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24-Stunden-Reportage

THier trifft sich Horneburg beim Mittagstisch

Freitags ist Fischtag in „Stechmann’s Gasthaus“ in Horneburg: Beim Mittagstisch-Stammtisch treffen sich Rutraud Görgens, Anne Vollmert, Ingrid Oelenbüttel, Ruth Kracke, Ingrid Simon und Lore Harland (von links). Fotos: Lohmann

Freitags ist Fischtag in „Stechmann’s Gasthaus“ in Horneburg: Beim Mittagstisch-Stammtisch treffen sich Rutraud Görgens, Anne Vollmert, Ingrid Oelenbüttel, Ruth Kracke, Ingrid Simon und Lore Harland (von links). Fotos: Lohmann

Bei Stechmanns treffen sich die Horneburger nicht nur beim Herbstmarkt, sondern auch zum Mittagstisch. Freitags gibt’s Fisch – und dann sitzen in der Gaststube oder draußen auf dem Platz am Sande viele Gäste zusammen, speisen und klönen.

Montag, 16.08.2021, 14:05 Uhr

12 Uhr: Anne Vollmert (74) steht am Tresen und wartet auf das Essen, das sie für zwei Senioren abholen will. Freitags ist Fischtag in „Stechmann’s Gasthaus“, dem Traditionslokal mit Saal und Kegelbahn – da ist das Interesse am Mittagstisch besonders groß. Das weiß Gastwirt Dierk Stechmann (58), der hinten in der Küche Seelachsfilet in Kräutereihülle brät. Auch der Kartoffelsalat ist selbst gemacht, als Dessert reicht er Erdbeerquark. Wegen Corona holen sich Kunden das „Essen zum Mitnehmen“. Die bekommen ein Leckerli, eine Tütchen Gummibärchen, sagt Kerstin Rieck (60), Stechmanns Partnerin und Mitarbeiterin, die „gute Seele“ des Gasthofs. Die gelernte Kellnerin kümmert sich um die Gäste und füllt zwischendurch im Vorraum zur Küche das Dessert in Schälchen.

Hans-Heinrich Bardenhagen aus Mulsum nimmt Platz und wird schnell bedient. Er sei zum zweiten Mal hier, sagt der 81-jährige Witwer. Ein guter Bekannter habe gesagt, hier könne man gut Fisch essen. Das kann er bestätigen: „Es schmeckt sehr gut.“

Am Tresen packt Birgit Tiedemann derweil die Essenspakete in ihren Einkaufskorb. Sie komme öfter, gern auch, wenn es Fisch gibt, sagt die Horneburgerin, und sie esse auch gern in der Gaststube. Doch heute habe sie dafür keine Zeit.

Um 12.15 kommt der Stammtisch

Viel Zeit hat der Stammtisch am großen Tisch in der Gaststube. Um 12.15 Uhr sind alle da: Rutraud Görgens (81), Ingrid Oelenbüttel (89), Ruth Kracke (79), Ingrid Simon (93), Lore Harland (87) – und auch Anne Vollmert. Sie organisiert die Rentner-Gruppe, verschickt Mails mit der Mittagskarte; jeder meldet sich selbst an. Die 74-Jährige isst hier seit neun Jahren fast täglich: „Für mich allein kochen wollte ich nicht mehr.“ Am besten schmecken ihr Grünkohl, Erbsensuppe, der „falsche Hase“, wie sie den Hackbraten nennt, und der Fisch. „Und die Bratkartoffeln“, ergänzt Rutraud Görgens. Schweinebraten mit Rotkohl und Klößen nennt Ingrid Oelenbüttel. „Es schmeckt alles gut“, meint Lore Harland – und alle stimmen zu.

Einige kommen nur bei Gerichten wie Kohlrouladen oder gefüllte Paprika – „alles, was viel Arbeit macht“, so Ingrid Simon. Was allen gefällt: Die Beilagen werden in Schüsseln gereicht, jeder kann sich selbst bedienen. Auch Extrawünsche werden erfüllt. Im Corona-Lockdown habe sie das Essen abgeholt und zuhause gegessen, erzählt Rutraud Görgens. Doch da fehlte die Gemütlichkeit, das Miteinander. „Danach trinken wir immer einen schönen Espresso“, sagt Anne Vollmert.

Gäste aus Dollern : Arnold Jückmann, Monika Schulz, Gudrun Jückmann und Reinhold Schulz (von links).

Gäste aus Dollern : Arnold Jückmann, Monika Schulz, Gudrun Jückmann und Reinhold Schulz (von links).

Sonntagsessen ist etwas Besonders

Etwas Besonderes ist das Sonntagsessen. „Was gibt’s am Sonntag“, fragt Lore Harland den Küchenchef, der hinter der Theke auftaucht. „Schweinefilet im Speckmantel, Kräuterrahmsoße Kartoffeln und Kaisergemüse“, sagt Dierk Stechmann. Gelernt hat er in der Walhalla in Hedendorf. Fünf Jahre lang hat er im Ratskeller in Hamburg gearbeitet, dann kehrte er nach Hause zurück, um seine Eltern Richard und Beate Stechmann zu unterstützen. Seit mehr als 400 Jahren sei der Gasthof in Familienbesitz, erzählt Stechmann, 2003 habe er übernommen.

Draußen haben sich die Tische gefüllt. Monika Pagel, Käthe Karras, Karl Heinz Heise und Ulla Lehmkau gehören eigentlich zur Stammtisch-Gruppe, doch sitzen die Senioren bei dem schönen Wetter lieber im Freien. Die gutbürgerliche Hausmannskost kommt bei allen an. „Kochen kann er“, sagt Monika Pagel. Und mit 6,50 Euro (sonntags: 10,50 Euro) sei das Essen nicht überteuert. Während Corona habe sie das Essen geholt, um den Gastwirt in schlechten Zeiten zu unterstützen, nun freut sie sich, wieder mit allen zusammensitzen zu können.

Zufrieden sind auch am Nachbartisch Walter Brokelmann (87) aus Horneburg und Andreas Zöhner (52) aus Wiepenkathen, der in Horneburg arbeitet. Sie kennen sich eigentlich nur vom Sehen, sitzen zufällig zusammen.

Anmeldung ist eine große Hilfe

In der Küche ist Dierk Stechmann gut beschäftigt. „Einmal Bauernfrühstück für Sven, nicht gemeldet“, ruft Kerstin Rieck durch die Tür. „Für uns ist es eine große Hilfe, wenn sie sich anmelden“, sagt der Koch. 25 haben sich heute angemeldet, aber da es meist mehr werden, hält er noch zehn Portionen bereit und plant eine Reserve ein. Bei Königsberger Klopse, Kohlrouladen, Grünkohl oder Hackbraten kommen mindestens 30, erzählt er, bei leichter Kost sind es 15. Seine Lieblingsspeise Szegediner Gulasch kocht er nach einem alten Familienrezept.

Es ist 12.45 Uhr. Renate Schierlwagen hat in der Gaststube Platz genommen. Sie ist über 80 und kocht nicht mehr selbst. „Wenn mich nicht jemand woanders mit hinnimmt, komme ich zu Stechmann“, erzählt sie. „Der Fisch schmeckt hier besonderes gut.“ In der Coronazeit haben ihre Kinder oder Nachbarn das Essen abgeholt.

Kerstin Rieck portioniert den Erdbeerquark.

Kerstin Rieck portioniert den Erdbeerquark.

Gasthof ist Stechmanns Leben

Dierk Stechmann hat jetzt Zeit für einen Schnack. Die Idee, dem Flecken die Gaststätte zu verkaufen und die gemeindeeigene Veranstaltungsstätte dann als Pächter zu betreiben, sei vom Tisch, berichtet er. Aufgeben will er nicht mehr: „Der Gasthof ist mein Leben“, sagt er. Der Gemeinde ist er dankbar für die Unterstützung durch Open-Air-Konzerte auf dem Platz am Sande. „Das hilft, das ist eine gute Sache.“ Ratssitzungen finden auf dem Saal statt. Wenn Corona es zulässt, möchte er wieder Saalveranstaltungen wie Tanz in den Mai, Grünkohlessen und Oldie-Night anbieten. Die seien zurzeit nur mit Auflagen erlaubt.

Kurz vor 13 Uhr sind draußen alle Tische besetzt, einige schon zum zweiten Mal. Zwei Paare aus Dollern speisen an einem Tisch: Monika und Reinhold Schulz sind beim Fisch, Arnold und Gudrun Jückmann schon beim Nachtisch. Sie sind Nachbarn, haben sich hier zufällig getroffen. „Hier kann man gut essen“, lobt Gudrun Jückmann (66). Reinhold Schulz (69) kennt das Gasthaus noch aus seiner Schulzeit vor 50 Jahren: als Kino.

Um 13 Uhr hat Dierk Stechmann 39 Portionen Fisch zubereitet, davon acht „to go“, zwei Currywürste und ein Bauernfrühstück. Der Gastwirt schmunzelt: „Der schlimmste Teil kommt jetzt: der Abwasch.“

Gastwirt und Koch Dierk Stechmann legt den Seelachs in Kräuterhülle zum Braten in seinen Multibräter.

Gastwirt und Koch Dierk Stechmann legt den Seelachs in Kräuterhülle zum Braten in seinen Multibräter.

Die 24-Stunden-Reportage

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:

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Birgit Tiedemann packt das Mittagessen in ihren Korb.

Birgit Tiedemann packt das Mittagessen in ihren Korb.

Zufällige Tisch-Bekanntschaft: Walter Brokelmann (links) und Andreas Zöhner.

Zufällige Tisch-Bekanntschaft: Walter Brokelmann (links) und Andreas Zöhner.

Hans-Heinrich Bardenhagen genießt das Seelachsfilet.

Hans-Heinrich Bardenhagen genießt das Seelachsfilet.

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