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24-Stunden-Serie

TFür die einen ist es nur der Lühe-Anleger, für andere „LA“

Das nette Duo hinterm Tresen: Yaser und Serdar (rechts), die 2015 als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind und heute im „Königlich&Köstlich“ arbeiten. Fotos: Stephan

Das nette Duo hinterm Tresen: Yaser und Serdar (rechts), die 2015 als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind und heute im „Königlich&Köstlich“ arbeiten. Fotos: Stephan

„Wir wollten noch mal mit der Harley eine Runde drehen“. „Wir haben eine Woche Urlaub an der Elbe und sind jeden Abend hier“. „Hier kann ich richtig entschleunigen“ – drei Sympathie-Bekundungen für den Ort, der im Kreisgebiet einen besonderen Stellenwert hat.

Von Wolfgang Stephan Mittwoch, 25.08.2021, 12:00 Uhr

20 Uhr, fast ein Traumabend in der untergehenden Sonne, die um 20.32 Uhr irgendwo hinter dem Firmament verschwunden sein wird. Vor einer Stunde war die Aida zu bewundern, eine willkommene Abwechslung der gemischten Gesellschaft, die sich zum „Sundowner“ eingefunden hat. Rustikal versteht sich, mit Holzbänken als Sitzgelegenheiten oder ganz verwegen zwischen den Steinen auf dem Deich.

Gelungene Integration

„Königlich&Köstlich“ steht auf dem gelben Wagen, in dem Serdar und Yaser auf kleinstem Raum in der Abendsonne schuften und sich die Sympathie ihrer Gäste verdienen. Kaum einer weiß, dass die beiden Syrer als Flüchtlinge mit dem großen Strom Ende 2015 in den Kreis Stade geflüchtet sind. Weil sie in ihrer Heimat um ihr Leben bangen mussten. Ihre Geschichte der vergangenen sechs Jahre könnte jederzeit als Beispiel für eine gelungene Integration dienen, die beiden haben vieles richtig gemacht – auch, weil sie an den richtigen Mentor gekommen sind. Sie hatten das Glück auf Amir Afschartabbar zu treffen, der damals noch das „Amadis“ am Stader Fischmarkt betrieben hatte und heute ihr Chef im „Königlich&Köstlich“ ist. Damals gab es die klare Absprache: Erst Deutsch lernen und dann bei ihm arbeiten. Das hat funktioniert, Serdar ist heute einer der Sympathieträger der Wirtsleute am Lühe-Anleger. „Die beiden sind so nett, wir sind jeden Abend hier“, sagen Laura und Susanne Schäfer aus Nordrhein-Westfalen, die eine Woche im Ferienhaus das Alte Land nicht nur bei bestem Wetter erleben durften, aber den Abend mit einem Cocktail am Lühe-Anleger jeweils beendeten.

„Elbe und Schiffe bei einem guten Getränk genießen“, sagen Andrea Tiedemann und Josef Kiefer, die beide fast Nachbarn am Lühe-Anleger sind.

„ Prost auf den guten Wein“ – das fröhliche Quartett aus dem Alten Land ist gerne hier – und vor allem oft.

„ Prost auf den guten Wein“ – das fröhliche Quartett aus dem Alten Land ist gerne hier – und vor allem oft.

„Am frühen Abend nochmal schnell mit der Harley aus Stade zum Lühe-Anleger, wunderbar“, sagt Sabine Trispel, die mit ihrer Maschine und Ehemann Dierk die kleine Stippvisite nicht zum ersten Mal gemacht haben.

Urlaubsgefühle

„Wir haben richtige Urlaubsgefühle hier“, sagen Heidi und Moreen Geißler aus Suhl/Thüringen, die auch eine Woche im Ferienhaus gebucht hatten. Etwas mehr „Urigkeit“ hatten sie sich vom Alten Land erwartet, aber sie wollen wiederkommen.

Das ist keine Frage bei dem fröhlichen Quartett bei Wein und Cocktails mit Kirsten Wichern, Petra Warnke, Hergen Drube und Horst Wiemer. Alle wohnen im Alten Land und alle kennen die Getränkekarte auswendig. „Alleine, dass es hier auch einen guten Wein gibt, ist doch den Besuch wert“, sagt Kirsten Wichern, die das beurteilen kann, denn im Hauptberuf ist sie Chefin im „Pannekoken-Hus“ in Stade.

„ Jeden Abend hier“ – Laura und Susanne Schäfer aus NRW.

„ Jeden Abend hier“ – Laura und Susanne Schäfer aus NRW.

„Wir sind mit dem Ziel angetreten, Qualität zu liefern“, sagt Amir Afschartabbar, während hinter uns die Sonne hinter dem Deich versinkt. Brot und Brötchen vom heimischen Bäcker Pfeifer und Fleisch und Wurst von den Fleischereien Ossenbrügge und Bömmelburg in Stade. Es ist kurz vor halb neun und bis auf eine Bank ist das Mobiliar vom „Königlich&Köstlich“ besetzt. Auch die anderen sechs Stände haben an diesem Freitagabend ihr Publikum. Viele Motorradfahrer, die nicht nur, aber auch wegen einem Bier aus der Flasche (gerne auch alkoholfrei) und dem Matjes-Brötchen noch kurz nach „LA“ gekommen sind. Die „besten Pommes der Welt“ soll es nach Aussage der siebenjährigen Lara am „Vierjahreszeiten-Stand“ geben.

Besonderes Areal mit Sturmflutgefahr

Serdar und Yaser stellen derweil vor allem „Aperol Spritz“ zum Sonnenuntergang auf den Tresen, vier Biker wollen das „schnelle Bier“ und zwischendurch bestellen die „Kenner aus dem Alten Land“ den Rosé.

Stippvisite mit den Harleys : Sabine und Dierk Trispel kommen gerne und oft nach „LA“.

Stippvisite mit den Harleys : Sabine und Dierk Trispel kommen gerne und oft nach „LA“.

„Läuft der Laden gut?“ – wer mit so einer Frage einen Wirt konfrontiert, bekommt die übliche Antwort: „Es geht so, wir wollen nicht klagen“, sagt Afschartabbar mit einem Grinsen im Gesicht. Natürlich sind die Wirte besonders am Lühe-Anleger vom Wetter abhängig, Regen geht gar nicht, zu viel Sonne ist auch geschäftsschädigend, so ein Freitag wie heute oder der vergangene Montag sind ideal. Die Pacht für die Gemeinde Grünendeich ist moderat, weil über Geld nicht geredet wird, sollen die Zahlen nicht bekannt werden. Mit 250 Bratwürsten dürfte die Pacht bezahlt sein, vermutet ein Gast. Das Interesse an den Ständen ist groß, die Gemeinde hat keinerlei Probleme, Wirte zu finden, sagt Samtgemeindebürgermeister Michael Gosch. Wenn ein Vertrag endet, wird ausgeschrieben, wenn der Wirt nicht negativ aufgefallen ist, hat er allerbeste Chancen, Wirt am Lühe-Anleger zu bleiben. Dass bei Sturmflutgefahr der Wagen hinter den Deich gezogen werden muss, gehört zu den Gepflogenheiten dieses besonderen Areals, das von Mitte März bis Mitte Oktober Gastronomie bietet. Manchmal auch etwas länger, denn das „Vierjahreszeiten“ öffnet auch im Winter.

Wenn die Sonne hinterm Horizont verschwunden ist, verliert der Lühe-Anleger seine Faszination. Der Nordwind ist kalt. Um halb zehn frösteln die letzten Gäste. Der Sound der Harleys ist verklungen, vom gegenüberliegenden Wohnmobil-Stellplatz sind die letzten Töne der „Ärzte“ zu hören. „Manchmal schließe ich die Augen, stell mir vor ich sitz‘ am Meer.“

Gut, die besingen Westerland. Aber bestimmt nur, weil die noch nie am Lühe-Anleger waren.

24 Stunden

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:

Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT

Teil 2: In der Rettungsleitstelle

Teil 3: Auf Stadersand

Teil 4: In der Intensivstation

Teil 5: Beim Brötchen-Imbiss

Teil 6: Im Molkerei-Tankwagen

Teil 7: Krafttraining beim BSV

Teil 8: Packen des Verkaufswagens

Teil 9: Der Spül- und Saugwagen

Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit

Teil 11: 1000 Essen in der Küche

Teil 12: Am Oste-Sperrwerk

Teil 13: Beim Mittagstisch

Teil 14: Auf der Greundiek

Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei

Teil 16: Beim Minigolf

Teil 17: Die DJs von der Elbe

Teil 18: Auf der Eier-Farm

Teil 19: Beim Strandwächter

Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund

Teil 21: Am Lühe-Anleger

Teil 22: Katzen fangen

Teil 23: Kneipen-Kehraus

Teil 24: Der letzte Zug

„Wir wollen nicht klagen “ – Wirt Amir Afschartabbar.

„Wir wollen nicht klagen “ – Wirt Amir Afschartabbar.

Für die einen ist es nur der Lühe-Anleger, für andere „LA“

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