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24-Stunden-Reportage

TGreundiek: Über die ewig junge Liebe zur alten Dame

Kurs Elbe: Die Greundiek mit ihrem markanten rot-grünen Anstrich auf der Schwinge. Fotos: Strüning

Kurs Elbe: Die Greundiek mit ihrem markanten rot-grünen Anstrich auf der Schwinge. Fotos: Strüning

Ohne Ehrenamt geht hier gar nichts. Und ohne Liebe auch nicht. Das Stader Museumsschiff Greundiek wird nahezu täglich betüdelt. Eine aktive Crew von 20 Leuten hält die alte Dame in Schuss. Ein Besuch an Bord.

Von Lars Strüning Dienstag, 17.08.2021, 10:00 Uhr

„All hands an Deck“, heißt es immer mittwochs, wenn die Greundiek an ihrem Liegeplatz im Stader Stadthafen fest vertäut ist. Dann findet sich ein Großteil der Besatzung ein, nicht nur wegen des Kaffees und des Klönschnacks. An Bord gibt es immer etwas zu tun. Die Greundiek ist im Januar 1950 in der Bremerhavener Rickmers-Werft als „Hermann-Hans“ vom Stapel gelaufen. Der Zahn der Zeit nagt an ihr. Zudem muss das Schiff für Partys, Ausflüge und Konzerte flott gemacht werden. Unser einstündiger Rundgang beginnt um 13 Uhr im Bauch des Schiffes.

Am Tresen

„Unser Dream-Team“ nennt Gerd Becker vom Vorstand des Vereins Alter Hafen Stade, der die Greundiek unterhält, das Trio, das heute hier im Einsatz ist. Gisela Klos, Günter Lang und Bernhard Lindner bereiten den Party-Bereich im ehemaligen Laderaum des Kümos für die nächste Party vor.

Am Wochenende feiert eine 90-Jährige ihren runden Geburtstag im großen Stil. Die betagte Jubilarin und ihre Gäste sollen sich an Bord wohlfühlen. Der Tresen wird aufgeklart, Tische aufgedeckt, der Kühlschrank aufgefüllt. Elektriker Bernd Hagenah überprüft die Kühlanlage. Er ist erst seit anderthalb Jahren dabei, hat früher wie Gerd Becker im Stader Kernkraftwerk gearbeitet. Wie fast alle hier ist er Rentner. „Das ist ’ne tolle Mannschaft und macht Spaß“, sagt er kurz und knapp. Sabbelei gehört nicht zur Seefahrt.

Am Tresen (von links): Gisela Klos, Günter Lang und Bernhard Lindner.

Am Tresen (von links): Gisela Klos, Günter Lang und Bernhard Lindner.

Bei Ausfahrten schmiert das Tresen-Team Brötchen und kocht Kaffee. Und versorgt auch die Crew, das ist in der Schifffahrt besonders wichtig.

Für die ständig anstehenden Renovierungsarbeiten muss Geld fließen, die Greundiek hält sich mit ihren Veranstaltungen über Wasser. Die Corona-Zeit tat weh, riss ein Loch in die Kasse. 2020 wurde 80 Prozent weniger Umsatz verbucht als in normalen Jahren.

Im Maschinenraum

Direkt neben dem Tresen befinden sich Maschinenraum und Werkstatt. Klaus Kahrs, Jochen Krebs und Karl-Heinz „Kuddel“ Tiede haben alles im Griff. Sie haben auf der Werft gearbeitet, als Maschinisten und Maschinenbau-Ingenieur, sind vom Fach. Hier wird alles repariert, was an Bord kaputtgeht. Die Werkstatt ist gut ausgestattet, heute werden Halterungen für die Gangway angefertigt. Für jeden Hafen muss das passen, ob in Glückstadt, Hamburg oder Stade.

Im Maschinenraum (von links): Karl-Heinz Tiede, Jochen Krebs und Klaus Kahrs.

Im Maschinenraum (von links): Karl-Heinz Tiede, Jochen Krebs und Klaus Kahrs.

Prunkstück ist die alte Maschine, der original Deutz-Dieselmotor mit sechs Zylindern und 250 PS, der es auf 124 Liter Hubraum bringt, wie das Trio stolz erzählt. Daneben steht der „Jockel“ mit einem Zylinder zur Stromerzeugung, er wird noch per Hand angeschmissen. Strom an Bord war früher Luxus, damit der Kapitän Radio hören konnte, flachst das Trio. Heute ist ein modernes Aggregat an Bord, um die Greundiek gastronomisch zu nutzen.

Die Männer an der Maschine bunkern heute noch 3000 Liter Diesel, kümmern sich mit Öl und Fett, dass alles wie geschmiert läuft und checken täglich eine lange Liste – von den Rettungswesten bis zur Feuerlöschleitung. Für die Männer ist klar: Die Maschine ist das Herz des Schiffes. Um es zu fahren, benötigen sie extra ein Oldtimer-Patent.

Auf der Brücke

Drei Decks höher am Ruderhaus ist richtig Aktion. Die Abteilung Kosmetik wie Chef-Maler Rainer Ebeling sein Team bezeichnet, schleift und ölt das mit Holz verkleidete Ruderhaus. Zum Team gehören Klaus Ifflunder, Burghard Holz und Georg Schwartenbeck. „Die alte Dame will ja auch gut aussehen“, sagt Ebeling mit einem Augenzwinkern und schmeißt die Schleifmaschine wieder an. Unterhaltung zwecklos. Alle drei bis vier Jahre fallen diese Arbeiten an.

Ein schickes Ruderhaus ist wichtig für den Gesamteindruck des Küstenmotorschiffs, das gern als der schwimmende Botschafter Stades bezeichnet wird. Gerade ist das Dach saniert worden.

Am Ruderhaus (von links): Georg Schwartenbeck, Burghard Holz, Klaus Ifflender und Rainer Ebeling.

Am Ruderhaus (von links): Georg Schwartenbeck, Burghard Holz, Klaus Ifflender und Rainer Ebeling.

Die Maler plagt ein Handwerker-Problem dieser Zeit. Material ist Mangelware. Ihnen fehlt die typisch grüne Farbe für den Anstrich. „Wir sind noch nie so schlecht gemalt durch die Saison gegangen“, sagt Ebeling. Das nagt an der Ehre.

Der Aufwand werde immer größer, der Rost breitet sich aus. Ebeling war Maler, Georg Schwartenbeck sogar Farbtechniker, der sich um Auto-Lackierungen kümmerte, also nicht nur ein reiner „Pinselquäler“, wie die Männer fröhlich erzählen.

Am Ruder

Karl Steffens ist heute arbeitslos, ansonsten aber Schiffsführer an Bord. Seit 1958 ist er zur See gefahren, 47 Jahre hat er in Dänemark gelebt. Jetzt ist er zurück in Oldendorf an der Oste. Sein erstes Schiff hieß Ostetal I, ein Kümo, so wie die Greundiek. „Ich habe alles gefahren, vor allem Container, aber nie einen Tanker“, sagt der Kapitän auf große Fahrt in Pension.

Karl Steffens ist nicht der Einzige, der hier normalerweise das Sagen hat. Hannes Feindt und Horst-Jürgen Tofern finden sich auch ein. Das Kapitäns-Trio hält einen Klönschnack auf dem Oberdeck. Gemeinsam planen sie die nächste Tour, wer zur Besatzung gehören wird. Standard auf Oldtimern ist die Doppelbesetzung des Kapitänspostens, falls mal einem etwas während der Fahrt passiert.

Hannes Feindt aus dem Alten Land, der Schelm an Bord und nie um einen Spruch verlegen, ist extra mit einem Oldtimer angereist, die Presse ist ja da: seinem DKW Coupé Deluxe, Jahrgang 1956, nur wenige Jahre jünger als die Greundiek.

An Deck

Jonny Dreyer, Hans Schenk und Hans-Heinrich „Hein“ Behrmann vertreiben sich die Zeit an der frischen Luft, sind da, wo Hände an Deck gebraucht werden. Hein genießt den Ruf des guten Geistes an Bord, ist immer da, springt immer ein, wenn irgendwo Not am Mann ist. 14 Jahre war er Binnenschiffer und auch Richtung Helgoland oder Schweden unterwegs.

Wie so viele kennt er die Handgriffe an Bord aus eigener Erfahrung, nahezu jeder war hier auf Fahrt und frönt mit seinem Ehrenamt der unvergänglichen Liebe zur Seefahrt und zur alten Dame namens MS Greundiek. „Die sind alle mit Emotion und Herzblut dabei“, sagt Finanz- und Pressechef Gerd Becker.

An Deck : Das Kapitäns-Trio mit (von links) Karl Steffens, Hannes Feindt und Horst-Jürgen Tofern.

An Deck : Das Kapitäns-Trio mit (von links) Karl Steffens, Hannes Feindt und Horst-Jürgen Tofern.

Entsprechend groß ist die Vorfreude auf den Höhepunkt 2021: die mehrtägige Ausfahrt zum „Wochenende an der Jade“ am morgigen Mittwoch nach Wilhelmshaven.

„Das hier“, sagt Burghard Holz zum Schluss des einstündigen Besuchs, „ist das schönste Hobby, was du haben kannst.“ Diesmal alles ohne Augenzwinkern.

Die 24-Stunden-Reportage

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:

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