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24-Stunden-Reportage

TMit dem Kommissar auf der Elbfähre

Oberkommissar Torben Kubik überprüft die Identifikationsnummer der Fähre – sie ist so etwas wie ein Kennzeichen am Pkw. Fotos: Beneke

Oberkommissar Torben Kubik überprüft die Identifikationsnummer der Fähre – sie ist so etwas wie ein Kennzeichen am Pkw. Fotos: Beneke

Nicht nur zu Ferienzeiten herrscht Hochbetrieb auf der Elbfähre zwischen Wischhafen und Glückstadt. Damit die Reisenden sicher unterwegs sind, müssen viele Regeln eingehalten werden. Das TAGEBLATT war mit der Wasserschutzpolizei unterwegs.

Mittwoch, 18.08.2021, 14:00 Uhr

Von der Station der Wasserschutzpolizei in Stadersand direkt an der Schwingemündung haben die Beamten einen herrlichen Blick auf ihr Revier. Heute sind Hauptkommissarin Bianka Schwarzbach und Oberkommissar Torben Kubik im Dienst. Am Vormittag waren sie bereits auf Elbe und Lühe unterwegs. Das robuste Schlauchboot mit dem 250-PS-Motor ist ursprünglich für Einsätze auf der Nordsee beschafft worden. Entsprechend rasant geht es zur Sache, bis zu 50 Knoten (rund 90 Stundenkilometer) werden in der Spitze erreicht. Im Visier der Ermittler: Sportbootfahrer. Führerschein, Beleuchtung, Signalhorn, Promille-Grenzen: „Viele Freizeitkapitäne kennen die Regeln nicht“, sagt Kubik.

Acht Beamte sowie eine Bürokraft im Geschäftszimmer zählen derzeit zum Team der Station, die montags bis freitags von 7 bis 22 Uhr und am Wochenende zu wechselnden Zeiten besetzt ist. Sie sind zuständig für alle Nebenflüsse der Elbe zwischen Hamburg und Cuxhaven, den Elbe-Weser-Schifffahrtsweg von Otterndorf bis Bremerhaven und sämtliche Häfen und Anleger am niedersächsischen Ufer. Die Stader kontrollieren vor allem Schiffe im Seehafen, für das Hauptfahrwasser der Elbe sind die Hamburger Kollegen zuständig. Die Stader Station ist an die Wasserschutzpolizeiinspektion Oldenburg angegliedert.

Fähren werden mehrmals im Jahr kontrolliert

Nach der Mittagspause geht es mit dem Streifenwagen – ein Pick-up, der auch das getrailerte Einsatzboot ziehen kann – den Obstmarschenweg entlang gen Fähranleger in Wischhafen. Die Fähren im Liniendienst zwischen Niedersachsen und Schleswig-Holstein kontrollieren die Wasserschutzpolizisten mehrmals im Jahr, wie auch die Schiffe der Lühe-Schulau-Fähre. Nicht nur zum Saisonauftakt zeigen die Beamten hier Präsenz. Eine kleine Schlange von Fahrzeugen hat sich vor dem Anleger gebildet. Kubik steuert den Streifenwagen auf den Parkplatz. Mit einer Checkliste in der Hand schreitet er zusammen mit Kollegin Schwarzbach schnurstracks auf den Aushangkasten am Ufer zu.

Die Sonne scheint, das Thermometer zeigt 25 Grad, am Himmel nur ein paar harmlose Wolken. Ideales Ausflugswetter. Das denken sich wohl auch die Ausflügler, die in Scharen die Elbseiten wechseln. Die Fähre „Wischhafen“ hat gerade angelegt. Erst dürfen die Radfahrer und Fußgänger aufs Schiff, dann die Autos und Wohnmobile. Ein paar Motorradfahrer schlängeln sich an ihnen vorbei. Lastwagen sind diesmal keine dabei. Ein Einweiser dirigiert die Fahrzeugführer in die Lücken. Nach wenigen Minuten ist die Fähre voll. „Drüben brennt die Luft“, sagt Schiffsführer Mario Bange, während er die „Wischhafen“ durch die Wischhafener Süderelbe steuert. Seit neun Jahren ist er auf dieser Strecke im Einsatz.

Er sieht der Kontrolle gelassen entgegen, bewahrt alle wichtigen Unterlagen abgeheftet in einem Schrank im Führerstand auf. „Hier hat keiner etwas zu verbergen“, sagt Bange. Der Besuch der Wasserschutzpolizei gebe ihm ein beruhigendes Gefühl. Seinen Führerschein holt er aus dem Portemonnaie. Im Schrank sieht Kubik eine Rettungsweste und nimmt sie in die Hand. Sie ist eingeschweißt und verplombt, auf dem Siegel steht die Jahreszahl 2023. Kubik lächelt zufrieden. Derweil schaut sich Schwarzbach die ärztlichen Bescheinigungen Banges an. Ab dem 50. Geburtstag müssen Kapitäne von Fahrgastfähren alle fünf Jahre zur Eignungsprüfung beim Arbeitsmediziner, ab dem 65. Geburtstag jedes Jahr. Die Atteste sind aktuell, kein Grund zur Beanstandung.

Die Checkliste ist lang

Radar- und Funkpatent hat Bange in seiner klimatisierten Kabine ebenfalls griffbereit. Schwarzbach lässt sich die Trinkwasserbescheinigung zeigen. Weil die Fähre Menschen befördert, muss das Trinkwasser regelmäßig auf Keimfreiheit untersucht werden. Das Testat des Kreises Steinburg in Schleswig-Holstein ist von Anfang des Jahres. Die umfangreichen Zulassungsunterlagen sind eher technischer Natur: Daten zu den Motoren, zur Wasserverdrängung des Schiffskörpers, zu Tonnagen und Gefahrgutkapazitäten. Hinzu kommen Akten zur Feuerlösch- und Brandmeldeanlage. „Wenn es zu einem Brand im Maschinenraum kommt, muss das funktionieren“, sagt Schwarzbach. Dann verschließen sich Luken automatisch, eine Sprinkleranlage nimmt ihren Dienst auf. Damit soll erreicht werden, dass sich das Feuer nicht weiter ausbreitet. Die Fähre „Wischhafen“ ist 1988 in der Sietas-Werft in Neuenfelde vom Stapel gelaufen.

Kubik hat derweil die Rettungsmittel im Visier. In den Zulassungspapieren ist von 400 Einzelrettungsmitteln die Rede. Das können zum Beispiel Rettungsringe sein, Rettungsflöße und Rettungsboote. Alleine auf den Flößen, von denen es Dutzende an Bord gibt, ist jeweils Platz für 15 Passagiere. Eine große Schiffsglocke – vorgeschrieben für Nebelfahrten – und Leuchtmittel an den Rettungsringen hat Kubik schnell erspäht. Damit kann er einige Punkte seiner zweiseitigen, eng beschriebenen Checkliste abhaken.

Schiffsführer Mario Bange im Leitstand: Er hat kein Problem mit den unangekündigten Kontrollen der Wasserschutzpolizei.

Schiffsführer Mario Bange im Leitstand: Er hat kein Problem mit den unangekündigten Kontrollen der Wasserschutzpolizei.

"Ein Vorzeigeschiff"

Bange zeigt auf Seeadler, die sich im Schlick sonnen. Am Horizont ist ein Spülschiff zu sehen. „Der Schlickanteil ist seit der neuerlichen Elbvertiefung deutlich mehr geworden“, sagt Bange. „Besonders in den letzten zwei bis drei Jahren hat sich hier viel verändert.“ Die seit Jahrzehnten angestammte Route ins Hauptfahrwasser sei „total dicht“, könne nicht mehr genutzt werden. Auf der Bundeswasserstraße habe die Fähre keine Vorfahrt, erklärt Bange. „Das ist mit viel Augenmaß verbunden.“ Analoge und digitale Seekarten, ein Radargerät und bei einer Sicht von unter 500 Metern eine individuelle Navigationshilfe durch die Radarberatung in Brunsbüttel stehen ihm zur Orientierung zur Verfügung. Die elektronische Seekarte zeichnet die zurückgelegte Route auf – ein wichtiges Beweismittel bei einem Unfall.

„Ein Vorzeigeschiff“, sagt Kubik. Er hat gerade die Schall- und Lichtsignale überprüft. „Sie funktionieren einwandfrei.“ Die Fähre ist derweil in Glückstadt angekommen, leer und füllt sich in Windeseile. Jetzt geht es wieder zurück gen Wischhafen. Schwarzbach und Kubik machen während der Rückfahrt noch einen Abstecher in den lauten Maschinenraum, überprüfen die Ablaufdaten von Feuerlöschern, Schwimmwesten, Erste-Hilfe-Kästen. Schwarzbach fallen die deutlich erkennbar ausgeschilderten Fluchtwege ins Auge: „Das ist vorbildlich.“ Vom Maschinisten lässt sie sich das Öltagebuch geben, in dem die Altölentsorgung dokumentiert werden muss. Die Einträge wirken plausibel.

Die Polizisten haben genug gesehen. „Kommen Sie gerne wieder“, sagt Schiffsführer Bange zum Abschied. In Wischhafen angekommen, hat sich der Himmel zugezogen. Der Wind hat aufgefrischt. Zeit für die Heimfahrt. Zurück am Schreibtisch müssen sie noch den Einsatzbericht zur Kontrolle schreiben.

Serie: Die 24-Stunden-Reportage

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:

Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT

Teil 2: In der Rettungsleitstelle

Teil 3: Auf Stadersand

Teil 4: Auf der Intensivstation

Teil 5: Beim Brötchen-Imbiss

Teil 6: Im Molkerei-Tankwagen

Teil 7: Krafttraining beim BSV

Teil 8: Packen des Verkaufswagens

Teil 9: Der Spül- und Saugwagen

Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit

Teil 11: 1000 Essen in der Küche

Teil 12: Im Oste-Sperrwerk

Teil 13: Beim Mittagstisch

Teil 14: Auf der Greundiek

Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei

Teil 16: Beim Minigolf

Teil 17: Die DJs von der Elbe

Teil 18: Beim Streetworker

Teil 19: Beim Strandwächter

Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund

Teil 21: Am Lühe-Anleger

Teil 22: Katzen fangen

Teil 23: Kneipen-Kehraus

Teil 24: Der letzte Zug

Fährschiff Wischhafen aus der Perspektive eines Polizeihubschraubers Foto: Kubik

Fährschiff Wischhafen aus der Perspektive eines Polizeihubschraubers Foto: Kubik

Fährschiff Wischhafen aus der Perspektive eines Polizeihubschraubers Foto: Kubik

Fährschiff Wischhafen aus der Perspektive eines Polizeihubschraubers Foto: Kubik

Fährschiff Wischhafen aus der Perspektive eines Polizeihubschraubers Foto: Kubik

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