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Ostsee

Rettungsaktion für den Buckelwal läuft – doch ein Problem bleibt

Ein Meeresbiologe schätzt die Maßnahmen, die man vorhat, grundsätzlich als vielversprechend ein.

Ein Meeresbiologe schätzt die Maßnahmen, die man vorhat, grundsätzlich als vielversprechend ein. Foto: Philip Dulian/dpa

Ein privater Investor soll den gestrandeten Wal abtransportieren, finanziert durch den Mediamarkt-Gründer. Welche Risiken es bei der Aktion gibt und die teils überraschende Chronologie des Ostsee-Buckelwals.

Von dpa Donnerstag, 16.04.2026, 15:31 Uhr

Schwerin/Wismar. Sechs Helfer nähern sich am Mittag im hüfttiefen Wasser dem bei Wismar gestrandeten Buckelwal. Sie spritzen zunächst mit den Händen Wasser auf das große Tier. Ehe sie sich wieder entfernen, legen sie ein Tuch auf den Wal, das allerdings nur einen kleinen Teil von ihm bedeckt - weitere Tücher werden folgen. Es sind die ersten Schritte einer privaten Rettungsaktion, die zahlreiche Menschen in Deutschland gebannt verfolgen.

Die Details der Pläne sind nicht öffentlich bekannt. Beim Verfolgen der Live-Streams aus großer Distanz bleiben manche Fragezeichen zurück, was die Helfer gerade genau dort machen. Die Behörden in Mecklenburg-Vorpommern hatten am Mittwoch eine private Rettungsmission genehmigt.

Demnach soll versucht werden, Luftkissen unter das Tier zu bringen und es schonend anzuheben. Dazu soll zuvor Schlick unter ihm weggespült werden. Der Wal soll dann auf einer Plane zwischen zwei Pontons gelagert und in die Nordsee beziehungsweise in den Atlantik transportiert werden. Ein Schlepper soll die Pontons ziehen.

Schweres Gerät eingetroffen

Das schwere Gerät für den wohl letzten Versuch zur Rettung des gestrandeten Buckelwals kommt um 13.30 Uhr an. Ein Konvoi von mehreren Lastwagen bringt riesige Pontons in den kleinen, von der Polizei gesperrten Hafen von Kirchdorf auf der Insel Poel. Von dort ist der Buckelwal in der Wismarer Bucht kaum noch mit bloßem Auge zu sehen. Aber er liegt dort schon den 17. Tag, schwer krank. Der Versuch, ihn lebend zu retten, ist ein komplexes und gewagtes Unterfangen.

Private Initiative übernimmt die Verantwortung für die Aktion

Umgesetzt werden soll das Konzept von einer privaten Initiative, die für die Aktion laut Umweltministerium in Schwerin die Verantwortung trägt. Ohne diesen Versuch werde der Wal in jedem Fall sterben, hatte Mediamarkt-Gründer Walter Gunz der Deutschen Presse-Agentur dpa gesagt. „Wenn man was versucht, dann hat man zumindest die Chance, dass man ihn rettet.“

Hinter dem Konzept stehen neben Gunz die Unternehmerin Karin Walter-Mommert, die aus dem Pferdesport bekannt ist. „Wir haben keine Chance, aber wir ergreifen sie“, sagte die Unternehmerin der dpa. Sie wüssten, dass der Rettungsversuch letal ausgehen könne. „Aber lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ Dann sei das die Natur. „Aber dieser Zustand jetzt ist für ganz Deutschland, für Menschen mit Empathie und Herz, unerträglich anzusehen.“

Bereits am Morgen viele Zuschauer

Etwas näher und in Sichtweite des Wals, rund zwei Kilometer von Kirchdorf entfernt, haben am Kirchseeufer schon früh am Morgen die ersten Kamerateams Position bezogen. Stundenlang tut sich wenig. „Wir müssen erst mal ins Arbeiten kommen“, sagt ein Mitglied des privat initiierten Orga-Teams. Am Anlieger in Kirchdorf, wo es Kaffee, Fischbrötchen und Backfisch gibt, verfolgen viele Menschen das Kommen und Gehen der Journalisten und Polizeiwagen.

Umweltminister Backhaus vor Ort

Auch Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) kommt zweimal am Vormittag vorbei, um Fragen von Journalisten und Bürgern zu beantworten. Der Wal habe eine Chance, sagt er. Der Wal beschäftigt Backhaus seit Wochen. Dass es einen weiteren Rettungsversuch gebe, habe damit zu tun, dass erstmals ein geeignetes ernstzunehmendes Konzept vorliege, das minimalinvasiv vorgehe.

Verantwortung liegt komplett bei privater Initiative

Zuvor sah alles danach aus, dass die Reise des Wals vor der Insel Poel enden würde. Experten hatten erklärt, dem kranken und geschwächten Tier könne nicht sinnvoll geholfen werden. Die Verantwortung für die neue Aktion liege komplett bei den Initiatoren, betonte Backhaus, auch finanziell. „Die haben unser Haus komplett freigestellt.“

Die Situation des Wals hatte zuletzt für starke Emotionen gesorgt. Von Anfeindungen und sogar Morddrohungen gegen Beteiligte war die Rede. Menschen protestierten vor Ort und drangen in einen Sperrbereich ein.

Reaktionen auf Aktion unterschiedlich

Der Meeresbiologe Boris Culik bewertet den aktuellen Rettungsversuch des vor der Insel Poel gestrandeten Buckelwals durchaus positiv. Er schätze die Maßnahmen, die man vorhabe, als sehr vielversprechend ein, sagte Culik, der früher am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel gearbeitet hat. „Also, man kann ihn damit auf jeden Fall aufschwimmen.“

Dennoch sei es eine andere Frage, ob der Wal dies überlebe, sagte Culik. Denn das Hauptproblem des Netzrestes in seinem Maul bleibe bestehen. „Wenn man ihn nicht davon befreit, wie soll er sich dann ernähren und wieder zu Kräften kommen?“

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace beteiligt sich nicht an der geplanten Rettungsaktion für den vor der Ostsee-Insel Poel gestrandeten Buckelwal: „Wir unterstützen die Rettungsaktion nicht, denn nach allen uns vorliegenden Informationen ist dieser Wal krank und stark geschwächt“, teilte eine Sprecherin auf dpa-Nachfrage mit.

Die teils überraschende Chronologie des Ostsee-Buckelwals

Seitdem beschäftigt die Geschichte des Buckelwals viele Menschen. Eine Chronologie der Ereignisse:

Sichtung im Hafen von Wismar

3. März: Der Buckelwal taucht im Hafen von Wismar auf und lockt Schaulustige an die Kaikante. Einsatzkräfte entfernen Netzreste vom Tier, allerdings nicht komplett. Auch die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd ist mit einem Schiff vor Ort. Gegen Abend schwimmt der Wal wieder Richtung Ostsee. Das Deutsche Meeresmuseum geht zunächst noch von einem Finnwal aus.

4. März: Der Wal wird wieder in der Lübecker Bucht vor Brook westlich von Wismar gesichtet. Sea Shepherd versucht, noch verbleibende Leinenreste zu entfernen. Das gelingt vom größeren Schiff „Triton“ aus aber nicht.

Rettungsaktion für den Buckelwal läuft – doch ein Problem bleibt

7. März: Nach einer Sichtung vor Scharbeutz sucht Sea Shepherd in der Lübecker Bucht erneut nach dem Wal und findet ihn gegen Abend vor Boltenhagen. Von einem Schlauchboot aus gelingt es, Netzreste zu entfernen.

8. März: Auch weiter östlich gibt es Walsichtungen. So erreichen das Deutsche Meeresmuseum Meldungen aus Westmecklenburg und Graal-Müritz östlich von Rostock und am Nachmittag aus Wustrow und Ahrenshoop.

10. März: Vor der Küste bei Steinbeck in Nordwestmecklenburg verfängt sich der Wal laut Wasserschutzpolizei in einem Fischernetz. Ein örtlicher Fischer holt das Netz ein, wobei es durchtrennt wird. Anschließend schwimmt das Tier wieder seewärts.

14. und 15. März: Am Wochenende werden Walsichtungen vor der Küste Nordwestmecklenburgs vor Warnkenhagen, Steinbeck und Boltenhagen gemeldet.

19. März: Am Abend beobachtet Sea Shepherd von der „Triton“ aus, wie der Wal vor Travemünde in die Trave schwimmt.

20. März: Nach einer Sichtung in der Lübecker Bucht bei Haffkrug und Scharbeutz wird Sea Shepherd von der Wasserschutzpolizei verständigt. Der Organisation gelingt es von einem Schlauchboot aus, einen Teil der am Tier verbleibenden Leine mit einem Spezialwerkzeug zu entfernen. Später schwimmt der Wal weiter mit Netzresten am Körper Richtung offenes Meer.

Strandung vor Timmendorfer Strand

23. März: Der Wal wird auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand entdeckt. Er sitzt im flachen Wasser fest. Danach besteht Konsens, dass es sich um einen Buckelwal handelt. Tagelange Rettungsversuche laufen an, unter anderem graben Bagger eine Rinne.

27. März: Der Wal ist befreit. Nachdem er sich am Abend des 26. März bereits ein Stück bewegt hat, liegt er am frühen Morgen des 27. März nicht mehr im Uferbereich vor Timmendorfer Strand. Stattdessen schwimmt er in der Lübecker Bucht.

Strandung in der Wismarbucht

28. März: Der Wal strandet auf einer Sandbank in der Wismarbucht südlich der Insel Walfisch.

29. März: Bei steigendem Wasserstand befreit sich der Wal in der Nacht kurzzeitig, liegt aber wenige Meter weiter in der Wismarbucht wieder auf.

30. März: Am späten Abend schwimmt der Wal wieder. Zuvor hatten Experten versucht, das Tier mit Lärm zu animieren. Der Wal schwamm anschließend laut Schweriner Umweltministerium aber in die falsche Richtung. Er wird am Hafen von Wismar gesehen, ist später aber seewärts Richtung Seebrücke unterwegs.

Strandung vor der Insel Poel

31. März: Der Buckelwal wird erneut vor Wismar gesichtet und schwimmt frei. Später sitzt er erneut fest, diesmal im Kirchsee, einem Teil der Wismarbucht, vor der Insel Poel.

1. April: Die Verantwortlichen geben die Einstellung weiterer Rettungsversuche bekannt, um den laut Experten geschwächten Wal in Frieden zu lassen.

2. April: Ein Vermessungsboot beginnt damit, die Umgebung des Wals zu erkunden, um eine spätere Bergung des Tierkörpers vorzubereiten.

Ergebnisse eines Gutachtens werden vorgestellt

7. April: Die Experten stellen gemeinsam mit Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) erste Erkenntnisse des Gutachtens zum Zustand des Wals vor. Das Tier sei „schwerstkrank“, sagt er. Die Experten verweisen auf den sich verschlechternden Hautzustand und gehen wegen des Aufliegens auch von Organschäden aus. Das Tier könne bei einer möglichen Rettungsaktion am Stress sterben.

11. April: Es wird doch noch ein weiterer Versuch unternommen, den Wal zu mobilisieren. Unter Wasser werden Walgesänge abgespielt. Dies bleibt aber ohne Erfolg.

Behörden geben grünes Licht für privaten Rettungsversuch

15. April: Überraschend informiert Backhaus auf einer Pressekonferenz, dass die Behörden das Rettungskonzept einer privaten Initiative geprüft und erlaubt haben. Demnach soll das Tier lebend in die Nordsee und gegebenenfalls den Atlantik transportiert werden. Das Konzept sieht eine Anhebung des Tiers mit Luftkissen und einen Transport auf einer Plane zwischen zwei Pontons vor.

Walter Gunz: Vom Mediamarkt-Gründer zum Wal-Retter

Vor seiner privat finanzierten Wal-Rettungsaktion ist Walter Gunz nicht durch sein Engagement für den Tierschutz aufgefallen: Bekannt wurde der bayerische Unternehmer dadurch, dass er 1979 die Elektronikmarkt-Kette Mediamarkt mitgründete. Darüber hinaus hatte er dem Berater-Portal „Expert Marketplace“ zufolge über die Jahre hinweg verschiedene Management-Posten, unter anderem bei Axel Springer.

Im „Manager Magazin“ tauchte Gunz teils auf den Listen der reichsten Deutschen auf. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur betont er jedoch – oder gerade deswegen –, Geld spiele eine untergeordnete Rolle für ihn. „Die Leute denken immer zu viel an Geld. Man darf sich da nicht verkrampfen. Geld ist eine Energie und man muss sorgfältig damit umgehen.“ Geld, Kraft und Energie müsse man für das Richtige und Gute einsetzen.

Zwischen Wirtschaft und Philosophie

Neben seinem wirtschaftlichen Hintergrund hat Gunz auch Philosophie studiert und sich als Autor versucht. 2013 schilderte er in dem Buch „Ich bin doch nicht blöd“ – in Anspielung auf seinen bekannten Mediamarkt-Werbeslogan – auf ungewöhnliche Weise die Geschichte seiner Firmengründung und betitelte diese als „spirituelle Reise durch Politik, Ökologie, Philosophie Glauben und Religion“. 2017 erschien dann sein Buch „Das Geschenk“ – ein Plädoyer für ein erfülltes Leben jenseits von Status und Geld.

Zum selbsternannten Wal-Retter wurde Gunz nach eigener Erzählung eher zufällig. Er selbst sei von Bekannten gefragt worden, ob man für den Wal nicht etwas tun könne. „Dann bin ich plötzlich als der Retter der Nation erschienen, obwohl ich vom Typ her eigentlich überhaupt kein Held bin.“ Kritik von renommierten Wal-Experten ließ der Unternehmer nicht gelten, sondern stellte stattdessen sein Team nach eigenen Präferenzen zusammen.

In einem Interview mit dem Sender News5 betonte Gunz zudem, er sei ein Teamplayer und bringe Menschen zusammen. Auch Mediamarkt sei nur dadurch entstanden, dass viele Menschen zusammengearbeitet hätten. Eine eigene Familie hat der Unternehmer Medienberichten zufolge nicht. „Ich war viele Jahre mit Mediamarkt verheiratet, das war mein Baby“, sagte er in einem Interview mit dem Portal „GoMagazin“.

Pferderennsport von Tierschützern kritisiert

Neben Gunz ist auch die aus dem Pferdesport bekannte Unternehmerin Karin Walter-Mommert an der Finanzierung der Aktion beteiligt. Medienberichten zufolge ist Walter-Mommert Besitzerin von Trabrennpferden und gewann 1999 die Europameisterschaft der Amateurfahrerinnen. 1998 und 1999 wurde sie zudem deutsche Amateurmeisterin. Walter-Mommert ist mit Ulrich Mommert, einem österreichischen Unternehmer, verheiratet. Einem Bericht des Magazins „Forbes“ zufolge wird sein Vermögen auf 1,7 Milliarden US-Dollar geschätzt. Auch Walter-Mommert ist bislang nicht in Sachen Tierschutz bekanntgeworden – im Gegenteil: Seit Jahren üben Tierschützer heftige Kritik am Pferderennsport.

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Schematische Darstellung des Bergungsversuchs. Grafik/Redaktion: A. Brühl

Schematische Darstellung des Bergungsversuchs. Grafik/Redaktion: A. Brühl Foto: dpa

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