„Mama, hilf mir!“: Stader Polizistin erklärt, wie Betrüger mit Angst arbeiten
Eine Seniorin am Telefon (Symbolbild). Foto: Maik Goering
Mit teils perfiden Maschen setzen Betrüger ihre Opfer unter Druck. Präventionsbeauftragte Marlin Heintsch weiß, wie der emotionale Ausnahmezustand herbeigeführt wird - und was man dagegen tun kann.
Landkreis. Das Telefon klingelt. Eine unbekannte Nummer. Am anderen Ende hört man nur Weinen. „Mama, Mama... bitte hilf mir...“ Die Stimme klingt vage vertraut und sehr verzweifelt.
Kurz darauf übernimmt ein Mann das Gespräch. Ruhig, bestimmt und sachlich. Er stellt sich als Hauptkommissar Meyer von der Polizei Stade vor. Ihre Tochter habe einen schweren Verkehrsunfall verursacht, eine Person sei dabei tödlich verletzt worden. Um eine Untersuchungshaft zu vermeiden, müsse nun eine Kaution in Höhe von 30.000 Euro gezahlt werden.
Zeit zum Nachdenken bleibt nicht. Die Angst um das eigene Kind überstrahlt alles.
„Viele Betroffene erkennen erst später, dass sie Opfer eines Betrugsanrufs geworden sind“, sagt Marlin Heintsch, Beauftragte für Kriminalprävention.
Opfer im emotionalen Ausnahmezustand
Es handelt sich um gezielte Betrugsmaschen. Neben „Polizisten“ können sich auch vorgebliche „Staatsanwälte“ oder „Richter“ am Telefon melden.
„Die Schockanrufe sind perfide, da sie einen emotionalen Ausnahmezustand bei den Geschädigten verursachen“, so Heintsch. Durch Zeitdruck und dramatische Schilderungen soll verhindert werden, dass Betroffene ruhig nachdenken oder andere Personen hinzuziehen.
Häufig versuchen die Täter, ihre Opfer über längere Zeit am Telefon zu halten, um Kontrolle über die Situation zu behalten. Die Täter schaffen es laut Heintsch, ein so überzeugendes Schreckensszenario aufzubauen, dass der gesunde Menschenverstand außer Kraft gesetzt werde.
Die häufigsten Betrugsmaschen: Schockanruf
Vorgetäuscht wird eine schwere Notlage eines Angehörigen, häufig angeblich verursachte Unfälle mit schweren oder tödlichen Folgen. „In anderen Fällen geben sich die Täter als Krankenhausmitarbeiter aus und behaupten, ein Familienangehöriger müsse dringend operiert werden. Nur durch eine sofortige Zahlung könne eine lebensrettende Behandlung erfolgen“, berichtet die Präventionsbeauftragte der Stader Polizei.
Opfer eins Schockanrufs sollten sich nicht verunsichern lassen. „In Deutschland gibt es keine Kautionen, die bar übergeben werden müssen, und keine Polizisten, die Geld an der Haustür abholen“, stellt die Polizistin klar. Sobald Geld oder Wertgegenstände verlangt werden, handele es sich um Betrug. Auch werde jeder Mensch, der mit lebensgefährlichen Verletzungen in ein deutsches Krankenhaus eingeliefert wird, notversorgt.
Die häufigsten Betrugsmaschen: Enkeltrick
Der Enkeltrick beginnt meist mit einem allgemeinen „Hallo Oma, ich bin‘s“. „Die Täter hoffen, dass das Opfer selbst Namen oder persönliche Informationen nennt ‚André, bist du das?‘ - ‚Ja genau, Oma. Hier ist der André‘“, erklärt Marlin Heintsch. Die so erlangten Angaben werden im weiteren Gespräch gezielt genutzt.
Anschließend wird ein Sachverhalt erfunden, um Geld zu erlangen. Auch hier wird Druck aufgebaut, so Heintsch: „Der ‚Familienangehörige‘ braucht unbedingt Geld und bekommt Schwierigkeiten, wenn das Geld nicht zur Verfügung gestellt wird“. Die geforderten Beträge können sich anpassen, je nachdem, wie viel das Opfer zur Verfügung stellen kann. „Abgeholt wird das Geld dann in der Regel von einem ‚Bekannten‘“.
Die häufigsten Betrugsmaschen: Falsche Polizisten
Die Betrüger geben sich als hiesige Polizeibeamte oder Staatsanwälte aus. Sie behaupten, es gebe Einbrüche oder Ermittlungen gegen kriminelle Banden in der Nachbarschaft. Da man nicht alle Täter habe festnehmen können, bestehe Grund zur Annahme, dass die verbliebenen Täter ins Haus der Opfer einbrechen. „Um das Vermögen angeblich zu sichern, sollen Bargeld, Schmuck oder andere Wertsachen dann an einen Boten übergeben werden“, schildert die Beauftragte für Kriminalprävention die Betrugsmasche.
Die häufigsten Betrugsmaschen: Angebliche IT-Mitarbeiter
Die Täter geben sich als Mitarbeiter bekannter Unternehmen aus, etwa von Banken, Onlinehändlern oder IT-Firmen. Zum Beispiel als Microsoft-Mitarbeiter, der vor einem Virus auf dem Computer warnt. „Ziel ist es, einen Fernzugriff auf PC oder Laptop zu erlangen“, verdeutlicht Heintsch. In der Folge können Schadsoftware installiert, Passwörter ausgespäht oder Überweisungen ausgelöst werden.
Auch der falsche Bankmitarbeiter versuche, Druck auszuüben. Zum Beispiel indem er vorgibt, dass das Geld der Opfer auf dem Konto nicht mehr sicher sei. Es müsse nun schnell auf ein anderes Konto überwiesen werden.
„Lassen Sie sich generell niemals unter Druck setzen. Ihr Geld liegt auf Ihrem Konto sicher, solange Sie nicht selber anfangen es zu verschieben“, rät die Präventionsbeauftragte. Bankkunden würden niemals aufgefordert, selber tätig zu werden. Bemerkt die Bank tatsächlich verdächtige Kontobewegungen, wird das Konto gesperrt.
Die häufigsten Betrugsmaschen: Gewinn- und Abofallen
Den Angerufenen wird ein hoher Gewinn in Aussicht gestellt. Erhalten könnten sie ihn allerdings erst nach der Zahlung einer angeblichen „Gebühr“. „Ein solcher Gewinn existiert nicht“, stellt die Polizistin klar.
Bei Abofallen versuchen die Täter, kostenpflichtige Verträge oder Abonnements am Telefon zu verkaufen – häufig unter Zeitdruck und/oder ohne transparente Vertragsbedingungen. „Nicht selten wird dabei so geschickt gehandelt, dass der Kunde denkt, er oder sie hätte ein Gratisprodukt erhalten“, teilt Heintsch mit.
Die häufigsten Betrugsmaschen: Smishing
Als „Smishing“ bezeichnet man Phishing Angriffe per SMS. Die Täter senden SMS-Nachrichten zu vermeintlichen Kontosperrungen, Zahlungsaufforderungen, Paket- oder Sicherheitsupdates und versuchen so, persönliche Daten, Kreditkartennummern oder Zwei-Faktor-Authentisierungscodes zu ergaunern. Auch eine Variante des Enkeltricks ist dabei: Die angeblichen Kinder melden sich per Textnachricht bei ihren Eltern ‚Hallo Mama, hallo Papa. Das ist meine neue Nummer. Melde dich bitte mal unter der neuen Nummer‘.
Überrumpelt
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Wer Smishing-Nachrichten erhält, sollte keinesfalls auf enthaltene Links klicken und keine persönlichen Daten eingeben, insbesondere keine Zugangsdaten oder Zahlungsinformationen. In solchen Fällen handele es sich in der Regel immer um Betrug. „Antworten Sie auf diese Nachrichten nicht, sondern sperren Sie die Nummer“, rät Heintsch.
Die häufigsten Betrugsmaschen: Spoofing
Beim ID-Spoofing manipulieren Betrüger die angezeigte Rufnummer eines Anrufs oder einer SMS. Die Nummer, die auf dem Display erscheint, ist dabei nicht die tatsächliche Nummer des Anrufers. Sie kann frei erfunden sein oder zu einer real existierenden Behörde, Bank oder Firma gehören. „Dabei kann es auch passieren, dass auf dem Display beispielsweise ‚Sparkasse Stade‘ oder der Name eines bekannten Unternehmens angezeigt wird, obwohl der Anruf tatsächlich von Kriminellen ausgeht“, sagt die Präventionsbeauftragte. Diese Manipulationen sind sowohl bei Telefonanrufen als auch bei Textnachrichten (SMS) möglich.
Die häufigsten Betrugsmaschen: Code-Abfrage
Mittlerweile machen sich Kriminelle auch die Zwei-Faktor-Authentifizierung zunutze. Sie erklären am Telefon, man werde gleich eine Nachricht mit einem Code erhalten oder solle eine Abfrage kurz bestätigen. „Dieser Code dient jedoch dazu, Zahlungen freizugeben oder Zugänge zu Konten und Diensten zu übernehmen“, warnt Heintsch.
Wenn der Code an die Täter weitergegeben oder eine solche Abfrage bestätigt wird, handeln die Betroffenen laut der Polizistin grob fahrlässig; das abgebuchte Geld ist in der Regel verloren und wird nicht erstattet. „Geben Sie daher niemals Codes telefonisch oder per Nachricht weiter und bestätigen Sie keine Zahlungen – auch dann nicht, wenn diese als angebliche ‚Testüberweisungen‘ dargestellt werden.“
Bei unbekannten Nummern nicht mit Namen melden
Grundsätzlich sei es bei unbekannten Rufnummern ratsam, nicht ans Telefon zu gehen. Seriöse Anrufer haben die Möglichkeit, eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter zu hinterlassen, sodass man in Ruhe entscheiden kann, ob ein Rückruf erforderlich ist. „Wer dennoch einen Anruf entgegennimmt, muss sich nicht mit Namen melden. Ein einfaches ‚Hallo‘ reicht aus“, betont die Polizistin. Persönliche Informationen sollten grundsätzlich nie preisgegeben werden, weder zu den eigenen Daten noch zu Familienangehörigen, finanziellen Verhältnissen oder sonstigen persönlichen Umständen.
Auflegen ist jederzeit möglich
Sobald Zweifel an der Seriosität eines Anrufers bestehen, sollte das Gespräch umgehend beendet werden. Ein Auflegen ist jederzeit möglich und richtig. Verdächtige Telefonnummern sollten notiert und der Polizei gemeldet werden.
Zusätzlichen Schutz bietet ein innerhalb der Familie vereinbartes Codewort. „Wird bei angeblichen Notfällen oder bei Anrufen von unbekannten oder neuen Nummern dieses Codewort korrekt genannt, wissen Sie, dass der Anruf echt ist“, so Heintsch.
Beratung und Prävention
Weitere allgemeine Fragen zum Thema Betrug beantwortet die Kriminalpolizeiliche Beratungsstelle der Polizeiinspektion Stade unter 04141-102109. (set/pm)
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