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24-Stunden-Serie

TDie DJs von der Elbe: Sie bringen die alten Menschen zum Rocken

Dirk Ludewig und sein Kumpel Hans-Günter „Pinschi“ Repinski (links) sind die DJ‘s von der Elbe . Seit Mai 2019 unterhalten sie Kinder und Senioren. Fotos: Berlin/privat

Dirk Ludewig und sein Kumpel Hans-Günter „Pinschi“ Repinski (links) sind die DJ‘s von der Elbe . Seit Mai 2019 unterhalten sie Kinder und Senioren. Fotos: Berlin/privat

Dieses eine Bild hat sich auf die Netzhaut von Dirk Ludewig gebrannt. In einem Altersheim in Stade liegt eine Frau im Sterben. Die DJ’s von der Elbe spielen für sie den Klassiker „Die kleine Kneipe“ von Peter Alexander. Plötzlich hebt die Dame beide Hände. Ihre Augen leuchten.

Freitag, 20.08.2021, 10:00 Uhr

Für diese Momente leben Ludewig und sein Kumpel Hans-Günter „Pinschi“ Repinski. Um Menschen glücklich zu machen, sind die beiden seit gut zwei Jahren als die DJ’s von der Elbe unterwegs.

Die beiden Drochterser Ludewig und Repinski bauen ihre von Kneipenwirt André Göringer geborgte Soundanlage seit Mai 2019 in Alten- und Pflegeheimen auf. Sie spielen bei Kinderfesten, dem vor 45 Jahren von Ludewig selbst initiierten Ferienspaß in Drochtersen und Vereinsfeiern. Ludewig (75) und Repinski (65) tragen rote T-Shirts, Sonnenbrillen, eine rote Fahne mit ihrem Logo und Fotos von vergangenen Auftritten hängt hinter dem Mischpult. Auf einem Aufsteller steht die Handynummer von Ludewig. Für heute buchte der Heimatverein in Hüll das Duo. In einem malerischen Ensemble von alten mit Reet bedeckten Häusern und Scheunen machen sie das, was sie am liebsten machen. Musik, sabbeln und die Menschen unterhalten. „Ich mag Musik, wenn sie gut gemacht ist. Egal, ob Schlager oder Rock“, sagt Repinski.

Ein Versprechen an die Mutter

„Pinschi“ Repinksi unterteilt eine zwanzig Quadratmeter große Rasenfläche in drei Teile und spannt Flatterband um die einzelnen Parzellen. In der mittleren und letzten Parzelle stehen Kartons aus Pappe. Mehrere Kinder versuchen, kleine und große Frisbees mehr oder weniger gefühlvoll in die Kartons zu werfen. Es dauert bis das erste Kind trifft. Dann reckt ein Mädchen begleitet von einem spitzen Schrei ihren rechten Arm in die Höhe. Sie darf ans Mischpult treten. Ludewig interviewt die Kleine. Name, Alter. Wo kommt sie her? Er sagt ihr, dass sie eine ganz Große ist, eine sensationelle Leistung vollbracht hat. Ihr Geschenk darf sie sich aussuchen. Auf einem Tisch liegt allerhand Kleinkram. Das Mädchen entscheidet sich für eine Handyhülle aus Filz. Sie strahlt, geht weg und nimmt sich die nächste Frisbeescheibe. Am Ende des Wettbewerbs gewinnt sie sogar einen Pokal, weil sie drei Mal getroffen hat.

Ludewigs Mutter verlebte ihren Lebensabend in einer Seniorenresidenz in Drochtersen. An einem Tag legte Ludewig dort musikalische Klassiker auf. Seiner Mutter gefiel der Auftritt so sehr, dass sie ihrem Sohn schließlich kurz vor ihrem Tod das Versprechen abnahm, künftig viele andere alte Menschen zu unterhalten. Ludewig, Lokalpolitiker, Sportvereinschef, Hallen- und Stadionsprecher, Organisator, Ex-Lehrer und seit gut zehn Jahren Pensionär, hält das Versprechen bis heute.

Zurück auf dem Heimathof in Hüll: Dort feiern die Menschen gerade den Verbindungsweg zwischen Hüll und Großenwörden, den sogenannten Postbüddelpadd, mit Musik und bei Kaffee, Kuchen und Bratwurst. Dirk Ludewig gibt kurz das Mikrofon aus der Hand. Der Hüller Günther Andreas erzählt aus der Geschichte des Weges. Ludewig gibt das Mikrofon nicht oft ab. Er ist der Frontmann der DJ’s von der Elbe, er ist der, der redet, animiert, über sein Mobiltelefon den nächsten Titel aufruft. „Pinschi“ Repinski gilt als der ruhige Vertreter, der Techniker, der der alles zusammen- und auseinanderbaut. Ganz am Anfang tingelten die DJ’s von der Elbe noch mit einem Trecker durch die Lande. Wilhelm Rusch steuerte den von seiner Frau Almut geschmückten Wagen. Vom Anhänger kam die Musik. Sturm und Gewitter haben die drei unterwegs bei ihren Touren erlebt.

Das ältere Publikum nimmt die musikalischen Nachmittage begeistert an.

Das ältere Publikum nimmt die musikalischen Nachmittage begeistert an.

„Die Dankbarkeit ist groß“

Aber im Gedächtnis bleiben die Auftritte in den Alten- und Pflegeheimen. In Jork spielten die DJ’s von der Elbe Queens Kult-Ballade „We will rock you“, und die Bewohner rockten klatschend mit. „Fehlte nur noch, dass sie sich auf den Boden knien“, sagt Ludewig. In Fredenbeck legte Ludewig die Rolling Stones auf. Ein Mann erzählte ihm, er sei großer Fan der Band. Ludewig zeigte ihm das Tattoo auf seinem Oberarm, die Stones-Zunge. Der Mann feierte. Die Liste der DJ’s von der Elbe reicht vom modernen Pop und Rock der Neuzeit bis zurück zu den bekanntesten Stücken aus den 1930er Jahren. Die Menschen schunkeln, wer tanzen kann, tanzt. Die Pflegerinnen und Pfleger helfen dabei. „Die Dankbarkeit ist groß“, sagt Ludewig. 32 Heime haben die beiden in den vergangenen Jahren besucht. Anfragen kommen aus dem gesamten Landkreis und über die Kreisgrenzen hinaus aus Zeven und Sittensen. Repinski und Ludewig schreiben sogar Autogramme. Geld wollen sie für ihre Auftritte nicht haben.

In den heftigsten Zeiten der Corona-Lockdowns, als Abstand halten die eisernste Regel war, ließen Bewohner eines Heimes Briefe an Bändern von ihren Balkonen herab. „Kommt wieder!“ stand darin. Wenn Ludewig von den Erlebnissen erzählt, steigt ihm das Wasser in die Augen.

An diesem Nachmittag sind es höchstens Lachtränen, die laufen, weil sich die Bürgermeister aus Himmelpforten und Drochtersen, Bernd Reimers und Mike Eckhoff, und Landratskandidat Kai Seefried zu Ehren des Postbüddelpadds mit unterschiedlich funktionierenden Taktiken daran versuchen, einen kleinen Lkw an einem Seil aufzuwickeln. Ludewig spöttelt, aber liebevoll. Wenn er nicht gerade Musik auflegt, erzählt er seinem älteren Publikum, wie gut es heute aussieht. Die Betonung liegt auf heute. Bei den Kindern lässt Ludewig die kleinen Spitzen weg. Die begleitet er mit Enthusiasmus durch das Programm. Immer authentisch. Und Ludewig strahlt, wenn die Kinder strahlen.

24 Stunden

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:

Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT

Teil 2: In der Rettungsleitstelle

Teil 3: Auf Stadersand

Teil 4: In der Intensivstation

Teil 5: Beim Brötchen-Imbiss

Teil 6: Im Molkerei-Tankwagen

Teil 7: Krafttraining beim BSV

Teil 8: Packen des Verkaufswagens

Teil 9: Der Spül- und Saugwagen

Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit

Teil 11: 1000 Essen in der Küche

Teil 12: Am Oste-Sperrwerk

Teil 13: Beim Mittagstisch

Teil 14: Auf der Greundiek

Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei

Teil 16: Beim Minigolf

Teil 17: Die DJs von der Elbe

Teil 18: Auf der Eier-Farm

Teil 19: Beim Strandwächter

Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund

Teil 21: Am Lühe-Anleger

Teil 22: Katzen fangen

Teil 23: Kneipen-Kehraus

Teil 24: Der letzte Zug

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