Millionen Fahrgäste müssen wegen Warnstreiks improvisieren
Die Warnstreiks im Nahverkehr bekommen vor allem Pendler, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern zu spüren. Foto: Marijan Murat/dpa
Stillstand bei Bus und Bahn: Warnstreiks legen den Nahverkehr in Deutschland lahm. Als einziges Bundesland fährt Niedersachsen - aus kuriosem Grund.
Berlin. Der öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) steht in großen Teilen Deutschlands durch einen ganztägigen Warnstreik still. Busse, Straßen- und U-Bahnen bleiben bei vielen kommunalen Verkehrsunternehmen infolge des Arbeitskampfes in den Depots. Betroffen sind nahezu alle 16 Bundesländer, wie Verdi mitteilte. Lediglich Niedersachsen ist den Angaben nach zunächst ausgenommen.
Hintergrund ist der Stand der Tarifverhandlungen im kommunalen Nahverkehr. In Niedersachsen läuft der geltende Tarifvertrag noch – deshalb sind Maßnahmen des Arbeitskampfes derzeit ausgeschlossen. Diese Friedenspflicht untersagt Streiks während der Laufzeit eines Tarifvertrags und soll beiden Seiten Planungssicherheit geben. Die Kündigung des Tarifvertrags sei den Arbeitgebern in Niedersachsen zu spät zugestellt worden, teilte ein Verdi-Sprecher des Landesbezirks Niedersachsen-Bremen mit. Der Grund dafür sei ihm unbekannt. Daher gelte die Friedenspflicht noch bis zum 31. März.
Der Warnstreik ist Teil der laufenden Tarifverhandlungen für die Beschäftigten im kommunalen Nahverkehr. Foto: Henning Kaiser/dpa
Außerhalb Niedersachsens wurde es für Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer stressig - sie müssen trotzdem pünktlich am Arbeitsplatz erscheinen. Und für Eltern ebenso: Auch Schülerinnen und Schüler können nicht einfach zu Hause bleiben. Dazu kommt das Wetter: In einigen Regionen drohen laut den Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) weiter gefrierender Regen und Straßenglätte.
Züge der Deutschen Bahn nicht betroffen
Die Regional- und S-Bahnen der Deutschen Bahn fahren derweil ohne Einschränkungen. „Die S-Bahnen in Berlin, Hamburg, München, Stuttgart, Köln, Nürnberg, Rhein-Main und der Regional- und Fernverkehr der DB werden als Unternehmen nicht von Verdi vertreten und sind daher von dem Streik nicht betroffen“, teilte der bundeseigene Konzern mit.
In den Tarifverhandlungen, die in allen 16 Bundesländern meist mit den Kommunalen Arbeitgeberverbänden geführt werden, fordert Verdi insbesondere deutlich bessere Arbeitsbedingungen - etwa durch kürzere Wochenarbeitszeit und Schichtzeiten, längere Ruhezeiten, aber auch durch höhere Zuschläge für Arbeit in der Nacht und am Wochenende.

Die Regional- und S-Bahnen der Deutschen Bahn fahren ohne Einschränkungen - wie hier am Bahnhof Gesundbrunnen in Berlin. Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Die arbeitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Annika Klose, sagte im RTL/ntv-„Frühstart“: „Man muss sich mal anschauen, was leisten die Kolleginnen und Kollegen im öffentlichen Personennahverkehr jeden Tag: Die bringen uns jeden Tag zur Arbeit, zur Schule und so weiter und so fort.“ Gerade an einem Streiktag wie heute führe das noch mal vor Augen: „Was wäre denn, wenn diese Kolleginnen und Kollegen nicht da wären und das nicht machen würden?“
Hohe Belastungen durch die Schichtarbeit im Fahrdienst
„Wenn wir nicht für bessere Arbeitsbedingungen streiken, werden die Jobs so unattraktiv bleiben, dass wie wir das in den letzten Jahren erlebt haben, nicht genug Menschen bereit sind, den ÖPNV zu gewährleisten. Dann gibt es auch keinen“, erklärte Andreas Schackert, Bundesfachgruppenleiter Busse & Bahnen bei Verdi, im ZDF-„Morgenmagazin“. Ein entscheidender Punkt seien die Belastungen durch die Schichtarbeit im Fahrdienst. „Wenn wir die Belastungen nicht attraktiver machen und die Jobs, dann werden wir auf Dauer die Menschen, die wir da jetzt suchen und finden, auch nicht halten können“, betonte Schackert.

Der Berliner Nahverkehr ist seit den frühen Morgenstunden aufgrund des Warnstreiks nahezu vollständig eingestellt. Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Was Arbeitnehmer und Schüler beachten müssen
Grundsätzlich gilt, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer selbst dafür verantwortlich sind, pünktlich im Betrieb anzukommen, sie tragen das sogenannte „Wegerisiko“. Das gilt bei Streik genauso wie etwa bei Schnee und Glätte. Heißt: Auch wenn Busse und Bahnen nicht fahren, dürfen Angestellte nicht einfach zu spät kommen. Darauf macht Volker Görzel vom Verband deutscher Arbeitsrechtsanwälte aufmerksam.
Fällt der Schulbus aus, gilt das auch nicht als Ausrede, dass das Kind nicht in der Schule erscheint. „Der Streik im Nahverkehr ändert nichts an der Schulpflicht“, sagt Wilhelm Achelpöhler, Anwalt für Verwaltungsrecht. Eltern müssen also im Falle eines Streiks nicht nur überlegen, wie sie selbst pünktlich zur Arbeit kommen, sondern auch eine Lösung finden, damit der Nachwuchs rechtzeitig in der Schule erscheint.

Am Montagmorgen standen in vielen Teilen Deutschlands - wie hier in Dresden - die Busse und Straßenbahnen still. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Für Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wurde es stressig - sie müssen trotzdem pünktlich am Arbeitsplatz erscheinen. Foto: Henning Kaiser/dpa

Gewerkschaftsmitglieder stehen vor dem Betriebshof der Erfurter Verkehrsbetriebe AG. Foto: Martin Schutt/dpa

Mit dem Ausstand soll den Forderungen zum Tarifvertrag Nahverkehr (TV-N) Nachdruck verliehen werden. Foto: Shireen Broszies/dpa

In den Tarifverhandlungen fordert Verdi insbesondere deutlich bessere Arbeitsbedingungen. Foto: Henning Kaiser/dpa