Trotz Angriffen: Ukrainer und Russen verhandeln in Abu Dhabi
Die Energieversorgung in Charkiw ist genauso schwer beschädigt wie in Kiew. Foto: Andrii Marienko/AP/dpa
Russische Raketen stürzen die Menschen in Kiew in Kälte und Dunkelheit. Dennoch wird am Persischen Golf über ein Kriegsende verhandelt. Aber die ukrainischen Unterhändler sollen anders auftreten.
Kiew/Moskau/Abu Dhabi. Trotz schwerer russischer Luftangriffe auf die Ukraine sollen Unterhändler aus Kiew und Moskau heute wieder in Abu Dhabi Möglichkeiten für ein Kriegsende ausloten. Beide Seiten wie auch die USA als Vermittler haben ein zweites Treffen in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate bestätigt. Vorab warf die ukrainische Regierung der russischen Seite vor, gegen eine von den USA vermittelte Teilwaffenruhe verstoßen und damit einen neuen Verhandlungsansatz nötig gemacht zu haben. US-Präsident Donald Trump mag hingegen keinen Wortbruch des Kremls erkennen - im Gegenteil.
Eine erste trilaterale Gesprächsrunde hatte Mitte Januar stattgefunden. Ein Termin am vergangenen Sonntag wurde dann verschoben. Nun ist die russische Delegation bereits in den Vereinigten Arabischen Emiraten eingetroffen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Tass meldete.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Kremlchef Wladimir Putin wegen der Luftangriffe vor, weiter auf Krieg und die Zerstörung der Ukraine zu setzen, nicht auf Diplomatie. „Die Arbeit unseres Verhandlungsteams wird entsprechend angepasst“, kündigte er an, ohne Details zu nennen.
In der Nacht auf Dienstag, einer der kältesten des Winters, gab es eine weitere Welle schwerer Luftangriffe auf Kiew, Charkiw und andere ukrainische Städte. Erneut saßen Millionen Menschen bei strengem Frost ohne Strom und Heizung da. Die Reparaturarbeiten an dem seit Monaten beschädigten Netz wurden zurückgeworfen.
Selenskyj verlangt Reaktion aus Washington
Selenskyj warf Moskau vor, damit gegen die von Trump erwirkte Teilwaffenruhe verstoßen zu haben. „Es war ein Vorschlag der USA: während der diplomatischen Verhandlungen und bei solch kaltem Winterwetter die Angriffe auf die Energieversorgung einzustellen. Es war eine persönliche Bitte des Präsidenten der Vereinigten Staaten“, sagte Selenskyj abends in seiner Videobotschaft. Russland habe auf diese Bitte mit einer Rekordzahl eingesetzter Raketen reagiert.
Der ukrainische Präsident verlangte eine Reaktion aus Washington. Absagen will die Ukraine die Gespräche nicht, weil sie für künftige Sicherheitsgarantien auf Trumps Wohlwollen angewiesen ist. Moskau wiederum stellte die Angriffe als Reaktion auf ukrainische Attacken auf zivile Ziele in Russland dar.
Trump: Putin hat sein Wort gehalten
Trump machte am Dienstag (Ortszeit) vor laufenden Kameras klar, dass er in den russischen Luftangriffen keinen Verstoß gegen seine Absprache mit Putin sieht. Der Kremlchef habe sein Wort gehalten und eine Woche lang auf Angriffe verzichtet, sagte Trump. Am 29. Januar hatte der US-Präsident verkündet, Putin habe seiner Bitte um eine begrenzte Waffenruhe von einer Woche zugestimmt - ohne dabei auszuführen, ab wann dieser Verzicht gelten solle.

Nato-Generalsekretär Rutte sagte der Ukraine Solidarität zu. Foto: Sergei Grits/AP/dpa
Delegationen aus Kiew, Moskau und Washington
Angeführt wird die ukrainische Delegation in Abu Dhabi erneut vom Sekretär des Sicherheitsrates, Rustem Umjerow. Auch die russische Delegation bleibt nach Angaben aus dem Kreml unverändert. Für Moskau nahmen im Januar der Leiter des Militärgeheimdienstes, Igor Kostjukow, und andere Generäle teil.
Die weitgehend vor der Öffentlichkeit abgeschirmten Gespräche sollen bis Donnerstag dauern. Dabei wird kein Durchbruch erwartet. Zwischen den Militärvertretern beider Kriegsparteien könnte es aber unter anderem um einen weiteren Austausch von Gefangenen gehen.
Das Weiße Haus bestätigte, dass der US-Sondergesandte Steve Witkoff sowie Trumps Schwiegersohn Jared Kushner an dem Treffen teilnehmen werden. Trump versuche, „das Unmögliche möglich zu machen“ und den Krieg zu beenden, sagte seine Sprecherin Karoline Leavitt.
Tote in Saporischschja, Stromausfall in Belgorod
Am Abend vor den Verhandlungen tötete ein weiterer russischer Drohnenangriff auf die südukrainische Stadt Saporischschja nach örtlichen Angaben mindestens zwei Zivilisten. Gebietsgouverneur Iwan Fedorow sprach von einem 18-jährigen Mann und einer gleichaltrigen Frau. Außerdem seien acht Menschen verletzt worden.
Auf russischer Seite verursachte ukrainischer Raketenbeschuss laut Medienberichten einen Stromausfall in der grenznahen Großstadt Belgorod. Demnach wurden zwei Umspannwerke getroffen. Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow sprach auf Telegram von Schäden an der Infrastruktur. Die Ukraine verteidigt sich seit fast vier Jahren gegen eine russische Invasion und beschießt dabei auch Ziele im Land des Angreifers.
Rotes Kreuz warnt vor lebensbedrohlicher Lage in Kiew
In der Drei-Millionen-Stadt Kiew hat der neuerliche russische Angriff die Lage für die Bevölkerung noch einmal verschärft. Das Deutsche Rote Kreuz sieht dort zunehmend lebensbedrohliche Zustände. „Bei zweistelligen Minusgraden müssen viele Menschen seit Tagen ohne Heizung und Strom ums Überleben kämpfen“, sagte der Leiter der internationalen Zusammenarbeit des DRK, Christof Johnen, der „Augsburger Allgemeinen“.
„Die Kälte kann besonders für besonders verletzliche Bevölkerungsgruppen wie kranke, ältere oder obdachlose Menschen sogar lebensgefährlich werden“, warnte Johnen. Die Gefahr verschiedener Krankheiten wachse durch die Überlastung des Immunsystems. Das DRK verstärke seine Hilfslieferungen.
Nato-Generalsekretär Mark Rutte besuchte Kiew und bekam von Ministerpräsident Denys Schmyhal eine Folge des jüngsten Angriffs gezeigt - ein zerstörtes Heizkraftwerk, das sonst etwa 1.100 Wohnblocks versorgt. „Kein militärisches Ziel - die Angriffe sollen nur die Menschen leiden lassen“, schrieb Rutte im Netzwerk X.
Macron: Europa knüpft Gesprächsfaden nach Moskau
Neben dem Gesprächsstrang zwischen den USA und Russland bereitet auch Europa nach Angaben von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine Wiederaufnahme direkter Gespräche mit Moskau vor. Der französische Staatschef betonte zwar, dass die jüngsten russischen Angriffe auf die Ukraine keine wahre Bereitschaft erkennen ließen, über Frieden zu verhandeln. Doch man bereite den Dialog für den Tag danach vor. „In diesem Rahmen ist es tatsächlich wichtig, dass die Europäer ihre eigenen Gesprächskanäle wiederherstellen“, sagte Macron. „Das wird aus technischer Sicht vorbereitet.“