TEr schützt das Hinterland vor Hochwasser
Marcel Dreyer auf der Arbeitsplattform des Oste-Sperrwerks. Im Hintergrund ist eins der fünf Maschinenhäuser zu sehen. Fotos: Helfferich
Auf dem Leitstand im Oste-Sperrwerk Neuhaus sitzt Marcel Dreyer. Acht Monitore geben ihm den Rundumblick auf die Wasserstraße. Er sorgt dafür, dass Segler auf der Oste zur Elbe finden und macht Radfahrer glücklich, wenn die Brücke heruntergefahren ist. Sein eigentlicher Job ist knallhart.
Ruhig liegt die Oste an diesem Vormittag. Fast spiegelglatt ist das Wasser. Im Auf und Ab der Gezeiten ist der Scheitelpunkt fast erreicht: Die Elbe drückt auflaufend in die Mündung. Stillstand im Oste-Fluss. Es ist Dienstagvormittag. Glück für die Radfahrer. Die Brücke ist geschlossen, also frei für den Straßenverkehr.
Im Sommer bestimmen Touristen mit schwerbepackten Rädern das Bild auf Monitor zwei. Sie radeln auf dem Elbe-Radweg und sind froh über die direkte Verbindung über die Oste. Wenn denn die Brücke geschlossen ist, also befahrbar. Das ist sie nur an fünf Tagen die Woche. Freitags und montags bleibt sie offen für den Schiffsverkehr und damit unpassierbar für Radler und Autofahrer – was öfter mal für Ärger sorgt. Dann müssen sie einen Umweg von 14 Kilometern fahren.
Sperrwerk nach 62er-Flut gebaut
„Manchmal rufen mich Radfahrer im Büro in Cuxhaven an, wenn sie vor verschlossener Schranke stehen“, erzählt Philipp Kiss. Er ist Außenbezirksleiter für den Bereich Cuxhaven beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Elbe-Nordsee. Seine Telefonnummer ist auf der Homepage des Elbe-Radwanderwegs zu finden.
Marcel Dreyer im Sperrwerk-Leitstand . Acht Monitore geben ihm den Rundumblick.
„In erster Linie sind wir für das Hochwasser zuständig und nicht für die Brücke“, sagt Marcel Dreyer, „wir schützen das Hinterland vor dem Wasser.“ Das Sperrwerk wurde nach der 62er-Sturmflut gebaut. Im Trockenen, wie Dreyer erzählt, denn früher lag das Bett der Oste dort, wo jetzt der Ostesee liegt. Nach Fertigstellung des Sperrwerks 1968 wurde die Oste verlegt. Der Altarm ist nur noch über ein Priel mit dem Fluss verbunden.
Die Straße, die direkt am alten Winterdeich von Balje-Hörne über die Oste zum Natureum und weiter nach Neuhaus im Landkreis Cuxhaven führt, sei im Grunde keine offizielle Straße, erzählt Dreyer weiter. Sie wurde in den 60er-Jahren für den Betrieb des Sperrwerks gebaut und wird als Deichverteidigungsweg genutzt. Damit sie auch von Touristen und Natureum-Besuchern befahren werden kann, gibt es eine Vereinbarung mit dem Landkreis Stade, der sich finanziell an den Betriebskosten beteiligt.
Stemmtore wiegen 75 Tonnen
Marcel Dreyer ist gelernter Wasserbauer und arbeitet seit 2006 beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Elbe-Nordsee. Wehrgehilfe heißt sein Job. Das hört sich nach nichts an. Doch: „Wir sind diejenigen, die bei Schietwetter rausfahren und das Hinterland vor Überflutung retten und täglich dafür sorgen, dass alles funktioniert“, sagt er. Er und seine drei Kollegen halten das Sperrwerk zu jeder Zeit einsatzbereit. Sie warten die Elektromotoren, reinigen und schmieren die Ketten, lassen die Tore probelaufen. Manche Arbeiten müssen vom Boot aus verrichtet werden. „Oft sind wir mit zwei, drei Leuten hier, wegen der Arbeitssicherheit und damit einer den Brückendienst gewährleisten kann.“
Das Sperrwerk besteht aus fünf Öffnungen mit einer Breite von je 22 Metern. In den beiden rechten und linken Öffnungen sind riesige, 70 Tonnen schwere halbrunde Segmente eingebaut. Insgesamt acht, je zwei – außendeichs und binnenseitig – pro Öffnung. Wie Flügel schweben sie mit der Öffnung nach unten über der Oste. Im Mittelteil sind Stemmtore montiert. Jedes wiegt 75 Tonnen. „Im Ernstfall fahren wir zuerst die Stemmtore bis zu 70 Prozent zu, dann die äußeren östlichen und westlichen Segmente, kurz darauf die mittleren. Dadurch wird der Wasserdruck verteilt“, erklärt Dreyer, „am wenigsten können die Stemmtore ab.“
An diesem Vormittag lässt er die äußeren Segmente probelaufen. Ein Knopfdruck und ein Rauschen erfüllt den Leitstand. Die riesigen Segmente drehen sich zur Mündung, tauchen ins Wasser ein, bis das Tor aufsetzt. „Da passt keine Flunder mehr durch“, sagt Außenbezirksleiter Kiss. Acht Minuten dauert es, bis die Segmente geschlossen sind. „Insgesamt zehn Minuten, wenn alles gut läuft“, so Kiss.
Ein Boot ist eine seltene Abwechslung
11.25 Uhr: Per Funk meldet sich ein Segelboot, das die Oste runterfährt. Der Mast ist zu hoch, um unter der geschlossenen Brücke durchzupassen. Marcel Dreyer geht zum Arbeitstisch des Leitstandes, schaut über den Monitor, ob sich Passanten auf der Brücke aufhalten. Dann schaltet er die Ampel auf Rot, mit dem nächsten Knopfdruck schließen sich die Schranken. Ein letzter Blick aus den Fenstern, Kontrollblick auf die Monitore und mit einem weiteren Knopfdruck fahren die beiden Spannbeton-Teile der Klappbrücke hoch. Erst als die Brücke komplett geöffnet ist, schaltet Dreyer das Signal für den Schiffsführer auf Grün. Das Segelboot passiert unter Motorantrieb die Brücke. Doch Dreyer wartet, bis das Boot deutlich aus dem Sperrwerksbereich ist. Eine Vorsichtsmaßnahme. „Es fährt gegen die Strömung. Es könnte ja der Motor ausfallen, sodass das Boot zurücktreibt“, erklärt er. Noch ein Kontrollblick, dann drückt Dreyer auf „Brücke schließen“, „jetzt geht alles automatisch“.
Ein Segelboot fährt durch die nun geöffnete Sperrwerksbrücke.
Eine seltene Abwechslung. Unter der Woche sind wenige Boote unterwegs. Überhaupt sei es im Sommer recht ruhig, erzählt der Wehrgehilfe. Doch letzten Monat musste er nachts raus. Am 29. Juli gab es Hochwasseralarm. „Aber es lief dann nicht so hoch auf, dass wir schließen mussten.“
Von den vier Kollegen sind zwei nachts in Rufbereitschaft. Wenn vom Pegel Steubenhöft in Cuxhaven 7,20 Meter gemeldet wird, müssen die Sperrwerksmitarbeiter raus. „Dann dauert es noch eine Stunde, bis die Flut hier ist“, so Dreyer, „und wir müssen innerhalb einer halben Stunde am Sperrwerk sein.“ Bei einem Pegelstand von 7,40 Metern wird das Oste-Sperrwerk geschlossen. Im Schnitt kommt das 17 mal pro Jahr vor. „Das variiert zwischen zwei, drei bis 60 Schließungen im Jahr“, sagt Kiss. In seinen 53 Betriebsjahren wurde das Sperrwerk 916 mal geschlossen.
"Zu geht immer"
Das Sperrwerk ist höher als der Landesschutzdeich. „Es würde erst bei einem Wasserstand von 11,36 Metern überlaufen“, sagt Kiss. Der Deich bei Balje ist 8,45 Meter hoch. Der bisherige Höchststand wurde acht Jahre nach Inbetriebnahme des Sperrwerks gemessen: Am 3. Januar 1976 stand der Pegel in Neuhaus bei 10,74 Metern, 4,20 Meter über dem mittleren Hochwasser.
Bei Hochwasseralarm müsse als Erstes die Brücke geschlossen werden, damit die Sperrwerkmitarbeiter die fünf Maschinenhäuser – eines pro Öffnung – erreichen können, erzählt Marcel Dreyer. Er schließt eines der Häuschen auf und zeigt den Elektormotor, der die Segmente antreibt. Sie werden über eine Antriebswelle an dicken Ketten heruntergelassen. Damit alles wie geschmiert läuft, müssen die Ketten regelmäßig gereinigt und geölt werden. Heizungen in den Drehlagern verhindern im Winter, dass diese einfrieren.
Wenn es zu einem Stromausfall kommt – bei Sturm durchaus möglich –, springen Diesel-Notstromaggregate an. Vier Luftsäcke hinter den Stemmtoren und zwei mobile Hydraulikpumpen ermöglichen eine rasche Notschließung. „Wenn alle Stricke reißen, können wir auch alles von Hand fahren“, versichert Kiss, „zu geht immer.“ Wie beruhigend.
Inzwischen ist Mittagszeit. Das Wasser der Oste hat den Scheitelpunkt überschritten und strömt nun zügiger der Elbe zu. Die Wolken spiegeln sich im Wasser. Ein laues Lüftchen weht. Von Gefahr keine Spur.
Die 24-Stunden-Reportage
Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:
- Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT
- Teil 2: In der Rettungsleitstelle
- Teil 3: Auf Stadersand
- Teil 4: In der Intensivstation
- Teil 5: Beim Brötchen-Imbiss
- Teil 6: Im Molkerei-Tankwagen
- Teil 7: Krafttraining beim BSV
- Teil 8: Packen des Verkaufswagens
- Teil 9: Der Spül- und Saugwagen
- Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit
- Teil 11: 1000 Essen in der Küche
- Teil 12: Im Oste-Sperrwerk
- Teil 13: Beim Mittagstisch
- Teil 14: Auf der Greundiek
- Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei
- Teil 16: Beim Minigolf
- Teil 17: Die DJ’s von der Elbe
- Teil 18: Beim Streetworker
- Teil 19: Beim Strandwächter
- Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund
- Teil 21: Am Lühe-Anleger
- Teil 22: Katzen fangen
- Teil 23: Kneipen-Kehraus
- Teil 24: Der letzte Zug
Alle bereits erschienenen Teile unter: www.tageblatt.de/24stunden
Der Blick aus dem Leitstand auf die geöffnete Sperrwerksbrücke .