Reise-Risiko

Gefahr für Kreuzfahrtpassagiere? Wie häufig bricht das Hantavirus aus?

Gesundheitspersonal in Schutzkleidung evakuiert Patienten vom Kreuzfahrtschiff „Hondius“ in einem Hafen.

Gesundheitspersonal in Schutzkleidung evakuiert Patienten vom Kreuzfahrtschiff „Hondius“ in einem Hafen. Foto: Qasem Elhato/AP/dpa

Kreuzfahrten sind beliebt wie nie. Nach dem Ausbruch des tödlichen Virus auf einem Schiff ist ein Hamburger Experten gefragt: So bewertet er das Infektionsrisiko.

Von Simone Humml 06.05.2026, 17:55 Uhr

Hamburg. Nach tagelanger Unsicherheit auf dem vom Ausbruch des Hantavirus getroffenen Kreuzfahrtschiff „Hondius“ gibt es endlich Aussicht für die knapp 150 Menschen an Bord. Spanien erteilte dem unter niederländischer Flagge fahrenden Schiff die Erlaubnis, einen Hafen auf den Kanarischen Inseln anzulaufen - wahrscheinlich die Urlaubsinsel Teneriffa.

Drei Menschen wurden inzwischen unter medizinischer Begleitung von Bord des Schiffes geholt, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das niederländische Außenministerium mitteilten. Sie seien mit zwei Spezialflugzeugen unterwegs in die Niederlande.

Bei Passagieren des niederländischen Kreuzfahrtschiffs „Hondius“ wurden spezifische Hantaviren nachgewiesen.

Bei Passagieren des niederländischen Kreuzfahrtschiffs „Hondius“ wurden spezifische Hantaviren nachgewiesen. Foto: Arilson Almeida/AP/dpa

Dazu gehört laut Ministerium eine 65 Jahre alte Deutsche, die in engem Kontakt mit der deutschen Frau stand, die an Bord gestorben war. Die 65-Jährige solle in einer Klinik in Düsseldorf untersucht werden. Sie habe bisher keine Symptome.

Aber: Wie gefährlich ist das Virus?

Was unterscheidet das aufgetretene Andesvirus von unseren Hantaviren?

Es gibt mehrere Typen von Hantaviren, auch in Deutschland. Sie werden meist durch Staub übertragen, der mit Ausscheidungen von Nagetieren kontaminiert ist. Ein großer Teil der Hantavirus-Infektionen in Deutschland verläuft laut Robert Koch-Institut (RKI) symptomlos oder mit unspezifischen Symptomen. Die Viren können aber auch mit Blutungen einhergehendes Fieber und Nierenschäden auslösen.

Eine relevante Mensch-zu-Mensch-Übertragung gebe es bei den meisten Hantaviren nicht, sagte Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg. „Eine wichtige Ausnahme ist jedoch das südamerikanische Andesvirus. Für dieses Hantavirus ist eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung bei engem Kontakt beschrieben.“

Der Virologe Schmidt-Chanasit hält es für durchaus möglich, dass sich weitere Menschen infiziert haben. (Archivbild)

Der Virologe Schmidt-Chanasit hält es für durchaus möglich, dass sich weitere Menschen infiziert haben. (Archivbild) Foto: Christian Charisius/dpa

Es gehört zu einer Gruppe von Hantaviren, deren Infektion etwa zu Übelkeit, Erbrechen, Husten und einer Lungenerkrankung führen kann. Hantavirus-Infektionen haben laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Asien und Europa eine Sterblichkeit von unter 1 bis 15 Prozent, in Amerika jedoch von bis zu 50 Prozent.

Die Zahl der bundesweit übermittelten Hantavirus-Erkrankungen variiert laut RKI von Jahr zu Jahr sehr stark. Die durchschnittliche jährliche Zahl der Neuerkrankungen lag demnach zwischen 2010 und 2019 bei 1,3 Fällen pro 100.000 Einwohner - 0,2 für 2013 und 3,5 für 2012.

Wie groß ist das Risiko, dass sich weitere Leute infiziert haben?

Es sei durchaus möglich, dass sich weitere Menschen infiziert haben, sagte Schmidt-Chanasit. „Hantavirus-Erkrankungen haben eine Inkubationszeit, die je nach Virus und Exposition mehrere Tage bis Wochen betragen kann. Deshalb können weitere Fälle auch zeitverzögert auftreten.“

Der Virologe sieht zwei Szenarien der Infektionsquelle: „Erstens könnten sich eine oder mehrere Personen bereits in Argentinien oder im südamerikanischen Expositionsgebiet infiziert und das Virus an Bord gebracht haben. Zweitens sei auch eine Infektion durch Nagetiere an Bord oder durch kontaminierte Lebensmittel, Lagerbereiche, Kabinen, Oberflächen oder Staub denkbar – „etwa wenn Mäuse oder Ratten das Schiff beziehungsweise Vorratsbereiche besiedelt haben“.

Eine Elektronenmikroskopische Aufnahme von Hantaviren. (Archiv)

Eine Elektronenmikroskopische Aufnahme von Hantaviren. (Archiv) Foto: Hans R. Gelderblom/RKI/dpa

Für die Weltbevölkerung ist das Risiko laut WHO gering. „Für Personen an Bord oder enge Kontaktpersonen ist die Situation jedoch anders zu bewerten, weil sie möglicherweise dieselbe Expositionsquelle oder engen Kontakt zu Erkrankten hatten“, erklärte Schmidt-Chanasit.

  • Exkurs: Streit in Spanien um Hantavirus-Schiff

Auf den Kanarischen Inseln sorgte die geplante Ankunft des Schiffes für Aufregung. Der Präsident der Kanaren, Fernando Clavijo, protestierte gegen das Vorhaben der spanischen Zentralregierung und der WHO. Er beklagt „fehlende Transparenz“ und fordert ein „dringendes Treffen“ mit Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez. Ministerin García wies aber alle Befürchtungen zurück und versicherte, die Aktion berge kein Risiko für die Kanaren. Alle verbleibenden Personen an Bord seien asymptomatisch.

Spanien werde alle ausländischen Betroffenen über einen europäischen Katastrophenschutzmechanismus in die jeweiligen Heimatländer zurückführen, erklärte García. Die Spanier sollen zunächst in ein Militärkrankenhaus in Madrid gebracht werden. Dort sollen sie medizinisch betreut werden und falls nötig auch einige Zeit in Quarantäne bleiben.

Ist der Fall ungewöhnlich?

„Das ist ein außergewöhnliches Infektionsgeschehen, das man in dieser Form auf einem Kreuzfahrtschiff nicht erwarten würde“, sagte Schmidt-Chanasit.

„Dieser Ausbruch von Hantavirus-Infektionen deutet nicht auf ein generelles Risiko im Zusammenhang mit Kreuzfahrten hin, sondern spiegelt ein lokal begrenztes, situationsbedingtes Expositionsereignis wider“, teilte das Global Virus Network (GVN) mit, ein Zusammenschluss von Forschungseinrichtungen und Organisationen mit Expertise zu Viruserkrankungen.

„Das Hantavirus ist primär eine Umweltinfektion, und selbst in seltenen Fällen der Übertragung von Mensch zu Mensch verhält es sich nicht wie ein hoch ansteckendes Atemwegsvirus“, sagte Scott Weaver von der University of Texas Medical Branch (USA).

Sind Kreuzfahrten generell gefährdet für Infektionsketten?

Die am häufigsten gemeldeten Krankheiten auf Kreuzfahrtschiffen betreffen nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC Magen-Darm-Infektionen (30 bis 40 Prozent), etwa durch das Norovirus, Verletzungen durch Ausrutschen, Stolpern oder Stürzen (12 bis 18 Prozent) und Atemwegsinfektionen, darunter Grippe und Corona (10 Prozent).

„Das größte Problem, was Infektionen an Bord betrifft, ist das Norovirus“, sagte Christian Ottomann, Gründer der Schiffsarztbörse, die Ärzte und Ärztinnen für Einsätze auf hoher See und Flüssen vermittelt. Dieses Magen-Darm-Virus übertrage sich durch Schmierinfektion. „Fast immer infizieren sich Passagiere damit während eines Landgangs und bringen den Erreger dann mit an Bord.“

Im Zeitraum von 2006 bis 2019 sind laut CDC die gemeldeten Raten von Magen-Darm-Erkrankungen bei Passagieren auf Kreuzfahrten pro 100.000 Reisetage um rund die Hälfte gesunken. In den ersten Monaten des Jahres 2025 gab es global allerdings ungewöhnlich viele Norovirus-Ausbrüche auf Kreuzfahrtschiffen.

Dem Vessel Sanitation Program der US-Gesundheitsbehörde CDC zufolge wurden 12 Ausbrüche bis Mitte Mai 2025 erfasst - und damit fast so viele wie im gesamten Jahr 2024, in dem es 15 gab. Als eine mögliche Ursache für die hohe Zahl geben Experten an, dass die Grundimmunität in der Bevölkerung gegen eine relativ neue kursierende Norovirus-Variante noch niedrig ist. (dpa)

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