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24-Stunden-Reportage

TSie ist nachts mit Katzenfalle unterwegs

Foto: Pixabay

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Als das Auto der Tierhilfe Stade zu der kleinen Lichtung auf der Geest fährt, bewegen sich im Gebüsch zierliche Schatten in eine Richtung. Katzen. Beate Dowson wird gleich eine Futterdose öffnen und Fallen aufstellen.

Von Miriam Fehlbus Donnerstag, 26.08.2021, 14:00 Uhr

Es wird langsam dunkel. Erst jetzt, gegen 21 Uhr und bei Einbruch der Dunkelheit, kommen auch die kleinen Katzen zu der Futterstelle, die die Tierhilfe seit geraumer Zeit ehrenamtlich betreut. Beate Dowson will heute die letzten beiden Jungtiere einfangen. Vier hat sie bereits bekommen. Und eigentlich muss sie auch dringend das Muttertier in die Falle locken. Sonst nimmt es kein Ende mit dem Nachwuchs. „Die Mutti ist schon klapperdünn“, sagt die Vorsitzende des Vereins Tierhilfe Stade. Aber die Samtpfote ist so misstrauisch, seit sie einmal im letzten Moment entwischen konnte. Es wird schwer werden.

Futterstellen für Streuner

Die Tierhilfe Stade ist der einzige Verein im Landkreis, der ehrenamtlich Fallen aufstellt und Futterstellen für Streuner betreut. Dazu gehören auch die Kosten für Futter für gut 300 Katzen, finanziert über Spenden und Beiträge der etwa 500 Mitglieder. „140 Katzen und Kater haben wir dieses Jahr schon gefangen und kastrieren lassen“, sagt Beate Dowson. Die studierte Anglistin, die tagsüber in der Erwachsenenbildung arbeitet, ist nachts nicht selten auf der Spur der Katzen im Landkreis Stade unterwegs.

Für verschiedene Kommunen übernimmt der Tierschutzverein das Einfangen von Streunern. Es ist noch gar nicht lange her, da konnten die ehrenamtlichen Helfer in Fredenbeck an einer Stelle 30 Tiere einfangen. „Wenn man da noch ein Jahr wartet, sind es 90“, sagt Dowson. Den Tieren geht es dabei nicht gut. Muttertiere werden vom Kraftakt der ständigen Jungtieraufzucht ausgemergelt. Die Kater bekämpfen sich, verletzen sich. Und gegen Katzenschnupfen und andere Krankheiten ist auch keiner geimpft.

Der kleine Kater lässt sich an diesem Abend nicht einfangen. Aber er muss dringend zum Tierarzt.

Der kleine Kater lässt sich an diesem Abend nicht einfangen. Aber er muss dringend zum Tierarzt.

Als hätte er ein Zeichen bekommen, kommt ein Kater mit dunklem Fell und weißen Beinen und Halsbereich aus dem Busch gesprungen. Auf den ersten Blick sieht er nicht krank aus. Aber Beate Dowson sieht sofort, dass er ein Geschwür am Auge hat. Fortlaufend kratzt er sich. Flöhe und Zecken quälen ihn.

Beate Dowson hat die Fangkörbe wie immer aufgestellt. Dort, wo gefüttert wird. Der Geruch des Futters steigt auch dem Kater in die Nase. Aber „Opi“, wie Beate Dowson ihn kurzerhand nennt, hält Abstand. Er ist neu an dieser Futterstelle.

Dafür kommen andere Katzen dazu. Ein paar von ihnen sind schon kastriert und wieder hier ausgesetzt worden. Sie will Beate Dowson gar nicht bekommen. Da tauchen die beiden Kleinen mit ihrer Mutter auf. Die Tierschützerin zieht sich ins in der Nähe geparkte Auto zurück.

Tiere vermehren sich schnell

In vielen Fällen würden sich die Menschen zu spät melden, wenn ihnen Katzen zulaufen und sie diese füttern, sagt Beate Dowson. Am Anfang sind es vielleicht nicht viele, aber die Tiere können sich schnell vermehren. Durchschnittlich zwei Mal im Jahr bekommt eine Katze Nachwuchs. In der freien Natur, ohne Zufüttern, überleben durchschnittlich drei von den Kleinen. Weibliche Katzen können nach sechs bis acht Monaten geschlechtsreif sein. Wird das zu Ende gerechnet, sind aus Katze und Kater nach einem Jahr vielleicht zwölf Tiere geworden, nach zwei Jahren über 60, ein Jahr weiter mehr als 300. Auch die Inzucht kann dabei zum Problem werden.

Die beiden Jungtiere sind gemeinsam in die Falle gegangen . Sie werden jetzt kastriert und dann in einer Pflegestelle an Menschen gewöhnt. Danach können sie vermittelt werden. Fotos: Fehlbus

Die beiden Jungtiere sind gemeinsam in die Falle gegangen . Sie werden jetzt kastriert und dann in einer Pflegestelle an Menschen gewöhnt. Danach können sie vermittelt werden. Fotos: Fehlbus

Ein lautes Klack ist zu hören. Beate Dowson richtet sich ruckartig auf. Die Falle ist zugegangen. Eines der Tiere, muss beim Gang zum platzierten Fressnapf mit der Pfote auf das Pedal gekommen sein, das die Klappe am Eingang schließen lässt. Schnell geht es mit der Lampe zum Fangkorb. „Gleich beide auf einmal“, ruft Beate Dowson glücklich. Die Kleinen haben zusammen den Weg zum Futter genommen und sitzen jetzt maunzend hinter Gittern. Beruhigen lassen sie sich durch Worte kaum. Erst als ein Handtuch über den Korb gelegt wird, werden sie ruhiger.

„Vielleicht kommt jetzt die Mutter, um sie zu holen, und wir bekommen sie endlich“, sagt Beate Dowson. Sie nutzt einen Überlaufkorb, stellt die Falle genau so vor die Kleinen, dass es für das Muttertier so aussehen muss, dass sie hier zu ihren Kindern kommt. Dann heißt es wieder warten.

Junge Katzen werden vermittelt

Junge Katzen wie die beiden Kleinen werden noch vermittelt werden können. Mit viel Geduld werden sie in Pflegestellen an den Menschen gewöhnt. Sind die Katzen schon zu lange als Streuner und wild lebende Katzen unterwegs, ist das in der Regel nicht mehr möglich. Sie werden meist nach der Kastration wieder an Ort und Stelle ausgesetzt und dort weiter gefüttert.

Die Kastrationskosten müssen die Kommunen übernehmen, auf deren Grund die Katzen gefunden wurden. Als Fundtiere sind Städte- und Gemeindeverwaltungen für die herrenlosen Tiere zuständig. Auch deshalb diskutieren immer mehr Räte über eine Katzenschutz- und Kastrationsverordnung. So soll erreicht werden, dass niemand seine Katze unkastriert als Freigänger hält. Und dabei kann es auch schon reichen, belangt zu werden, wenn man die Katze füttert, ohne diese als zugelaufenes Tier gemeldet zu haben. Die Tierschützer kommen unentgeltlich zum Einfangen, wenn sie gerufen werden.

Die Kastration und eine Impfung können viel Leid verhindern und auch eine noch gängige, strafbare Handlung verhindern: „Wir wissen, dass auf einigen Höfen noch Katzenbabys ertränkt oder gegen die Wand geworfen werden“, sagt Beate Dowson, während die Katzenmutter aus dem Gebüsch laut nach ihren Kleinen ruft. Auch mit Schusswaffen wird auf die Streuner angelegt. Dass es andere Möglichkeiten gibt, ist Überzeugungsarbeit, die die Tierschützer im Moment leisten müssen. „Wir arbeiten mit vielen Kommunen und dem Tierheim Stade gut zusammen“, sagt Beate Dowson. Sie sitzt an diesem Abend noch bis 23 Uhr an der Stelle. Zum Einfang-Erfolg kommt es nicht mehr. Die zwei kleinen Katzen werden am nächsten Morgen sofort zu einer Tierärztin gebracht. Nach erfolgter Kastration und Impfung werden sie in die Vermittlung gehen. Oft braucht es Zeit, bis sie sich an das Zuhause gewöhnen. Die Menschen brauchen Geduld – beim Fangen der Katzen und jedem Schritt danach.

24 Stunden

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:

Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT

Teil 2: In der Rettungsleitstelle

Teil 3: Auf Stadersand

Teil 4: In der Intensivstation

Teil 5: Beim Brötchen-Imbiss

Teil 6: Im Molkerei-Tankwagen

Teil 7: Krafttraining beim BSV

Teil 8: Packen des Verkaufswagens

Teil 9: Der Spül- und Saugwagen

Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit

Teil 11: 1000 Essen in der Küche

Teil 12: Am Oste-Sperrwerk

Teil 13: Beim Mittagstisch

Teil 14: Auf der Greundiek

Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei

Teil 16: Beim Minigolf

Teil 17: Die DJs von der Elbe

Teil 18: Auf der Eier-Farm

Teil 19: Beim Strandwächter

Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund

Teil 21: Am Lühe-Anleger

Teil 22: Katzen fangen

Teil 23: Kneipen-Kehraus

Teil 24: Der letzte Zug

Nachschub an Fangkörben : Sie wurden extra gebaut. Der Verein könnte noch ein paar mehr gebrauchen.

Nachschub an Fangkörben : Sie wurden extra gebaut. Der Verein könnte noch ein paar mehr gebrauchen.

Sie ist nachts mit Katzenfalle unterwegs

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