doch bieten sie wirklich, für was sie ausgewiesen wurden?

Von dpa 13.10.2026, 10:05 Uhr
3 Monate Premium-Zugriff auf tageblatt.de für nur 0,99 €! Jetzt sichern!

Halle. Die Bilanz für viele Schutzgebiete in Deutschland fällt Experten zufolge schlecht aus. Nach einer umfassenden wissenschaftlichen Analyse sogenannter FFH-Gebiete seien nur sechs Prozent der Lebensräume und vier Prozent der Arten in einem günstigen Zustand, heißt es in einem Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Halle. Schutzgebiete nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) sollen besonders wertvolle oder gefährdete Tier- und Pflanzenarten sowie Lebensräume schützen.

„Die Ausweisung von Schutzgebieten ist eine der wichtigsten Maßnahmen, um die biologische Vielfalt dauerhaft zu erhalten und zu fördern – vorausgesetzt, sie sind wirksam“, betonen die Experten, zu denen Katrin Böhning-Gaese und Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) gehörten. Eine rechtliche Ausweisung allein reiche nicht aus. Nötig seien klare Schutzziele, regelmäßige Kontrollen und ausreichend Personal und Geld. „In vielen Schutzgebieten bestehen erhebliche Defizite bei Management und 
Umsetzung.“

Autoren heben Positivbeispiele hervor

Der Bericht listet anhand von vier Beispielen auf, wie Natur wirkungsvoll geschützt werden kann und die Gesellschaft gleichzeitig profitiert:

  • Nationalpark Kellerwald-Edersee (Hessen): Vorbild für konsequenten Prozessschutz, wie die Autoren schreiben. Mehr als 90 Prozent der rund 7.700 Hektar dürfen sich weitgehend natürlich entwickeln. Als Erfolgsfaktoren nennt das Papier klare Schutzziele, rasche Umsetzung, Besucherlenkung und moderierte Dialoge mit Interessenvertretern.
  • Wildnisgebiet Königsbrücker Heide (Sachsen): Beispiel für großflächige Wildnis außerhalb eines Nationalparks. Auf rund 5.600 Hektar laufen natürliche Prozesse den Autoren zufolge weitgehend ohne menschliche Eingriffe ab. Das Gebiet wurde 2023 als erstes deutsches Wildnisgebiet von der Internationalen Naturschutzunion (IUCN) anerkannt. Zugleich zeigt es einen Zielkonflikt: Durch die natürliche Wiederbewaldung können artenreiche Offenland-Lebensräume zurückgehen.
  • Naturschutzgebiet Irrenberg-Hundsrücken (Baden-Württemberg): Beispiel für den Schutz einer artenreichen Kulturlandschaft. Die wertvollen Magerrasen müssen regelmäßig gepflegt werden, unter anderem durch ehrenamtliches Engagement. Ohne diese Pflege würden die Flächen wahrscheinlich zunehmend verbuschen und bewalden.
  • Biosphärenreservat Spreewald (Brandenburg): Beispiel für das Zusammenspiel von Naturschutz, nachhaltiger Nutzung und regionaler Wertschöpfung. Bei der Renaturierung von Kanälen und Fließen arbeiteten Naturschutzbehörden, Landwirtschaft und Tourismus gemeinsam an Lösungen. „Die gute Kommunikation zwischen allen Beteiligten ist eine Daueraufgabe, die in Zukunft noch wichtiger wird: Der Ausstieg aus der Braunkohleförderung wird unmittelbare Folgen für den Spreewald haben.“
Im Spreewald funktioniere das Zusammenspiel von Naturschutz, nachhaltiger Nutzung und regionaler Wertschöpfung, loben die Autoren.

Im Spreewald funktioniere das Zusammenspiel von Naturschutz, nachhaltiger Nutzung und regionaler Wertschöpfung, loben die Autoren. Foto: Patrick Pleul/dpa

Mix aus vielen Faktoren sorgt für die schlechte Lage

Als zentrale Ursachen für den schlechten Zustand vieler Schutzgebiete nennt das Autorenteam intensive Landwirtschaft, Entwässerung, forstliche Nutzung und menschliche Störungen. Hinzu kämen Belastungen von außen wie Pflanzenschutzmittel, Nährstoffeinträge, Bebauung und Klimawandel.

Besonderen Handlungsbedarf sehen die Experten bei Wäldern und Meeresschutzgebieten. Ziel sollte es demnach sein, zehn Prozent der Wälder im öffentlichen Eigentum und zehn Prozent der Meeresschutzgebiete als streng geschützte Bereiche ohne sogenannte stoffliche Nutzung – vor allem ohne Fischerei und ohne Bauwerke – auszuweisen. Derzeit sei in deutschen Meeresgebieten nur etwa ein Prozent der Fläche von jeglicher Nutzung ausgenommen.

Liegenlassen, raushalten, verschonen

Zudem werden in dem Papier einzelne Schwerpunkte für verbessernde Maßnahmen hervorgehoben: Für Agrar- und Offenland sowie für Binnengewässer und Auen sei vor allem eine weniger intensive Landwirtschaft wichtig. In Wäldern sollten naturnahe Bestände und Totholz geschützt werden. An Küsten und in Küstengewässern müssten die verschiedenen Belastungen – unter anderem Fischerei, Schifffahrt, Energiegewinnung und Verschmutzung – verringert werden.

Aktuell gilt rund ein Drittel der etwa 30.000 erfassten Tier-, Pflanzen- und Pilzarten in Deutschland als bestandsgefährdet, wie es von den Experten heißt. Es existiert ein Netz aus Schutzgebieten verschiedener Kategorien, insbesondere Nationalparks, Naturschutzgebiete, FFH-Gebiete, Vogelschutzgebiete, Biosphärenreservate, Landschaftsschutzgebiete und Naturparks. Sie verfolgen jeweils spezifische Schutzziele und -strategien und unterliegen unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen.

Mit den Schutzgebieten schützen wir auch uns selbst

„Biodiversität ist die Grundlage funktionierender Ökosysteme und damit von großer Bedeutung für uns Menschen“, heißt es im Leopoldina-Papier. „Ohne Bestäuber kein Obst im Garten, ohne vielfältige, gesunde Böden keine dauerhaft produktive Landwirtschaft, ohne resiliente Wälder kein Holz und ohne artenreiche Lebensräume keine wertvollen Erholungsräume.“

Das Diskussionspapier wurde von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus mehreren Forschungseinrichtungen erarbeitet. Die darin vertretenen Thesen und Empfehlungen stellen keine inhaltliche Positionierung der Akademie dar.

Nachruf für einen der Autoren

Der zentral am Papier beteiligte Biodiversitätsforscher Josef Settele ist nach Angaben des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) kürzlich verstorben. „Wir trauern um den Verlust eines außergewöhnlichen Wissenschaftlers und einer der wirkungsvollsten und einflussreichsten internationalen Stimmen für die Natur“, hieß es. Settele sei eine tragende Säule für den Erfolg von IPBES gewesen. „Doch sein vielleicht nachhaltigstes Vermächtnis war die Herzlichkeit, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Freundlichkeit und Großzügigkeit, mit der er jedem Menschen begegnete.“

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel

Was die Klimakrise mit Kindern macht

Hitze, Allergien und Zukunftssorgen belasten Kinder schon heute. Ein Kinderarzt, eine Psychologin und ein Lehrer sprechen über Folgen – von der Medizin bis zum Schulalltag in Schwäbisch Gmünd.

Qualzucht bei Hunden: Wenn Schönheit krank macht

Kurze Schnauzen, besondere Fellfarben oder Falten: Was für Menschen niedlich aussieht, kann für Hunde zur gesundheitlichen Belastung werden. Solche Äußerlichkeiten sind oft mit Schmerz verbunden.