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24-Stunden-Serie

TEr hat am Bassenflether Strand das Sagen

Ernst-August Pape engagiert sich seit einigen Jahren als Strandaufsicht in Bassenfleth. Fotos: Battmer

Ernst-August Pape engagiert sich seit einigen Jahren als Strandaufsicht in Bassenfleth. Fotos: Battmer

An einem frühen Freitagabend ist für gewöhnlich viel los am Bassenflether Strand. Doch das durchwachsene Wetter sorgt dafür, dass nur wenige am Strand sind, als Ernst-August Pape seine Runde dreht. Darum freut sich der Strandwärter trotzdem auch heute auf seinen Job.

Von Mario Battmer Montag, 23.08.2021, 12:00 Uhr

Der Sand ist immer noch fest und etwas feucht vom Regen. Bei jedem Schritt kickt Ernst-August Pape einen kleinen Batzen Sand mit seinen schwarzen Lederschuhen vor sich her. „Nicht viel los heute“, sagt er. Das hat er aber auch nicht erwartet, dafür sei das Wetter den ganzen Tag über zu schlecht gewesen, meint Pape. Aber, als wäre es geplant, schiebt sich pünktlich zum Beginn seiner Runde die Sonne hinter den Wolken hervor. Die Wellen rauschen. Es ist windig, aber ruhig. Nur einige wenige erfreuen sich an diesem Abend an dieser Idylle. Im Schatten sitzt ein Mann und raucht seine Wasserpfeife. Zwei Frauen gehen mit einem Hund spazieren, der einmal kurz in die Elbe springt und nun klatschnass über den Strand läuft.

Tausende Kilometer zu Fuß gelaufen

Obwohl am Volleyballfeld kein Netz an den leicht verrosteten Pfosten gespannt ist, schlagen sich zwei Jugendliche ein paar Bälle zu. Souhail Couzim und Arjin Aktanus kommen aus Bayern und machen eine Woche Urlaub im Feriendorf. „Wir waren jeden Tag hier am Strand“, erzählt Souhail Couzim, trotz des mäßigen Wetters im Laufe der Woche. „Es ist schön hier.“

Einen schöneren Arbeitsplatz gibt es wohl nicht, schon gar nicht für Ernst-August Pape. Der 82-Jährige ist seit etwa vier Jahren Strandaufsicht. Tausende Kilometer hat er in dieser Zeit schon entlang der Elbe abgerissen. Zur Hochsaison sieht er mindestens zwei Mal pro Tag am Strand nach dem Rechten. Für seinen Aufwand bekommt er 100 Euro im Jahr. „Spritgeld“, nennt es Pape, der nur knapp einen Kilometer entfernt vom Strand wohnt. „Vielleicht kann ich mal mit dem Bürgermeister über eine Gehaltserhöhung sprechen“, sagt Pape und lacht. Denn ihm geht es bei seiner Arbeit nicht ums Geld, viel mehr freut sich der frühere Lkw-Fahrer darüber, hier etwas Gutes zu tun. „Ich bin hier aufgewachsen, habe als Kind schon am Strand getobt“, erklärt Pape seine Zuneigung für das Altländer Stück Elbstrand.

Souhail Couzim (links) und Arjin Aktanus aus Bayern machen Urlaub in Hollern-Twielenfleth.

Souhail Couzim (links) und Arjin Aktanus aus Bayern machen Urlaub in Hollern-Twielenfleth.

Ernst-August Pape verschafft sich einen Überblick. Der Andrang ist trotz des Sonnenscheins noch überschaubar. Pape trägt dunkle Jeans, eine dicke Jacke, darüber eine Warnweste mit der Aufschrift „Strandaufsicht“. Ihm fällt Waldemar Fecsch ins Auge. Der Hamburger läuft mit einem Metalldetektor in der Hand und Kopfhörer auf den Ohren ganz nah am Wasser. Sondeln nennt sich dieses Hobby, das Fecsch seit zwei Jahren betreibt. Er greift in seine Jackentasche und holt den „Lohn“ seiner vergangenen zwei Stunden heraus: 1,60 Euro hat er gefunden. Fecsch zündet sich eine Zigarette an und macht sich weiter auf die Suche nach Schätzen.

Waldemar Fecsch aus Hamburg mit einem Metalldetektor am Strand.

Waldemar Fecsch aus Hamburg mit einem Metalldetektor am Strand.

Die erste größere Gruppe des Abends kommt durchs Gestrüpp an den Strand. Die neun Jugendlichen haben Decken unter dem Arm und einen Korb voller Getränke dabei. Einer der beiden Jungs trägt eine Kiste Bier. Nachdem sie es sich etwas abseits bequem gemacht haben, schaut auch Ernst-August Pape bei ihnen vorbei. „Hallo ihr Lieben“, spricht er die Gruppe locker an. „Was feiert ihr denn?“ Elisa Heistermann holt an diesem Abend die Feier zu ihrem 16. Geburtstag nach. Die neunköpfige Gruppe hat so einiges an Getränken mitgebracht. „Ihr habt ja alles dabei und dann nur zwei Jungs bei sieben Mädchen...“, sagt Pape. Die Gruppe lacht. „Euren Müll lasst ihr nicht liegen, das weiß ich“, gibt Pape den Jugendlichen noch mit auf den Weg und überlässt sie dann ihren Feierlichkeiten.

Das größte Problem

Solche kleinen Schnacks machen die Aufgabe der Strandaufsicht erst so richtig schön. „Ich liebe das“, sagt Pape. Gerade mit Jüngeren kommt er gerne ins Gespräch – zum Beispiel, wenn die Schulabschlussfeten mit bis zu 700 Schülern am Strand steigen. Und das obwohl ihm gerade solche Feiern oft viel Arbeit bescheren. Zum Beispiel am 20. Juli, als eine Schülerparty eskalierte und der ganze Strand vermüllt war (das TAGEBLATT berichtete). An solchen Abenden ist Ernst-August Pape dann schon mal bis tief in die Nacht am Strand, nur um wenige Stunden den gröbsten Müll einzusammeln.

Das ist in den Augen von Pape das größte Problem am Strand. Darum sucht der Strandwärter unermüdlich das Gespräch mit Besuchern vor Ort. Er redet ja ohnehin allzu gerne mit den Strandgängern. Die meisten zeigten Verständnis, Ärger habe er noch nie gehabt. „Nur wenn Leute ihren Müll liegen lassen, obwohl ich mit ihnen darüber gesprochen habe – das ärgert mich dann“, sagt er. Zumal schon drei Container für Müll am Strand stehen. Gespräche und direkte Ansprachen, darauf setzt Pape. Eigentlich ist es gar nicht seine Aufgabe, Müll wegzuräumen, aber wenn er etwas sieht, dann nimmt er es mit und packt es selbst in einen der Container. „Wie sieht das sonst aus, wenn Eltern mit ihren kleinen Kindern herkommen“, meint Pape und verrät: „Mädchen räumen hier übrigens öfter und gründlicher auf als Jungs.“

An diesem Abend findet Strandwärter Pape glücklicherweise nichts, eingreifen muss er auch nicht. Kurz vor 19 Uhr beendet er seine Runde. „Alles ruhig“, sagt er. Die Sonne sinkt hinter die Bäume und wirft Schatten auf den Strand. Bei so wenigen Besuchern wird Pape abends nicht wiederkommen müssen. Der Rentner verschwindet im Gestrüpp. Um ihn herum zirpen Grillen und läuten seinen Feierabend ein.

24 Stunden

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:

Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT

Teil 2: In der Rettungsleitstelle

Teil 3: Auf Stadersand

Teil 4: In der Intensivstation

Teil 5: Beim Brötchen-Imbiss

Teil 6: Im Molkerei-Tankwagen

Teil 7: Krafttraining beim BSV

Teil 8: Packen des Verkaufswagens

Teil 9: Der Spül- und Saugwagen

Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit

Teil 11: 1000 Essen in der Küche

Teil 12: Am Oste-Sperrwerk

Teil 13: Beim Mittagstisch

Teil 14: Auf der Greundiek

Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei

Teil 16: Beim Minigolf

Teil 17: Die DJs von der Elbe

Teil 18: Auf der Eier-Farm

Teil 19: Beim Strandwächter

Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund

Teil 21: Am Lühe-Anleger

Teil 22: Katzen fangen

Teil 23: Kneipen-Kehraus

Teil 24: Der letzte Zug

Der Strandwärter spricht mit einer Gruppe Jugendlicher, die am Freitagabend Geburtstag feiern.

Der Strandwärter spricht mit einer Gruppe Jugendlicher, die am Freitagabend Geburtstag feiern.

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