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24-Stunden-Reportage: Wenn die Uhr 4 schlägt

Die Orgel in St. Cosmae vermag zu faszinieren: (von links) Jakob, Kirchenmusikstudent Tjark Finne, Papa Alexander Schoof und der orgelbegeisterte Lenny, die alle um Punkt vier in der Kirche saßen. Fotos: Stief

Die Orgel in St. Cosmae vermag zu faszinieren: (von links) Jakob, Kirchenmusikstudent Tjark Finne, Papa Alexander Schoof und der orgelbegeisterte Lenny, die alle um Punkt vier in der Kirche saßen. Fotos: Stief

Punkt vier geht es los. Und darum heißt die Orgelvorführung, die den Sommer über immer donnerstags um 16 Uhr beginnt, auch „OrgelPunkt vier“. Als die Turmuhr von St. Cosmae schlägt, wird es still im Kirchenschiff. Na ja, fast.

Von Wilfried Stief Donnerstag, 19.07.2018, 19:30 Uhr

Der kleine Lenny hüpft ungeduldig zwischen Vater und Großmutter hin und her und will wissen, wann es endlich losgeht. Lenny muss seine Ungeduld nicht lange zügeln. Als die Stader Kirchenglocken verklungen sind, tritt Tjark Finne vor die Besucher und stellt sich vor. Student der Kirchenmusik ist er, Orgel studiert er bei Martin Böcker, der seit 1987 Kantor und Organist an St. Cosmae ist, und normalerweise dort steht, wo Tjark Finne nun spricht. Außer Böcker hat Urlaub, so wie an diesem Tag.

40 Besucher haben den Weg in die Kirche gewählt. In legerer Freizeitkleidung sitzen sie in den Bankreihen und lassen die große Kirche und den imposanten Altar auf sich wirken. Die Orgel haben sie in ihrem Rücken. Lennys Ungeduld zum Trotz erklärt Tjark Finne sein Programm und dann geht es los. Der junge Organist geht Richtung Orgel – und Lenny darf mit. Was für ein Glückstag für den kleinen Orgelfan.

Die Huß/Schnitger-Orgel in St. Cosmae ist ein gigantisches Instrument, dessen Pfeifen bis an die Kirchendecke reichen. Irgendwo da oben nimmt Tjark Finne Platz und Lenny darf von ganz dicht zugucken. Es rumpelt ein bisschen, es sind wohl die Register, die gezogen werden. Die Zuhörer warten ganz still, Köpfe senken sich, andächtige Stille zu Ehren der Orgel.

Tjark Finne hat alle Register gezogen. Ein Präludium und eine Fuge von Johann Sebastian Bach zeigen, zu was das Instrument fähig ist. Der Organist verwendet das „organum plenum“, also die volle Orgel und greift gekonnt in die Tasten. Die Besucher bekommen Töne zu hören, die schon das Publikum von 1688 beeindruckt haben.

Die Orgel hat viel erlebt: Berendt Huß und Arp Schnitger erbauen sie in sieben Jahren, Vincent Lübeck wird 1675 erster Organist. Ein Emporenpfeiler sackt ab, also muss Arp Schnitger nochmal ran und schließt die Arbeiten 1688 ab. Später wird repariert, ein Glockenspiel eingebaut, die Pfeifen umgesetzt und tiefer gestimmt – die Pfuscherei geht los. Doch es kommt noch viel schlimmer: Deutschland braucht Metall für Kriegszwecke und kassiert die zinnernen Pfeifen 1917 ein. 1919 werden die einkassierten Prospektpfeifen ersetzt – durch billige Zinkpfeifen. 1975 ist dann ein Jubeljahr: Die Orgel wird umfassend restauriert und steht da wie 1688. Und genau so wie damals klingt sie auch heute.

Tjark Finne ist in der Mitte seines Programms angekommen. Ein Präludium in e von Nicolaus Bruhns erfüllt die Kirche. Es ist ein typisches Stück für die Norddeutsche Orgelschule mit großen Pedalsoli, in denen der Organist zeigen kann, wie virtuos er mit seinen Füßen spielen kann. Außerdem gibt es Echo-Passagen, in denen es klingt, als ob manche Pfeifen der Orgel rufen würden und andere ganz leise aus der Ferne antworteten. Der Beifall am Ende des kleinen Konzerts setzt etwas zaghaft ein, dann trauen sich alle.

Pfeifen bis zur Decke: Die Huß/Schnitger-Orgel ist ein imposantes Instrument.

Auch Johanna und Jakob sind begeistert. Die beiden sind zu Besuch bei den Großeltern in Stade und die hatten den Besuch vorgeschlagen. Ein guter Vorschlag wie sich herausstellt. „Wir spielen im Schulorchester“, verraten die an Musik interessierten Jugendlichen. Johanna spielt Geige, Jakob Trompete. Eigentlich hat Tjark Finne nicht viel Zeit, weil er in Hamburg das Abschlusskonzert einer Orgelstudentin um 18 Uhr mitbekommen will. Aber für den Nachwuchs nimmt er sich doch einige Minuten und führt die kleine auserwählte Gruppe zur Orgel hinauf. Nun wird aus der Orgelvorführung doch noch eine Orgelführung.

Jakob nimmt schon mal auf der Bank vor der Orgel Platz und spielt eine einfache Melodie. Tjark Finne unterlegt sie mit Akkorden. Die ganze Kirche ist erfüllt vom Klang und alle sind begeistert. Wo er, Tjark Finne, denn übe, lautet eine Frage. Er spiele fast nur noch in Kirchen, sagt der Kirchenmusikstudent. Zwei Kirchenschlüssel hat er, also auch die Auswahl. Eine Kirchenorgel sei wie ein ganzes Orchester, das gelte auch für kleinere Dorfkirchen, nur eben in kleinerem Maß.

Im Michel? Ja, da habe er auch schon gespielt. Dort aber setze der Ton mit einer zeitlichen Verzögerung ein. Hier, in St. Cosmae, sei das nicht der Fall. Dort könne der Spieler den angespielten Ton sofort in den eigenen Fingern spüren. Lenny ist begeistert. Ganz dicht steht er an der Orgel, bei den Tasten für die tiefen Töne. Kirchen seien für seinen Sohn sehr spannend, verrät Vater Alexander Schoof. Dass er Orgeln liebt, liegt wohl an dem Indie-Rock-Album, das er neulich gehört hat.

Tjark Finne muss los, die Bahn nach Hamburg wartet nicht. Aber das macht nichts. Alle sind zufrieden und kommen gerne wieder. An irgendeinem Donnerstag – bis zum 30. August – um Punkt vier.

Der Norden Niedersachsens ist mit seinem weltweit einmaligen Bestand von 250 historischen Orgeln aus sechs Jahrhunderten die reichste Orgellandschaft der Welt. Der Verein Nomine hat sich das Ziel gesetzt, die Orgellandschaft umfassend zu erforschen, lebendig zu halten und weltweit zu vermitteln. Den Werken der Orgelbauer aus und in dieser Region, insbesondere Arp Schnitger (1648 bis 1719), wird besondere Beachtung gewidmet. Die Orgelakademie Stade ist ein aktiver Teil dieses Netzwerks.

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die Folgen:

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