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24-Stunden-Reportage: Der Herr der Staus

Andree Poggendorf ist Leiter der Tunnelzentrale. Das Bild zeigt ihn im Lageraum. Foto Sonnleitner

Andree Poggendorf ist Leiter der Tunnelzentrale. Das Bild zeigt ihn im Lageraum. Foto Sonnleitner

Andree Poggendorf steht immer noch unter Strom. Doch der reibungslose Tunnelverkehr ist bald wieder hergestellt. Donnerstag, 17 Uhr, um 14.47 Uhr hat ein Autotransporter in der vierten Röhre des Elbtunnels gequalmt, fast zeitgleich ist ein Pkw in der dritten Röhre liegengeblieben.

Von Martin Sonnleitner Freitag, 20.07.2018, 18:00 Uhr

Noch geht es auf der Autobahn A 7 Richtung Süden kilometerweit schleppend voran. Doch wenn es chaotisch zu werden droht, schlägt Poggendorfs Stunde. Er und sein Team, pro Schicht bestehend aus zwei Technikern, einem Feuerwehrmann und zwei Polizisten, arbeiten auf Hochtouren.

Rund um die Uhr wird der Verkehr im und um den Elbtunnel hier, in der Tunnelbetriebszentrale, in einem grauen Schieferkasten mit blauschwarzen Fenstern, überwacht, gesteuert und geregelt. Noch leuchten auf einem der vielen Bildschirme die entscheidenden Stellen, wo im Tunnel noch gearbeitet wird oder Stau herrscht, rot auf, doch schon bald wird der Verkehr in diesem Nadelöhr des Autoverkehrs, der den Norden und den Süden verbindet, wieder reibungslos fließen. Im dunklen, 3,325 Kilometer langen Unterwasserbauch, tief unter der Elbe, der einerseits mysteriös und auch angsteinflößend wirken kann, andererseits zum Alltag vieler Hamburger mit Auto gehört, wie Michel, Mö und Hafenkante.

Das Bild kennen und fürchten die Autofahrer. Eine Röhre des Tunnels ist gesperrt und sofort staut sich der Verkehr.

120.000 Fahrzeuge sausen hier in beide Richtungen jeden Tag durch, 70.000 davon sind Lkw-Verkehr. In den Sommerferien habe man 10.000 bis 15.000 Fahrzeuge weniger, sagt Poggendorf. Trotz Feierabendtaktung hatte er eine eher ruhige Abendschicht erwartet, doch kann in seinem Job, der dem eines Troubleshooters gleichkommt, nichts geplant werden. Jede Röhre wird vom Lageraum aus mitten in Othmarschen, in einem direkt unter den vier Röhren, auf 16 Monitoren auf einer Riesenwand überwacht. Insgesamt 64 Kameras sind im Elbtunnel also installiert.

„Unser Auftrag ist es, für einen sicheren Tunnelbetrieb zu sorgen“, betont Poggendorf, der insgesamt ein Team von 56 Mitarbeitern führt, davon arbeiten zwölf in der Tunnelbetriebszentrale. Wird ein Alarm ausgelöst oder ein Fehler auf einem der Monitore erkannt, wird schnell gehandelt. Ein Tunnelbetriebswart war, wie jetzt beim Unfall, innerhalb kürzester Zeit vor Ort. „Erst wird ein Unfall erkannt, dann die Spur oder ganze Röhre gesperrt“, erklärt der 56-Jährige, der trotz seiner minutiösen Taktung sehr aufgeräumt und gelassen wirkt. Ölflecken werden mit Bindemittel bearbeitet, anschließend kommt ein Besenwagen. Auch die Polizei und Feuerwehr sind in permanenter Einsatzbereitschaft. An beiden Seiten des Tunnels gibt es Feuerwehrwachen, „ein Polizeiwagen steht uns permanent zur Verfügung“, so Poggendorf. Auch die Rauchabzugsröhren wurden vorhin in Gang gesetzt.

Ein Polizist zeigt mit seinem Stift auf eine bestimmte Stelle auf seinem Einzelmonitor. Jedes Bild kann auf den Plätzen direkt vor der Bildschirmwand vergrößert werden. Der Stau von sechs Kilometern Länge ab Schnelsen verringert sich gerade merklich. Techniker Thorsten Mende, der heute Dienst hat, muss gerade die Reinigungsaufgaben koordinieren, auch die Betriebsmessgeräte werden überwacht. Rauchwarnung und Auslösung der Höhenkontrolle bei zu hohen Lkw sind hierbei die wichtigsten Parameter, auch für genügend Frischluft im Tunnel muss gesorgt werden.

Auch die Baustellenüberwachung unterliegt der Hoheit der Tunnelbetriebszentrale. Jede Nacht werden ein oder zwei Röhren gesperrt und wichtige Baumaßnahmen getroffen. Das höchste Verkehrsaufkommen herrscht morgens bis 9 Uhr und abends zwischen 16 und 19 Uhr. Man habe eigentlich mit ruhigeren Tagen wegen der Ferien gerechnet, sagt Poggendorf und schaut auf einem Monitor nach, wie sich die Lage auf das südliche Ende des Tunnels auswirkt. Bis einen Kilometer gen Süden wird hier auch hinter dem Tunnel erfasst, auf dem Bildschirm ragt der Containerbereich auf. Trotz umfangreicher Kontrolle liege das Geschehen „in Gottes Hand“, sagt Poggendorf nüchtern, Unglücke und Unfälle könne man nie wirklich vorhersehen oder beeinflussen, nur das Risiko minimieren. „Ein Elend zieht das andere hinterher“, erläutert er. Umso mehr müssen er und sein Team das große Ganze im Blick haben.

Neue Techniken helfen dabei. „Was in den Siebziger Jahren beim Bau des Elbtunnels mit analoger Steuerung gemacht wurde, wird 2018 mit digitaler Technik umgesetzt“, sagt er. So gibt es eine sogenannte Schleifendetektion, mit der ein automatischer Fingerabdruck eines Autos erstellt werden kann. Poggendorf: „Wenn dieses in der Mitte des Tunnels nicht mehr ermittelt werden kann, gucken wir, wo es geblieben ist.“ Schnell ist der gelernte Elektroingenieur wieder im Moment. Es ist 18 Uhr, sämtliche Röhren sind wieder freigegeben. Es wird noch weitere anderthalb Stunden dauern, bis der Verkehr wieder normal fließt.

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die Folgen:

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