Zähl Pixel
Tierschützer jubeln

Ehemaliges LPT-Labor will Tierversuche aufgeben

Friedrich Mülln und die Soko Tierschutz hatten die massiven Tierquälereien in Mienenbüttel im Oktober 2019 aufgedeckt. In der Folge hatten wie hier in der Hamburger City bundesweit Tausende Menschen gegen Tierversuche und für die Schließung

Friedrich Mülln und die Soko Tierschutz hatten die massiven Tierquälereien in Mienenbüttel im Oktober 2019 aufgedeckt. In der Folge hatten wie hier in der Hamburger City bundesweit Tausende Menschen gegen Tierversuche und für die Schließung

Zwei Jahre nach der Schließung des Horror-Labors in Mienenbüttel stellt die Tierversuchsfirma Provivo Biosciences, vormals LPT, jetzt offenbar komplett und an allen Standorten ihre Versuche an lebenden Tieren ein. Für die Tierschützer ein Freudentag.

Dienstag, 19.10.2021, 14:50 Uhr

Seit Wochen geistern Spekulationen über ein mögliches Aus für die Tierversuchsfirma Provivo Biosciences (ehemals LPT) durch die sozialen Medien – genährt von den Beobachtungen der Mahnwächter, die noch immer unermüdlich vor dem Hauptsitz des Labors in Neugraben gewacht und bemerkt hatten, dass dort immer weniger Mitarbeiter aus- und eingehen. Eine bevorstehende Schließung des Labors, dessen Mienenbütteler Standort der Landkreis Harburg Anfang 2020 geschlossen hatte, nachdem die Soko Tierschutz dort undercover recherchiert und schwere Misshandlungen der Affen, Hunde und Katzen enthüllt hatte, hatte die Firma noch vor zwei Wochen dementiert.

Nun aber teilt Provivo Biosciences auf Nachfrage mit: „Richtig ist, dass wir beabsichtigen, die Tierversuche per Ende Januar 2022 einzustellen. Bezüglich weiterer In-vitro-Studien ist mit unseren Kunden Stillschweigen vereinbart. Somit können wir zum zukünftigen Businessmodell der Provivo Biosciences aktuell keine Auskunft geben.“ Im Klartext heißt das wohl: Sowohl in Neugraben als auch am zweiten noch verbliebenen Laborstandort der Firma im schleswig-holsteinischen Gut Löhndorf will die Firma ihre Experimente nicht mehr an lebenden Tieren ausführen, sondern nur noch in vitro, das heißt, mit tierischen Zellen im Reagenzglas Forschung betreiben.

Große Freude bei Tierschützern

Bei den Tierschützern und Tierversuchsgegnern, die bis zuletzt gegen die Tierversuche von Provivo an den verbliebenen Standorten Neugraben und Gut Löhndorf gekämpft hatten, lösen diese kargen Sätze der Firma große Freude aus. „Späte Einsicht oder Notwendigkeit nach allem, was publik wurde, nachdem das Image selbst massiv beschädigt wurde? Egal – eine großartigere Nachricht hätte dieser Tag nicht bringen können“, freut sich Sabine Brauer von der Mienenbütteler Initiative Lobby pro Tier, die viele Jahre lang gegen das Labor in Mienenbüttel gekämpft hatte.

„Zwölfeinhalb Jahre Einsatz für die Tiere beim LPT/Provivo haben sich so was von gelohnt. Niemals in dieser langen Zeit habe ich diesen Ausgang erwartet. Heute empfinde ich nur pure Freude darüber, dass künftig auch in diesen beiden Laboren kein Tier mehr zu Tode gequält wird“, kommentiert Brauer die Ankündigung der Firma.

Soko Tierschutz skeptisch

Etwas verhaltener fällt der Jubel bei der Soko Tierschutz aus. Die Soko hatte im Oktober 2019 das Leid der Versuchstiere in Mienenbüttel aufgedeckt, in dessen Folge bundesweit Tausende Menschen bei Demonstrationen gegen LPT und gegen Tierversuche auf die Straße gegangen waren. Was die Ankündigung von Provivo genau bedeute, sei noch mit Vorsicht zu genießen, sagt Soko-Chef und Sprecher Friedrich Mülln.

Wenn es aber wirklich so kommen sollte, wäre das sehr zu begrüßen und ein großer Erfolg. Auch die Soko habe mitbekommen, dass Provivo in den vergangenen Wochen offenbar Tierpfleger entlassen hat. „Wenn das kein Trick ist, ist es eine erfreuliche Wende und sollte bei anderen Unternehmen Schule machen. Wenn es ein Trick ist, werden wir es merken, und dann werden sie uns auch nicht mehr los“, sagt Mülln. Sollte das Labor tatsächlich mit den Lebendexperimenten aufhören, wäre es eine gute Geste, auch die verbliebenen Tiere wieder in die Hände von Tierschützern zu geben, wünscht sich Mülln.

Große Freude herrscht auch bei den Mahnwächtern, die nicht nachgelassen und bis heute zweimal pro Woche ihre Wache vor dem Hauptsitz in Neugraben gehalten haben. „Es ist super, wenn man hier die Tierversuche aufgibt und tierversuchsfreie Forschung betreibt. Das ist genau das, was sich alle Tierschützer gewünscht haben“, findet Mahnwächter Uwe Gast.

Wie berichtet, hatte die Stadt Hamburg nach der Schließung des Qual-Labors in Mienenbüttel der Firma LPT im März 2020 auch am Hauptsitz Neugraben die Erlaubnis zur Tierhaltung entzogen, diese aber auf Weisung des Oberverwaltungsgerichts im August wieder erlauben müssen. In Neugraben hat LPT/Provivo mit kleinen Tieren wie Ratten und Mäusen experimentiert.

Ermittlungen dauern an

Unterdessen dauern die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stade wegen des Tierqual-Skandals und der diversen angezeigten Verstöße gegen das Tierschutzgesetz im Mienenbütteler Labor weiter an. Der Staatsanwaltschaft liege jetzt ein umfangreiches Gutachten des Landesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) vor, das die Vorwürfe und Beweismittel als zuständige Fach- und Genehmigungsbehörde eingehend untersucht und geprüft habe, ob und inwieweit es in Mienenbüttel tierschutzrelevante Verstöße gegeben hat, bestätigt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Stade, Kai Thomas Breas, dem TAGEBLATT.

Den Verantwortlichen des LPT werde derzeit Gehör zu den ihnen vorgeworfenen Tierschutzverstößen gewährt, so Kai Thomas Breas. Das werde noch einige Wochen dauern. Bis Ende November soll dann feststehen, ob strafrechtliche Verstöße festzumachen sind und Anklage erhoben wird.

Weitere Artikel

Minister gibt Okay für Rettungsversuch für Wal

Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister gibt grünes Licht für den Rettungsversuch einer privaten Initiative für den bei Wismar gestrandeten Buckelwal. Das Konzept sehe eine Bergung des lebenden Tieres und einen Transport in die Nordsee und gegebenenfalls bis in den Atlantik (...).

Wolf nach Attacke in Hamburg wieder frei

Der in Hamburg eingefangene Wolf ist eine Woche nach dem Angriff auf eine Frau wieder frei. Das männliche Jungtier sei mit einem Sender ausgestattet und am Ostersonntag wieder ausgewildert worden, teilte die Umweltbehörde mit.

Rettungsversuche für Wal vor Wismar werden eingestellt

Die Rettungsversuche für den vor Wismar erneut gestrandeten Buckelwal werden eingestellt. Das Tier solle an seinem jetzigen Liegeplatz in Ruhe gelassen werden, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD), der von einem sehr emotionalen Tag sprach.

Nach Angriff: Wolf ist in Wildtierstation in Niedersachsen

Der eingefangene Wolf, der laut Behörden in Hamburg eine Frau verletzt hat, ist in eine Wildtierauffangstation in Niedersachsen gebracht worden. Dort habe er ein „neues vorläufiges Zuhause“ gefunden, sagte ein Sprecher der Umweltbehörde der Deutschen Presse-Agentur.

Umweltminister: Buckelwal sitzt wieder fest

Der vor der Ostseeküste vor Wismar gesichtete Buckelwal sitzt erneut in einer Bucht fest. Das teilten Landesumweltminister Till Backhaus (SPD) und die Umweltschutzorganisation Greenpeace bei einer Pressekonferenz mit. Er habe sich leider nicht an die Route gehalten, sagte (...).

Behörde: Erster Wolfsangriff in Deutschland seit Wiederansiedlung

In Deutschland ist Behördenangaben zufolge erstmals ein Mensch von einem Wolf angegriffen worden, seit sich dieser wieder in Deutschland ausgebreitet hat. „Es gab noch keinen solchen Fall seit der Wiederansiedlung seit 1998“, sagte eine Sprecherin des Bundesamts für Naturschutz (...).
Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.