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24-Stunden-Reportage: Von Muskelaufbau bis Yoga

Fitnesstrainer Söhnke Werner (rechts) überwacht das Bizepstraining seines Kollegen Timo Eichstädt. Die Profis mischen sich nur ein, wenn sie Fehlstellungen beobachten. Fotos Husung

Fitnesstrainer Söhnke Werner (rechts) überwacht das Bizepstraining seines Kollegen Timo Eichstädt. Die Profis mischen sich nur ein, wenn sie Fehlstellungen beobachten. Fotos Husung

Während viele Buxtehuder schon mit Snacks vor dem Fernseher sitzen und dem Gong der „Tagesschau“ lauschen, wird im „Joy“ Fitness-Center noch richtig Gas gegeben. Muskelaufbau, Kardio und ein Yoga-Kurs stehen in der Muckibude auf dem Programm.

Von Sven Husung Dienstag, 24.07.2018, 19:30 Uhr

Ein Handshake hier, ein Zwinkern da – ansonsten schreitet Fitnesscoach Söhnke Werner in seiner weißen Trainingsjacke lautlos durch die schmalen Gänge zwischen den aufgereihten weißen Fitnessgeräten. „Wir versuchen, uns möglichst unauffällig zu bewegen“, sagt er. Den ein oder anderen Spruch kann er sich aber nicht verkneifen: „Hast du Lust auf Muskelkater?“, fragt er eines der Mitglieder herausfordernd. Der Umgang ist freundschaftlich, einige Trainierende trifft Söhnke täglich. Im Fitness-Studio sind alle per Du.

Auch nach 20 Uhr herrscht hier noch reger Betrieb, etwa ein Drittel der Geräte ist besetzt. Die Sportler pumpen, drücken, heben, radeln und laufen zu unaufdringlichen Elektrobeats. Die meistfrequentierten Geräte sind die Beinpresse, das Butterfly und die Rudermaschine. Auch die gute alte Kniebeuge erfreut sich großer Beliebtheit, wird hier aber Squat genannt – das ist die englische Bezeichnung.

„Die Stoßzeit ist schon vorbei, die meisten Leute kommen zwischen 17 und 19 Uhr“, informiert Söhnke. Er ist seit zwei Jahren als Trainer im Joy Fitness tätig, davor war er dem Studio 15 Jahre als zahlendes Mitglied treu. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt er und muss selbst über die abgedroschene Phrase lachen. „Irgendwie ist das wirklich so.“ Bevor der 35-Jährige nach und nach in den Trainerjob eingestiegen ist, hat er im Einzelhandel gearbeitet und die Buxtehuder eingekleidet. „Den Umgang mit den Kunden hatte ich schon drauf.“

Bei seinem Gang durch die Räume – „auf der Fläche“ unterwegs sein nennen das die Trainer – achtet er vor allem darauf, dass die Mitglieder die richtige Haltung bei den Übungen einnehmen. „Rücken ran“ ist sein häufigster Korrekturhinweis. Gerade unerfahrene Fitnesssportler neigen dazu, sich von der Rücklehne wegzubewegen. Ansonsten trainieren die Mitglieder konzentriert und für sich allein einen Trainingsplan ab, den sie mit den Trainern ausgearbeitet haben und dann stetig weiterentwickeln. Heute hat Söhnke keinen Besprechungstermin mehr, er und seine drei Kollegen können sich frei „auf der Fläche“ bewegen und stehen am Tresen für Fragen bereit.

Hinter der Theke steht Lydia und tauscht mit schnellen Bewegungen Mitgliedskarten gegen Spindschlüssel und andersherum. Um 20.30 Uhr beginnt der Yogakurs in der Halle im ersten Stock, deswegen hat sich vor ihrem Arbeitsplatz eine kleine Schlange gebildet. Wer Zugang zu den Schränken in den Umkleidekabinen haben möchte, muss seinen Ausweis bei der Mitarbeiterin abgeben. So gehen die Betreiber sicher, dass sich nur zahlende Mitglieder im Studio bewegen. Parrallel zur Schlüsselausgabe mischt sie Proteinshakes und schenkt isotonische Getränke aus – beides gibt es in diversen Geschmacksrichtungen wie Ananas, Waldmeister, Banane oder Karamell.

Im großen Kursraum haben sich um 20.30 Uhr etwa 20 Nachwuchsyogis auf ihren Schaumstoffmatten eingefunden und warten auf die Anleitung ihrer Trainerin. Karo hat ein breites Kreuz und ist an Armen und Rücken tätowiert. Sie macht im Kursbereich „alles außer Tanzen“. Ihr ist es wichtig, mit einem verbreiteten Missverständnis aufzuräumen: „Yoga ist kein Sport und nicht das, was du bei Instagram siehst.“ Es diene der Entspannung statt einem Leistungsgedanken. „Ich biete hier ein Einsteigerprogramm“, sagt sie. Das einzige Ziel sei der Ausstieg aus dem Alltag.

„Wir haben heute Besuch, das TAGEBLATT ist da“, ruft Karo ihren Schülern über das Mikrofon zu. „Aber ihr seid ja erfahrene Yogis und lasst euch nicht aus der Ruhe bringen.“ Kurz herrscht Unruhe. „Er soll mitmachen“, fordert einer der Teilnehmer, dann konzentrieren sich alle auf ihre Atem- und Dehnübungen. Über die Boxen läuft Entspannungsmusik, die fast von dem Sirren der vor kurzem erneuerten Lüftungsanlage übertönt wird. Karo duzt die Kursgruppe während der Yogasession als Gesamtheit, die Bewegungen macht sie auf einem Podest vor: „Du atmest ein, du atmest aus.“ „Du öffnest den gesamten Körper zur Front.“ „Nimm deine Hüften ruhig in die Hand.“ „Das ist eine der Positionen, die neutralisieren.“

Im Erdgeschoss ist es derweil deutlich leerer geworden. Andre Feindt aus Buxtehude genießt die Ruhe zu dieser späten Stunde. „Dann ist es nicht so überlaufen“, sagt der Architekturstudent von der Hochschule 21. Er ist alle zwei Tage im Fitness-Studio und arbeitet daran, eine V-förmige Figur zu bekommen. Dafür sitzt er an dem sogenannten Latzug und zieht Gewichte über eine waagerechte Stange hinter seinem Rücken auf Kopfhöhe rauf und runter. Sein Ganzkörpertraining dauert eineinhalb Stunden. Für Andre ist das Training die beste Möglichkeit, um von Alltag abzuschalten.

Damit ist er einer von drei Typen, die Trainer Söhnke unter den Mitgliedern ausmacht: „Da sind die Freizeitsportler, die gut aussehen wollen und das Training als Ausgleich vom Job nutzen.“ Dann gebe es die Ambitionierten, die zu höheren Leistungen angetrieben werden möchten. Die dritte Gruppe sei ein tendenziell älteres Publikum, das aus gesundheitlichen Gründen trainiert. „Viele Leute kommen in einem desolaten Zustand zu uns. Nach einigen Monaten geht es ihnen schon deutlich besser.“

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die Folgen:

 

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