Neuenkirchen: Ein Name, neun Orte, endlose Verwechslungen
In Niedersachsen gibt es einen Neuenkirchen-Rekord. In keinem anderen Bundesland gibt es mehr Gemeinden mit diesem Namen. Foto: Focke Strangmann/David Ebener/Philipp Schulze/dpa
Welcher Gemeindename kommt am häufigsten vor? Das Alte Land ist Teil eines besonderen Rekords. Eine skurrile Reise.
Neuenkirchen. Wer nach Neuenkirchen fahren möchte, sollte sich gut informieren. Denn eine Gemeinde mit diesem Namen gibt es in Niedersachsen so oft wie in keinem anderen Bundesland, wie das Statistische Bundesamt auf dpa-Nachfrage mitteilt. Darunter Neuekirchen in der Samtgemeinde Lühe im Alten Land.
Insgesamt sechs Gemeinden in Niedersachsen tragen den Namen Neuenkirchen, eine davon heißt Neuenkirchen-Vörden. Dazu kommen drei weitere Neuenkirchen, die Teil einer anderen Gemeinde sind. Es gibt also insgesamt neun Neuenkirchen in Niedersachsen. Über den ungewöhnlichen Namens-Rekord hatte zuvor der NDR berichtet.
Wer nach Neuenkirchen möchte, muss genau wissen, welches Neuenkirchen gemeint ist. Foto: David Ebener/dpa
Wo liegt Neuenkirchen?
Die sechs Gemeinden mit dem Namen Neuenkirchen liegen über weite Teile Niedersachsens verteilt, mit einem Schwerpunkt in der Nordhälfte.
- Neuenkirchen (Altes Land) im Landkreis Stade
- Neuenkirchen (Land Hadeln) im Landkreis Cuxhaven
- Neuenkirchen (Lüneburger Heide) im Heidekreis
- Neuenkirchen im Landkreis Diepholz
- Neuenkirchen im Landkreis Osnabrück
- Neuenkirchen-Vörden im Landkreis Vechta
Dazu kommen:
- Neuenkirchen, ein Ortsteil der Gemeinde Liebenburg im Landkreis Goslar
- Neuenkirchen, ein Stadtteil von Melle im Landkreis Osnabrück
- Neuenkirchen, eine Ortschaft der Gemeinde Schwanewede im Landkreis Osterholz
Bin ich im richtigen Neuenkirchen?
Die gleichnamigen Orte sorgen immer wieder für Verwechslungen. Der Bürgermeisterin von Neuenkirchen im Landkreis Cuxhaven, Dagmar Diers, fallen einige Beispiele ein. „In der Grundschule sollte während einer Projektwoche Rope-Skipping vorgestellt und erlernt werden“, erzählt die SPD-Politikerin. Der Trainer für die besondere Art des Seilspringens wurde um 9 Uhr erwartet, doch die Schülerinnen und Schüler mussten sich gedulden. Warum? Der Mann war in Neuenkirchen im Alten Land gelandet. „Das Training begann dann eine Stunde später“, sagt die Bürgermeisterin.
Ihr zufolge passierte dasselbe jüngst einem Arzt des Blutspendedienstes. Auch dieser fuhr zunächst ins Neuenkirchen im Landkreis Stade. Die Lieferung von neuen Tischtennisplatten verzögerte sich demnach, weil die Spedition in ein anderes Bundesland fuhr - nach Neuenkirchen in Mecklenburg-Vorpommern.

In Niedersachsen gibt es einige Neuenkirchen - eins liegt im Landkreis Cuxhaven. Foto: Focke Strangmann/dpa
„Verwechslungen gehören bei uns fast schon zum Alltag“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde Neuenkirchen im Hülsen im Landkreis Osnabrück, Christoph Trame (CDU). „Besonders häufig werden wir mit Neuenkirchen-Vörden oder dem Ortsteil Neuenkirchen der Stadt Melle verwechselt“, erzählt er. Demnach sorgen unvollständige Adressangaben für Irritationen bei Post, Lieferdiensten und Besuchern.
„Eine Geschichte wird hier immer wieder mit einem Schmunzeln erzählt“, berichtet er. Demnach stiegen Nachtschwärmer nach dem Karneval in Damme in den Bus nach Neuenkirchen. Erst am Ziel merkten sie, dass es nicht ihr Neuenkirchen, sondern ein anderes war. „Ob jede Version dieser Geschichte wahr ist, sei dahingestellt, aber sie zeigt sehr schön die Herausforderungen, die ein häufiger Ortsname mit sich bringen kann“, so der Bürgermeister.

Wer in Neuenkirchen wohnt, muss mit Verwechslungen rechnen - selbst wenn die Gemeinde Neuenkirchen-Vörden heißt. Foto: David Ebener/dpa
Sein Kollege aus der Gemeinde Neuenkirchen-Vörden im Landkreis Vechta, Ansgar Brockmann (parteilos), kennt auch viele Verwechslungen. Der „Neuenkirchen-Rekord“ sei ein regelmäßiges Thema, sagt er. Neuenkirchen im Landkreis Osnabrück liege nur 25 Kilometer entfernt. „Da gibt es auch schon persönliche und verwandtschaftliche Beziehungen“, so der Bürgermeister.
Demnach kommt es auch im Rathaus regelmäßig vor, dass Besucher kommen, die einen Termin im anderen Neuenkirchen haben oder eine Straße suchen, die es in diesem Neuenkirchen überhaupt nicht gibt. „Auch außerhalb von Niedersachsen ist dieser Ortsname keine Seltenheit“, sagt der Politiker und erzählt, dass seine Gemeinde mitunter auch Post für Neuenkirchen bei Rheine in Nordrhein-Westfalen bekommt.

Auch im Heidekreis gibt es ein Neuenkirchen. Foto: Philipp Schulze/dpa
Neuenkirchen gegen Neuenkirchen - wer gewinnt?
Wer in Neuenkirchen Fußball spielt, kann sich mit anderen Neuenkirchener Mannschaften messen. Nach verschiedenen Medienberichten treffen sich seit dem Jahr 1987 Mannschaften aus Orten mit dem Namen Neuenkirchen zu einer Meisterschaft. Bei dem Turnier im vergangenen Juni waren zwölf Mannschaften aus neun Orten dabei, wie der NDR berichtete. „Sie alle eint die Liebe zum Fußball und der gemeinsame Ortsname“, heißt es in dem Fernsehbericht.
Darin erzählt Frank Kramer vom TuS Neuenkirchen, dass früher zahlreiche Fußballmannschaften, die zu einem Spiel fuhren, im „falschen“ Neuenkirchen landeten. Daraus sei die Idee für eine Neuenkirchen-Meisterschaft entstanden - mit Gruppenspielen, Halbfinale, Finale. Woher die Siegermannschaften bei den Damen und Herren kommen, ist jedes Jahr klar: Aus Neuenkirchen.
Woher kommt der Name?
Der Name verweist in der Regel auf eine neu errichtete Kirche - das erklärt, warum viele Orte diesen Namen tragen. Über die Geschichte von Neuenkirchen an der Unterweser im Landkreis Osterholz schreibt der Verein Heimatfreunde Neuenkirchen: „In der Mitte des 9. Jahrhunderts soll es in Neuenkirchen schon ein Gotteshaus gegeben haben. 1192 wurde es durch die St. Michaels-Kirche ersetzt. Seither ist von „Nygenkerken“ die Rede.“

Der Name Neuenkirchen verweist in der Regel darauf, dass dort irgendwann eine neue Kirche errichtet wurde. Foto: Focke Strangmann/dpa
Fragt man im Internet nach dem häufigsten Ortsnamen Deutschlands, taucht oft „Hausen“ auf. Ganz so einfach ist es aber nicht. Entscheidend ist, was gezählt wird: Geht es um alle Dörfer, Stadtteile und Ortsteile – oder nur um politisch selbstständige Gemeinden? Denn davon hat Deutschland 10.943, wie das Statistische Bundesamt auf dpa-Anfrage mitteilt.
Bei den Gemeinden liegt nicht Hausen vorn, sondern Neustadt. Der Name kommt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 17 Mal vor, wenn regionale Zusätze wie „am Rübenberge“ oder „an der Weinstraße“ ausgeblendet werden. Dahinter folgen Neuenkirchen (12 Mal), Neukirchen und Hausen (jeweils 11 Mal). Orts- und Stadtteile sind in dieser Auswertung nicht enthalten – doch genau dort dürfte Hausen besonders häufig auftauchen.
Sie fühlen sich verbunden
Die Neuenkirchen unterscheiden sich - sie sind verschieden groß, gehören zu unterschiedlichen Landkreisen und bieten unterschiedliche Treffpunkte, wie Vertreter und Vertreterinnen der Gemeinden auf dpa-Nachfrage mitteilen. Mehrere verweisen auf eine starke Gemeinschaft und viele Aktivitäten im Ort – für Jung bis Alt.

Aus Sicht von Bürgermeister Christoph Trame (CDU) sind die verschiedenen Neuenkirchen in Niedersachsen auf eine besondere Art verbunden. Foto: David Ebener/dpa
„Einen regelmäßigen institutionellen Austausch mit allen anderen Neuenkirchen gibt es derzeit nicht“, sagt Bürgermeister Trame. „Dennoch verfolgt man natürlich mit Interesse, was in den Namensvettern passiert.“ Die Namensgleichheit schaffe ein Gefühl der Verbundenheit, sagt er. „Auch wenn jede Gemeinde ihren ganz eigenen Charakter hat.“
Der Neuenkirchen-Rekord sei den Bürgerinnen und Bürgern seiner Gemeinde bekannt, erzählt der Politiker. Die Reaktionen darauf reichten von Belustigung bis hin zu einem gewissen Stolz - schließlich gehöre man zu einer besonderen niedersächsischen Ortsfamilie.
Was Ortsbezeichnungen über ihre Region verraten
Wer mit offenen Augen durch die Lande reist, bemerkt es schnell: Bestimmte Ortsnamen ähneln sich in ganz konkreten Regionen. Endungen wie „-itz“ und „-ow“ finden sich dem Leibniz-Institut für Länderkunde zufolge besonders häufig im Osten und Nordosten Deutschlands. Sie gehen auf slawische Siedlungen des frühen und hohen Mittelalters zurück. Ihre Spuren sind bis heute in etwa Chemnitz, Güstrow oder Pankow sichtbar.
Andere von ihnen erzählen von der Landschaft, in der Menschen ihre Siedlungen gründeten. „-moor“ und „-fehn“ verweisen auf das norddeutsche Tiefland, „-moos“ und „-ried“ auf Feucht- und Sumpfgebiete im Süden. Besonders die Orte auf „-fehn“ liegen konzentriert in Ostfriesland und im Emsland. Sie erinnern an die Entwässerung und Urbarmachung der Moore – ein Prozess, der vielerorts erst im 19. Jahrhundert begann.
Ortsbezeichnungen sind eine Art historisches Gedächtnis der Landschaft. Sie erzählen nicht nur, wer hier einst lebte, sondern auch, mit welchen natürlichen Bedingungen die Menschen umgehen mussten. (dpa)
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Neben sechs Gemeinden mit dem Namen Neuenkirchen kommen weitere Neuenkirchen, die Teil einer anderen Gemeinde sind. Dazu gehört Neuenkirchen im Landkreis Osterholz. Foto: Focke Strangmann/dpa