TMinigolf: Wenn das Runde nicht ins Runde will
„Geschafft!“ Sabine Grahl, Sohn Louis und sein Freund Leander Steinkopff (rechts) haben viel Spaß beim Minigolfen in Neu Wulmstorf.Fotos: Michaelis
Minigolf ist einfach, sozusagen ein Kinderspiel? Von wegen. Den kleinen Gummiball dorthin zu kriegen, wo er hin soll, ist nicht ohne. Auf der Minigolfanlage von Frank Marx in Neu Wulmstorf pflegen schlagkräftige Menschen den Ballsport mit Leidenschaft.
Ein spitzer Schrei gellt quer über die weitläufige Anlage gegenüber dem Neu Wulmstorfer Freibad. „Neiiin“ tönt es ganz hinten von Bahn Nummer 9, und ein junger Mann sammelt eilends den kleinen roten Ball aus dem Gras, den er leider viel zu stark geschlagen hat und der nun an der metallenen Bande kräftig abgeprallt und weit hinaus ins Off geflogen ist.
Es ist Sonnabend, 15 Uhr, die Sonne kommt hervor, und der von Bäumen umsäumte Rasenplatz füllt sich langsam mit Spielern. Auf Bahn 5 wird Sabine Grahl gerade etwas nervös, weil hinter ihr die nächste Familie schon mit Bahn 4 fertig ist und nun wartet und amüsiert zuschaut, wie sich ihre Vorgänger abmühen mit Bahn 5. Sabine Grahl ist mit ihrem Sohn Louis und dessen Buxtehuder Freund Leander Steinkopff mit dem Rad aus Fischbek gekommen, und die Drei haben sichtlich Spaß, auch wenn Sabine Grahl jetzt noch vier Schläge braucht, bis sie den Ball endlich eingelocht hat.
Einzige Anlage im Hamburger Süden
Grahls kommen seit Jahren immer wieder gern auf die Minigolf-Anlage von Frank Marx, die einzige ihrer Art im weiten Umkreis im Hamburger Süden. „Es ist so toll, dass es solche Anlagen noch gibt“, sagt Sabine Grahl, „es bringt so viel Spaß und das Team hier ist immer sehr nett.“
Wie die meisten Spieler, die sich an diesem Nachmittag auf der Anlage vergnügen, spielen auch Sabine Grahl und die beiden Jungen nicht streng nach Reglement, sondern „nur so, dass es Spaß macht“, erklärt der zwölfjährige Louis und schwenkt wild seinen Schläger über dem Kopf.
Denn eigentlich hat Minigolf, eine Variante des Bahnengolfs, ziemlich strenge Regeln, wenn es so gespielt wird, wie es das internationale Regelwerk verlangt. Pro Bahn hat jeder Spieler nur sechs Schläge, um den kleinen Ball auf dem vorgeschriebenen Weg durch die Hindernisse zu schlagen und am Ende im Loch zu versenken.
Wem das nicht gelingt, der kriegt satte sieben Punkte aufgebrummt und muss das Spiel an der nächsten Bahn fortsetzen. Wer am Ende die wenigsten Punkte hat, gewinnt. Doch hier sieht das heute keiner so eng. Gespielt wird, bis der Gummiball, den Marx in vielen unterschiedlichen Farben und Härtegraden bereithält, im Loch versenkt ist.
Marx' Eltern gründeten den Minigolf-Club
Derweil verfolgt Frank Marx das fröhliche Treiben auf seiner Anlage mit zufriedenem Blick. Der 65-Jährige ist in Neu Wulmstorf „Mr. Minigolf“ schlechthin und lebt den Geschicklichkeitssport seit seiner Kindheit. 1955 war in Traben-Trarbach die erste Minigolfanlage Deutschlands gebaut worden, und der neue Trendsport verbreitete sich schnell. 1965 legte ein Privatinvestor aus Köln die Anlage für den noch relativ jungen Sport im grünen Neu Wulmstorfer Süden gegenüber dem Freibad an.
Für seine Gäste hält Frank Marx Schläger in unterschiedlichsten Längen, für große und kleine Spieler und etwa 150 Bälle bereit, von hart bis weich.
Marx‘ Eltern, die nebenan wohnten, gründeten kurz darauf den 1. MSC Neu Wulmstorf, der bis heute seine Turniere auf der 5700 Quadratmeter großen Anlage austrägt. Schon als kleiner Junge ging Sohn Frank mit auf Turniere und Meisterschaften. 1981 kaufte sein Vater dann die Anlage Am Bach und baute eine kleine Gastwirtschaft mit Terrasse dazu. Die Gastronomie der Minigolf-Klause ist bis heute das zweite Standbein für Marx, der 1991 die Anlage vom Vater übernahm. Seither ist der gelernte Schriftsetzer fast täglich auf seinem Platz. Sechs Tage die Woche, oft zehn bis zwölf Stunden. Freizeit hat er so gut wie nicht. Schläger und Bälle ausgeben, Gäste und Gesellschaften bewirten, Feiern ausrichten, denn der Minigolfplatz allein würde ihm kein Auskommen sichern, erzählt Marx.
Nur noch ein Dutzend Mitglieder
Sabine Grahl und ihre beiden jungen Mitspieler sind unterdessen an Bahn 7 angekommen, die mit als die schwerste gilt und an der ausnahmsweise weites Ausholen und kräftiges Schlagen angesagt ist. Als einzige der sonst nach Norm stets zwölf Meter langen und 1,25 Meter breiten Bahnen muss der Ball hier durch zwei Pfosten hindurch über fast 25 Meter bis auf die Bahn geschlagen werden. Leander schafft die Strecke denn auch mit einem Schlag, aber bis er den Ball hinten im Loch hat, braucht er dann doch noch vier Schläge. „So ein Mist“, kommentiert er, denn das versaut die Punktzahl. Trotzdem hat er ein ganz gutes Gefühl, nachdem knapp die Hälfte der Bahnen hinter ihm liegt. „Ich schätze mal, ich werde Zweiter“, gibt der elfjährige Buxtehuder zu Protokoll.
Dass seine Anlage in der ganzen Region bis heute beliebt ist und besucht wird, freut Frank Marx. Erlebt hat er allerdings noch ganz andere Zeiten. Damals, in den 1980- und 1990er-Jahren, in der Boom-Phase des Minigolfs. Mehr als 100 Leute waren sie damals im Club, alle Neu Wulmstorfer Geschäftsleute, die etwas auf sich hielten, waren dabei, erinnert sich Marx: „Minigolf war in, und hier auf der Anlage brummte es wie verrückt.“ 1988 richteten die Neu Wulmstorfer sogar die Deutschen Meisterschaften aus und wurden selbst Deutscher Meister. Heute sind sie noch ein Dutzend Leute im Verein, berichtet Marx, und auch die Besucherzahlen sind kein Vergleich zu früher. Erst seit Corona sei es wieder ein bisschen mehr geworden, in der Zeit der Pandemie, als so vieles andere nicht ging, hat mancher auch das Geschicklichkeitsspiel im Freien wiederentdeckt.
Anlage bis heute turnierfähig
Ans Aufhören denkt Marx trotzdem nicht. Schließlich ist er auch ein wenig stolz auf seine Anlage, die er über die Jahrzehnte hinweg immer wieder repariert und in Schuss gehalten hat und die bis heute turnierfähig ist mit ihren 18 Betonbahnen, die überall auf der Welt genormt und gleich gestaltet sein müssen. Und er freut sich, wenn seine Gäste, wie Sabine Grahl und ihre Jungs, so großen Spaß haben beim Spiel.
Und dann gibt es auch noch die passionierten Minigolfer, wie Ronny und Wassana Heinrich, die mit Sohn Tim aus Neuenfelde gekommen und den Grahls dicht auf den Fersen sind. Geduldig warten die Drei, die mit dem Einlochen eindeutig schneller sind, bis die Fischbeker vor ihnen ihre Schläge durch haben. „Wir sind schon seit halb zwölf hier und spielen schon die dritte Runde hintereinander“, verrät Ronny Heinrich. Minigolf bringe Spaß und sei besser, als zu Hause vor dem Computer zu hocken, finden die Drei und der zwölfjährige Tim betont: „Wir spielen streng nach den Regeln.“ Das geht allerdings schon auf der nächsten Bahn fast schief. Gerade noch rechtzeitig mit dem sechsten Schlag kann Vater Ronny seinen Ball einlochen. „Ich war auch schon mal besser“, murmelt er.
Wassana und Ronny Heinrich mit Sohn Tim aus Neuenfelde sind begeisterte Minigolfer . Sie spielen gleich drei Runden hintereinander.
Am Ende hat Leander sein Gefühl doch leicht getrogen. Als die Jungen gegen 16 Uhr sorgfältig ihre Zettel auszählen, zeigt sich: Leander ist sogar Erster geworden und Sabine Grahl landet auf dem letzten Platz. „So, nach diesem Hochleistungssport gibt’s jetzt erstmal eine Pause“, sagt sie und lässt sich in einen der Stühle im Garten fallen: Für sie gibt es ein Bier und für die Jungen Pommes. „Hoch verdient“, findet sie. Und nun können sie auch mal in Ruhe und ohne Verfolger auf den Fersen zugucken, wie die anderen die Bälle in den Rasen schießen.
24 Stunden
Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:
Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT
Teil 2: In der Rettungsleitstelle
Teil 4: In der Intensivstation
Teil 7: Krafttraining beim BSV
Teil 8: Packen des Verkaufswagens
Teil 9: Der Spül- und Saugwagen
Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit
Teil 11: 1000 Essen in der Küche
Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei
Teil 16: Beim Minigolf
Teil 17: Die DJs von der Elbe
Teil 18: Auf der Eier-Farm
Teil 19: Beim Strandwächter
Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund
Teil 21: Am Lühe-Anleger
Teil 22: Katzen fangen
Teil 23: Kneipen-Kehraus
Teil 24: Der letzte Zug
Alle bereits erschienenen Teile unter: www.tageblatt.de/24stunden