TNach Elternprotest: Kultusminister erläutert Gründe für Lehrermangel
Grant Hendrik Tonne (SPD), Kultusminister Niedersachsen. Foto: Stratenschulte/dpa
An vielen Schulen im Kreis Stade rumort es: Eltern sind nicht mehr bereit, die Auswirkungen des Lehrkräftemangels hinzunehmen. Auf die Frage, was Kultusminister Grant Hendrik Tonne dagegen tun will, antwortete er am Rande seines Besuchs in Stade.
Lehrkräftemangel gibt es an vielen Schulen im Kreis Stade. Die Folge: Unterricht fällt aus oder muss, wie an der Rosenborn Grundschule in Harsefeld, im Homeschooling erteilt werden. Wie berichtet, haben die Harsefelder Eltern einen Brandbrief an den niedersächsischen Kultusminister Grant Hendrik Tonne abgeschickt. Und auch in anderen Gemeinden des Landkreises rumort es unter Eltern. An der Förderschule Ottenbeck beispielsweise ist der Personalmangel seit Jahren bekannt. Wie eine Leserin berichtet, befinden sich in diesem Schuljahr alle Klassen in Kurzbeschulung. Die Hauptverwaltungsbeamten sind alarmiert und wollen in der Sache aktiv werden.
Was der Minister gegen den Personalmangel unternimmt
Was er gegen den Lehrkräftemangel tun wolle, hat das TAGEBLATT Tonne anlässlich seines Besuchs in Stade gefragt, wo er am Donnerstag Förderbescheide über Gelder aus dem Digitalpakt Schule an Schulleitungen übergab. „Wir haben zwei Einstellungsrunden pro Jahr und im Laufe der Legislaturperiode jedes Mal mehr Lehrkräfte eingestellt als abgegeben“, sagt Tonne. Der positive Saldo liege bei etwa 3000. Aber weshalb scheint sich der Fachkräftemangel trotzdem zu verschärfen?
„Wir verzeichnen einen enormen Anstieg an Zusatzbedarfen“, sagt er. Der Grund sei eigentlich ein schöner: ungewöhnlich viele Schwangerschaften und Elternurlaube. Die Kehrseite: Dadurch stünden mehr als 15 000 Lehrkräftestunden nicht zur Verfügung. Das entspricht mehr als 500 Vollzeitstellen. Wie viele Lehrkräfte in Niedersachsen fehlen, sei schwer zu sagen: „Ganz genau ist das Defizit nicht zu beziffern.“ Wie berichtet startete das Schuljahr 2021/2022 in Niedersachsen am Stichtag 16. September mit einer Unterrichtsversorgung von 97,4 Prozent. Die GEW geht davon aus, dass für eine Versorgung mit Vertretungsreserve 107 Prozent notwendig wären.
Rosenborn Grundschule wird Ganztagsschule
Tonne argumentiert außerdem, dass die heutige Lehrkräfteversorgung einer Versorgung von 117 Prozent vor 20 Jahren entsprechen würde. Denn seither sind Ganztagsschule und Inklusion eingeführt worden, durch die zusätzliche Bedarfe entstehen. Die wird es bald auch in Harsefeld geben: Die Grundschule am Rosenborn ist eine von 25 Schulen in Niedersachsen, die zu Ganztagsschulen werden sollen. Die Genehmigung hat das Kultusministerium am Freitag stolz bekanntgegeben. Woher die zusätzlichen Lehrerstunden für den Ganztag kommen sollen, fragen sich aber nicht nur die Eltern in Harsefeld. In der Förderschule Ottenbeck beispielsweise, die längst Ganztagsschule ist, kann der Unterricht in diesem Schuljahr nicht ganztags erteilt werden, wie Eltern beklagen – wegen des Personalmangels, den es dort seit Jahren gibt.
Tonnes Ideen dazu: „Wir werden bei den Stellen nachbessern, aber auch bei der Anerkennung ausländischer Studienabschlüsse.“ Auch Quereinsteigern soll der Zugang zum Lehrberuf erleichtert werden, sagt der Kultusminister. Außerdem will er die Eingangsbesoldung von Grund-, Haupt- und Realschullehrkräften von A12 auf A13 anheben, um den Beruf attraktiver zu machen. Hamburg hat das gerade getan.